Immer mehr Berliner Gymnasien greifen im Unterricht offenbar auf vereinfachte Versionen von Literaturklassikern zurück. Der Sprecher des Cornelsen-Verlags, Sven Haedecke, sagte dem „Tagesspiegel“: „Unser Eindruck ist, dass zunehmend auch Lehrkräfte an Gymnasien gerne mit der Reihe arbeiten.“

Der Cornelsen Verlag ist auf die Entwicklung von Schulbüchern spezialisiert und bietet mit seiner Reihe „Einfach klassisch“ verschiedene literarische Werke in einfacher Sprache an, darunter „Romeo und Julia“, „Wilhelm Tell“ oder „Faust“. Ursprünglich sei die Reihe vor allem für Haupt-, Real- und Gesamtschulen konzipiert worden.

Die vereinfachten Versionen sind kürzer, in verständlicherer Sprache geschrieben und enthalten unterstützende Elemente wie etwa Worterklärungen, Infoboxen oder Bilder. Durch das moderne Layout und den niedrigeren sprachlichen Einstieg soll Lesefrust vermieden werden.

Auf der Website des Verlags heißt es, „Einfach klassisch“ erleichtere weniger geübten Lesern ab Klasse acht den Zugang zu klassischer Literatur und steigere „nachhaltig die Lesemotivation“.

Den Trend hin zu vereinfachten Literaturklassikern bestätigte dem „Tagesspiegel“ eine Deutschlehrerin des Lessing-Gymnasiums in Berlin-Wedding. So hätte die Schule im Deutscharchiv insgesamt sechs Literaturklassiker jeweils als Klassensatz in einfacher Sprache vorrätig. Sie habe zwar keinen Überblick darüber, wie häufig Lehrkräfte auf diese Bücher zurückgriffen, doch sie sehe an der Ausleihe im Medienzentrum, „dass sie in der 8. oder 9. Klasse gewählt werden.“

In der Vergangenheit habe sie sich in einer neunten Klasse „vor allem aus Zeitgründen“ ebenfalls für die vereinfachte Variante von „Nathan der Weise“ entschieden, sagte die Lehrerin. „Hier stand die Begegnung mit einem klassischen Drama der Aufklärung im Vordergrund, das heißt Handlungsverlauf, Figurenkonstellation und Figurenrede und nicht so sehr die Redeanalyse“, erklärte sie. Für die Redeanalyse müsse aus ihrer Sicht dagegen „unbedingt“ der Originaltext verwendet werden.

Erfahrene Pädagogen kritisieren die Entwicklung hin zu Literaturklassikern in einfacher Sprache. Die frühere Berliner Referatsleiterin in der Bildungsverwaltung, Christiane Sauerbaum-Thieme, sagte dem „Tagesspiegel“: „Ein Gespenst geht um im Berliner Deutschunterricht: Literatur in einfacher Sprache“. Es bestehe die „Tendenz zur Auszugskunde“, was bedeute, dass Literatur nur „häppchenweise“ gelesen werde.

Der „Lehrer des Jahres 2013“, Robert Radecke-Rauh, erklärte, er finde es zwar „nachvollziehbar“, wenn Lehrkräfte auf vereinfachte Varianten zurückgriffen, um den inhaltlichen Zugang zu erleichtern. „Aber wenn wir damit beginnen, literarische Texte in einfache Sprache zu überführen, rauben wir den Klassikern ihre ästhetische Substanz und den Gymnasien ihren Anspruch, die Hochschulreife zu erwerben“, sagte er. In der Musik komme schließlich auch niemand auf die Idee „Mozarts Opern in simple Klänge zu verwandeln“.

Den Recherchen des „Tagesspiegels“ zufolge greifen nicht ausschließlich Gymnasien mit einem hohen Migrantenanteil auf vereinfachte Literaturklassiker zurück. Auch berichteten Schüler und Eltern des Georg-Büchner-Gymnasiums in Berlin-Lichtenrade, dass sie die Cornelsen-Reihe verwendeten. Dort liege der Anteil der Schüler, die zu Hause nicht auf Deutsch kommunizieren, bei lediglich zehn Prozent.

Die Schule selbst äußerte sich auf Anfrage nicht zur Verwendung der vereinfachten Versionen, verwies stattdessen an die Senatsverwaltung für Bildung. Deren Sprecher betonte, dass die Cornelsen-Reihe nur in einzelnen Klassen verwendet werde und es sich außerdem um einen „Pilotversuch“ handele.

Schüler des Gymnasiums hätten sich über diese Aussage verwundert gezeigt, schreibt der „Tagesspiegel“. Die Reihe komme am Büchner-Gymnasium bereits seit vielen Jahren zum Einsatz, heißt es.

Neben Kritikern gibt es auch Befürworter der vereinfachten Literaturklassiker. Christian Plein vom „Fachverband Deutsch“ sagte etwa: „In Zeiten, in denen viele Jugendliche – besonders mit Migrationshintergrund – das Lesen nur bedingt oder kaum beherrschen, ist es tatsächlich unverzichtbar, ihnen komplexere Texte durch einfache Sprache nahezubringen.“

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