Es ist immer noch vieles rätselhaft beim wohl größten Bankraub in der Geschichte von Nordrhein-Westfalen. Seit zwei Wochen ist bekannt, dass kurz vor dem Jahreswechsel eine Bande in einer Sparkassen-Filiale im Stadtteil Gelsenkirchen-Buer eingebrochen war. Mit einem Kernbohrer war sie durch eine Wand in den Tresorraum gelangt und hatte etwa 3200 Schließfächer aufgebrochen.

Die Einschätzungen zum Vermögensschaden schwanken zwischen einer zwei- und dreistelligen Millionensumme, weil noch unklar ist, wie viel Bargeld, Gold, Schmuck und andere Wertgegenstände genau die betroffenen Kunden aufbewahrt haben. Die Polizei hat Videobilder aus dem benachbarten Parkhaus öffentlich gemacht, auf dem drei maskierte Männer und zwei gestohlene Autos zu sehen sind.

Als Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Dienstagmorgen im Innenausschuss des Landtags einen mündlichen Bericht zu dem spektakulären Fall vorträgt, kann er nur im Ungefähren bleiben. Die Ermittlungen seien „in vollem Gange“, sagt Reul zu den Abgeordneten. Es gebe zum Teil noch keine Antworten, außerdem wolle man den Tätern keine Hinweise liefern. Viele Fragen könnten erst später beantwortet werden.

Stillhalten mag Reul allerdings nicht, auch weil zahlreiche Betroffene, Medien und Opposition Antworten suchen und Reaktionen fordern. Deshalb geht es bei diesem Bankraub nicht nur um die Tat selbst und um die Ermittlungen, sondern auch darum, wie man etwas sagt, obwohl es wenig zu sagen gibt. Reul ist als Innenminister in seinem Verantwortungsbereich ständig solchen Situationen ausgesetzt und hat darin eine gewisse Routine entwickelt. Als bundesweit wohl profiliertester Innenpolitiker ist es dem 73-jährigen Christdemokraten sogar zuträglich, wenn er offen Ratlosigkeit und Zurückhaltung zeigt.

Die SPD-Opposition kritisiert, dass sich niemand aus der Landesregierung zeitnah zum Bankraub in Gelsenkirchen geäußert habe. Sie hat deshalb die Sondersitzung im Innenausschuss beantragt und hält sich zugute, dass dadurch eine „gewisse Dynamik“ entstanden sei, da der Minister bereits im Vorfeld der Sitzung mehrere Interviews gegeben habe. Reul kontert das im Ausschuss mit dem Hinweis, dass er bewusst lange nichts gesagt habe und auch Schwierigkeiten mit Interviewanfragen habe: „Wenn Sie sich die Interviews anschauen, die sind auch nicht alle irrsinnig inhaltsschwer, weil man einfach zu wenig weiß“, sagt Reul im Innenausschuss. Man müsse „wahnsinnig aufpassen, damit man keine falschen Wirkungen erzeugt“.

Reul verweist auf einen anderen länger zurückliegenden Fall. Damals ging es um eine Serie von Explosionen in Köln und anderen Städten. Man habe damals über Vergeltungsschläge der Drogenmafia aus den Niederlanden spekuliert, doch am Ende sei es ganz anders gewesen. Die Kölner Polizei habe über Monate intensiv ermittelt und die Täter seien inzwischen angeklagt und verurteilt, betont Reul. Deshalb plädiert er auch mit Blick auf die mehr als 200 involvierten Ermittler im Gelsenkirchener Fall: „Man muss denen auch manchmal die Ruhe und die Zeit lassen, um da weiterzukommen.“

Reul nennt in seinem mündlichen Bericht an den Innenausschuss nicht einmal die genaue Tatzeit, obwohl eigentlich jedes Öffnen und Schließen eines einzelnen Schließfaches elektronisch dokumentiert wird; eigentlich, denn Technik und Elektronik in der Filiale scheinen bei diesem Raub nach bisherigem Kenntnisstand ein großer Unsicherheitsfaktor gewesen zu sein. Es gab nach Reuls Angaben vor Ort eine Brandmelde- und eine Einbruchsalarmanlage. Doch am 27. Dezember löste morgens gegen sechs Uhr nur die Brandmeldeanlage im Tresorraum aus, der sich neben dem Tresorraum mit den Schließfächern befindet.

Feuerwehr, Polizei und Sicherheitsdienst rückten zur Bankfiliale aus, bemerkten beim Rundgang keine Auffälligkeiten, gingen von einem Fehlalarm aus, und stellten die Brandmeldeanlage wieder scharf. Zwei Tage später, am 29. Dezember, ging die Brandmeldeanlage wieder frühmorgens los, und dieses Mal fanden die alarmierten Kräfte an der Filiale Einbruchsspuren. Seitdem ermittelt die Besondere Aufbauorganisation von Polizei Gelsenkirchen und Staatsanwaltschaft Essen. Es gibt den Verdacht, dass die Bande einen ortskundigen Helfer hatte, einen „Insider“. Aber es ist vollkommen unklar, ob es jemand aus der Sparkasse oder der Nachbarschaft gewesen sein könnte.

Vom späten Vormittag bis zum Nachmittag Fächer geknackt

Etwa eineinhalb Stunden nach der Sondersitzung im Ausschuss meldet sich die Polizei Gelsenkirchen mit einer längeren Mitteilung zu Wort: Demnach lässt sich anhand der ausgewerteten Daten sagen, „dass die Täter am Samstag, 27. Dezember 2025, um 10.45 Uhr das erste Schließfach in dem Tresorraum aufbrachen. Die letzte digitale Aufzeichnung der Öffnung eines Schließfaches war um 14.44 Uhr.“

In diesen vier Stunden seien die vorhandenen 3256 Schließfächer aufgebrochen worden. Die Ermittler fanden zudem heraus, dass eine vom Parkhaus aus nicht zu öffnende Fluchttür manipuliert wurde und die Täter dadurch ungehindert ins Sparkassengebäude gelangen konnten.

Mehrere Hunderttausend Gegenstände lägen immer noch auf dem Boden des Tresorraums. Kriminaltechniker aus ganz Nordrhein-Westfalen untersuchen die Gegenstände auf Spuren, katalogisieren, fotografieren und sichern. Dazu wurden sogenannte Bearbeitungsstraßen eingerichtet, an denen auch Mitarbeiter der Sparkasse anwesend sind. Die Arbeit wird noch komplizierter und zeitraubender, weil die Täter im Tresorraum offenbar chemische Flüssigkeiten verteilt haben, um womöglich Spuren zu verwischen.

Die betroffenen Kunden werden wohl noch länger darauf warten müssen, um zu erfahren, was aus dem Inhalt ihres Schließfachs geworden ist. Es müssten nach Polizeiinformationen weit mehr als 3000 geschädigte Personen kontaktiert und zum Inhalt der Schließfächer befragt werden. Dies erfordere „eine umfangreiche logistische Planung“.

„Wir haben es hier mit einem der größten Kriminalfälle in der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen zu tun“, erklärt Gelsenkirchens Polizeipräsident Tim Frommeyer. Allen Mitarbeitern seiner Behörde seien die großen Ausmaße bewusst. Er bitte um Verständnis, „dass viele Dinge ihre Zeit brauchen, um auch zum Erfolg zu führen“.

Kriminaldirektor André Dobersch, der den Einsatz als verantwortlicher Polizeiführer leitet, hat wenig Verständnis für die in den sozialen Medien geäußerten Sympathien für die Täter: „Wir sprechen hier nicht von Panzerknackern in einem Comic, sondern von Kriminellen, die vielen Schließfach-Inhabern schlaflose Nächte bereiten und Existenzen zerstört haben. Daher gibt die gesamte Polizei alles, um in dieser beispiellosen Tat Licht ins Dunkel zu bringen.“

Betroffene Kunden haben sich inzwischen an Anwälte gewandt, die Klagen wegen einer Pflichtverletzung gegen die Sparkasse vorbereiten. Offensichtlich, so deren Einschätzung, sei das Sicherheitskonzept der Bank unzureichend. Der Gelsenkirchener Sparkassenchef Michael Klotz wies Kritik an der Sicherheitstechnik zurück: „Die Filiale mit dem Schließfachraum war nach dem anerkannten Stand der Technik gesichert“, betonte Klotz zuletzt. Die Maßnahmen seien laufend verbessert worden.

Kristian Frigelj berichtet für WELT über bundes- und landespolitische Themen, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

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