Für das glückliche Ende eines 25-jährigen Schauspiels haben sich die Organisatoren eine ganz besondere Bühne ausgesucht. Im „Gran Teatro José Asunción Flores“ soll am Samstag in der paraguayischen Hauptstadt Asunción der EU-Mercosur-Freihandelsvertrag feierlich unterzeichnet werden. Mit rund 700 Millionen Einwohnern entsteht die größte Freihandelszone der Welt, mit neuen Märkten und neuen Chancen. Jährlich werden europäische Unternehmen vier Milliarden Euro an Zöllen einsparen, prognostiziert der Bundesverband der Deutschen Industrie.

Damit endet ein Verhandlungsmarathon, der im vergangenen Vierteljahrhundert alle Schwächen der Europäischen Union offenlegte: Zerrissenheit, Überheblichkeit und nationale Egoismen. Und der einen der schwersten Fehler der EU der vergangenen Jahre korrigiert.

Anfangs waren die Südamerikaner den Europäern mangels volkswirtschaftlicher Stärke zu uninteressant. Als die Länder stark aufholten, insbesondere die Agrarindustrie, kritisierten die Europäer während der Präsidentschaft des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien die vermeintlich zunehmende Abholzung des Regenwaldes und legten 2019 den unterschriftsreifen Vertrag auf Eis.

Inzwischen ist Südamerika für die Europäer zu einem kleinen Rettungsanker in einer stürmischen geopolitischen See geworden, der auch die letzten Zweifler in Paris überzeugte, dass es vielleicht doch besser ist, paneuropäische über nationale Partikularinteressen zu stellen.

„Aus zivilisatorischer und geopolitischer Sicht ist das Abkommen eine hervorragende Nachricht“, sagte der brasilianische Ökonomie-Professor Paulo Gala von der renommierten Wirtschaftshochschule FGV in São Paulo im Gespräch mit WELT. „Die Annäherung Brasiliens an Europa, des Mercosur an Europa, ergibt durchaus Sinn, auch aufgrund der historischen Wurzeln Italiens, Spaniens und Portugals. Es gibt also eine Integration der Nachkommen.“ Volkswirtschaftlich erwartet Gala, dass sich ausländische Direktinvestitionen von Europäern in Brasilien und im Mercosur erhöhen könnten.

Das Abkommen verspreche für beide Seiten einige strategische Vorteile, sagte Constanza Mazzina von der Privaten Universität UCEMA in Buenos Aires WELT. „Das Abkommen ermöglicht beiden Blöcken, ihre Abhängigkeit von Mächten wie China und den Vereinigten Staaten zu verringern, indem sie eine strategische Allianz im Atlantik bilden.“

Für die Verbraucher sei ein Preisrückgang bei importierten Produkten zu erwarten, das gelte insbesondere für Technologie und Autos im Mercosur und Lebensmittel in der EU. „Und im Feld der Investitionen wird es größere Rechtssicherheit geben, was langfristige europäische Investitionen in Infrastruktur und Energie in Südamerika anziehen wird“, erwartet Mazzina.

Für Europa gibt es in Südamerika viel aufzuholen. Dort stand Brüssel in den vergangenen Jahren vor allem für eine Politik der Belehrungen. Brasiliens Präsident Lula da Silva geißelte dies als „grünen Kapitalismus“, der nur dazu diene, die eigenen Märkte abzuschotten.

Die europäische Zerstrittenheit und Tatenlosigkeit nutzte der Handelsgigant China, um zum wichtigsten Handelspartner der großen südamerikanischen Länder zu avancieren. Gleichzeitig treiben die USA mit aller Macht seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss südlich des Rio Bravo voran. Dank aus US-Sicht positiver Wahlergebnisse in Honduras, Ecuador, Bolivien, Chile und Argentinien ist der Einfluss Washingtons gestiegen.

Dieser wachsende Druck auf Europa von mehreren Seiten und die militärische Bedrohung durch Russland haben offenbar dazu geführt, dass die EU sich zu einer Unterzeichnung des Mercosur-Abkommens zusammenraufen konnte.

Zum Mercosur gehören derzeit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Bolivien, das lithiumreichste Land der Welt, stößt in Kürze dazu. Venezuelas Mitgliedschaft wurde 2016 wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen suspendiert. Sollte es im ölreichsten Land der Welt allerdings in absehbarer Zeit eine demokratisch legitimierte Regierung geben, wäre eine Rückkehr in das Handelsbündnis denkbar. Europa hätte dann mittelfristig Handelspartner mit sehr begehrten Rohstoffreserven.

„Mit dem Mercosur-Abkommen schaffen wir einen Markt mit 700 Millionen Menschen – die größte Freihandelszone der Welt. Unsere Botschaft an die Welt lautet: Partnerschaft schafft Wohlstand, und Offenheit treibt den Fortschritt voran“, pries EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die neuen Partnerschaften. „In einer Zeit, in der Handel und Abhängigkeiten als Waffe eingesetzt werden und der gefährliche, transaktionale Charakter der Realität, in der wir leben, immer deutlicher wird, ist dieses historische Handelsabkommen ein weiterer Beweis dafür, dass Europa seinen eigenen Kurs fährt und als verlässlicher Partner auftritt.“

Lula sorgt für Verstimmung

Während Europa sich auf den letzten Drücker zusammenreißen konnte, gibt es auf der anderen Seite des Atlantiks Verstimmungen. Brasiliens Präsident Lula da Silva, der in Asunción voraussichtlich nicht dabeisein wird, hat in Rio de Janeiro schon mal einen eigenen Gipfel mit von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa inszeniert. Das gibt schöne Bilder im Vorfeld der Präsidentschaftswahl in Brasilien im Oktober.

„Einen Tag zuvor einen parallelen Gipfel zu organisieren – das ist respektlos Ihren Partnern gegenüber“, zitiert die argentinische Zeitung „La Nacion“ Quellen aus der Regierung in Buenos Aires. Dass sich Lula da Silva den großen Auftritt in Paraguay entgehen lässt, hat möglicherweise mit dem argentinischen Präsidenten zu tun: Es wird spekuliert, dass Lula nicht zusammen mit Javier Milei auf einem Foto sein will.

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.