Stephan Dorgerloh, ehemals Pfarrer und Kultusminister von Sachsen-Anhalt (SPD), hat das Nationale Forum Frühe Bildung ins Leben gerufen. Unter seiner Führung etabliert sich eine Gruppe von Wissenschaftlern und Politikern, die sprachliche und mathematische Bildung in Kitas fest verankern will. Bildungsforscher sehen in Dorgerlohs Initiative den entscheidenden Schlüssel, um die Grundfähigkeiten im Lesen und Schreiben von Grundschülern zu verbessern. Der 59-Jährige ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Wider Sense.

WELT: Herr Dorgerloh, im vergangenen Sommer haben Sie zum ersten Mal 80 Entscheidungsträger für den frühkindlichen Bildungsbereich an einen Tisch geholt. Wie lief es?

Stephan Dorgerloh: Es ist noch etwas komplizierter als bei der Schulbildung, weil viele verschiedene Verbände und Kita-Träger mit am Tisch sitzen, die alle ihre eigenen Konzepte und Vorstellungen haben. Umso wichtiger, dass wir darüber reden und gemeinsame Ziele entwickeln. Unser Hauptfokus ist die Frage: Wie bekommen wir mehr Qualität in die Kitas und wie messen wir das? Landespolitiker, Bildungsforscher und die einzelnen Träger und deren Kita-Leitungen müssen gemeinsam daran arbeiten.

WELT: Gibt es derzeit einen Überblick, welche Förderung in Kitas stattfindet und vor allem, ob sie wirkt?

Dorgerloh: Nein. Insbesondere gibt es keine bundesweit verbindliche Messung der Qualität der Maßnahmen. Die brauchen wir aber dringend. Ein Anhaltspunkt sind die Schuleingangsuntersuchungen. Aus Daten zu deutschen Großstädten kann man ablesen, dass rund ein Drittel der Kinder, die kurz vor der Einschulung stehen, nicht die notwendigen Kompetenzen für den Übergang zur Schule mitbringen. Da fragt man sich natürlich, wie kann man in der Kita gegensteuern? Wesentliche soziale und sprachliche Kompetenzen sollten bei Schuleintritt entwickelt sein, damit die Kinder nahtlos mit dem Lesen und Schreiben Lernen beginnen können.

WELT: Zumindest weiß man etwas über den Betreuungsschlüssel. Der liegt in den meisten Bundesländern bei vier Kleinkindern oder bei zwölf über dreijährigen Kindern pro Erzieher – und wird meist nicht eingehalten.

Dorgerloh: Der Betreuungsschlüssel sagt erst einmal wenig über die Qualität aus. Wenn Einrichtungen mit einem sehr guten Personalschlüssel kein pädagogisches Konzept haben, werden die Kinder trotzdem nicht gut genug gefördert oder sogar gar nicht. Hingegen können hoch motivierte Erzieher-Teams, die keinen guten Schlüssel haben, qualitativ eine Menge auf die Beine stellen.

WELT: Im Juni bringen Sie erneut 80 Fachleute beim Nationalen Forum Frühe Bildung zusammen. Was ist Ihr Ziel?

Dorgerloh: Es werden entscheidende Stakeholder eingeladen, die Spitzen der großen Verbände, Staatssekretäre, Landesminister, Kita-Leitungen, wichtige Stiftungen, Wissenschaftler. So ein Zusammentreffen ist neu. Wir fragen, wie wir die Kitaqualität in Deutschland verbessern können, und blicken auch auf Nachbarländer, etwa nach Norwegen, die ein sehr gutes frühkindliches Bildungssystem haben. Wo kann man sich inspirieren lassen? Es wäre ein großer Schritt, wenn sich diese Gruppe auf gemeinsame Handlungsempfehlungen einigt. Alle müssen erkennen, dass sie einen Beitrag zur Verbesserung der Situation leisten können.

WELT: Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat den Ausbau der frühkindlichen Bildung kürzlich zur „Schicksalsfrage für Deutschland“ erklärt. Eine angemessene Einordnung?

Dorgerloh: Absolut. Viele Kinder bekommen die Bildungsimpulse, die sie für ein gutes Leben brauchen, momentan in der frühen Kindheit einfach nicht. Wir stehen mit dem Ministerium in engem Kontakt und sind uns einig: Wir brauchen ein bundesweit einheitliches Ziel, was Kita erreichen soll. Für mehr Qualität brauchen wir aber zunächst die Erhebung von Daten. Was passiert derzeit in den Kitas? Erst dann können wir gezielt verbessern.

WELT: Ab diesem Jahr soll es in fast allen Bundesländern Sprachstandserhebungen für Vierjährige geben, um eine gezielte Förderung für bedürftige Kinder anzuschließen. Wer soll das machen?

Dorgerloh: Einige Kita-Verbände sind noch sehr skeptisch und haben Angst, förderbedürftige Kinder zu stigmatisieren. Sie favorisieren das Konzept der alltagsintegrierten Förderung. Vom Tischdecken bis zum Händewaschen – in allen Situationen sollen Sprachanlässe geschaffen werden. Das hört sich in der Theorie gut an, aber wir wissen wenig darüber, wie es umgesetzt wird. Es gibt vielfach Beobachtungen, dass die Umsetzung nur mangelhaft erfolgt. Darauf allein können wir uns vermutlich nicht verlassen.

WELT: Das heißt, die Erzieher müssten sich trauen, förderbedürftige Kinder gezielt zu separieren?

Dorgerloh: Man muss es schaffen, Momente der Konzentration zu schaffen, um wirklich zu fördern, also auch mal die Kinder für besondere Impulse beiseitezunehmen. Das passiert ja auch, wenn etwa ein Erzieher einem Kind beibringt, eine Schleife zu binden. Natürlich muss man da sensibel vorgehen. Aber wenn man es nicht macht und die Förderung ausbleibt, wird man den Bedarfen des Kindes noch viel weniger gerecht.

Es hilft ein positiver Ansatz: Was kann das Kind schon alles? Bringt es zum Beispiel eine weitere Sprache mit, sollte das als besonderes Potenzial und nicht als Belastung gesehen werden. Das, was es noch nicht kann, sollte man mit gezielter Förderung beibringen.

WELT: Wie groß ist der Widerstand der Kita-Träger gegen so eine gezielte Förderung?

Dorgerloh: Es gibt Abwehrhaltungen, insbesondere vonseiten einiger Trägerverbände. Verkürzt gesprochen existieren zwei Positionen: die Befürworter der stärker bedürfnisorientierten Erziehung, die von dem ausgeht, was das Kind möchte. Und dann gibt es diejenigen, die sagen, man kann einem Kind nicht die Verantwortung dafür geben, zu erkennen, wo es seine Bedarfe hat. Sie befürworten eine stärker bedarfsorientierte Erziehung, entlang dem, was das Kind braucht. Diese Stimmen werden gerade lauter und fordern eine neue Denkweise in der Kita, die auf Bildung und Förderung setzt.

WELT: Was halten Sie von einer bedürfnisorientierten Erziehung?

Dorgerloh: Meine Meinung ist, dass wir uns eine rein bedürfnisorientierte Erziehung nicht leisten können, gerade nicht in einer Einwanderungsgesellschaft. Wir müssen uns auch davon leiten lassen, was ein Kind braucht, um in Deutschland ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Unterrichtssprache Deutsch ist dafür eben zwingend notwendig. Also muss etwas passieren.

WELT: Rund ein Viertel der Drittklässler verfehlt die Mindeststandards im Lesen, Schreiben und Rechnen. Darunter sind auch viele Kinder deutscher Eltern.

Dorgerloh: Richtig. Auch Selbstregulierungskompetenzen müssen in der Kita gut gefördert werden. Derzeit sinken die Anmeldezahlen in einigen Bundesländern. Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, Erzieherstellen zu kürzen. Die sogenannte demografische Rendite sollte jetzt in einen besseren Schlüssel und mehr Qualität investiert werden.

WELT: Das heißt, die Kitas brauchen mehr Geld?

Dorgerloh: Wenn man es rein ökonomisch betrachtet, lohnt sich hier jeder Euro. Kinder, die lange und früh eine gute Kita besucht haben, haben einen deutlichen Vorsprung bei der Einschulung. Erfolgreiche Schüler haben einen höheren Schulabschluss und später ein höheres Einkommen. Wir müssen also aufschließen und die Kita zu einem Schmuckstück in der Bildungskette werden lassen. Dafür brauchen wir auch Kita-Personal, das für eine gezielte Sprachförderung qualifiziert ist und entsprechend bezahlt wird.

WELT: Wie wollen Sie Kita-Träger überzeugen, dass es wichtig ist, die Qualität fortan genau zu überprüfen?

Dorgerloh: Letztlich sind die Einrichtungen mit viel Steuergeld finanziert. Wir haben streng genommen ein Recht darauf, zu wissen, was dort passiert und wie pädagogisch mit dem Kind gearbeitet wird. Die Vielfalt der Kita-Träger ist einerseits Herausforderung und andererseits auch eine Chance. Wir haben in einigen Ländern gesehen, dass man durch das Setzen von Anreizen für Kitas und Träger auch sehr schnell zu Veränderungen kommen kann.

WELT: Deutschland ist eines der wenigen europäischen Länder, in denen Bildung in der Kita bislang keinem einheitlichen Konzept folgt. Wie machen es Nachbarländer?

Dorgerloh: Die Dänen haben etwa ein hervorragendes Konzept. Einen dänischen Erzieher können Sie nachts um fünf Uhr wecken, dann schaut er auf seinem Tablet nach, auf welchem Stand das einzelne Kind ist und was es kürzlich dazugelernt hat oder mit welchen Maßnahmen es gefördert wurde. Dort teilen die verschiedenen Ebenen gemeinsame Bildungsziele und ziehen an einem Strang.

WELT: Ist das auch Ihre Vision für deutsche Kitas?

Dorgerloh: Mit einer Bildungs-ID für jedes Kind könnten wir Bildungsbiografien beginnend in der Kita auf jeden Fall besser auswerten und genau nachvollziehen, welche Maßnahmen wirken. Damit wären wir einen Riesenschritt weiter.

Politikredakteurin Freia Peters berichtet für WELT über Familien- und Gesellschaftspolitik sowie Bildung.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.