- DGB wirft Merz "Misstrauenserklärung an Millionen Beschäftigte" vor.
- Gewerkschaft fordert mehr Einsatz von Arbeitgebern für Gesundheit des Personals.
- Gesundheitsökonom: Krankschreibungen seit Jahren kaum verändert.
Der Kanzler bemüht die Statistik: Demnach würden die Deutschen fast drei Wochen im Jahr nicht arbeiten, weil sie krankgeschrieben sind. Man müsse Anreize schaffen, dass die Menschen ihrer Beschäftigung nachgingen, sagte Friedrich Merz bei einer Wahlkampfveranstaltung in Baden-Württemberg.
In einem Chemnitzer Einkaufszentraum haben viele Passanten für solche Äußerungen kein Verständnis: "Das finde ich nicht gut, weil ich denke, dass das eine Unterstellung ist und ich denke, dass viele Leute fleißig sind und arbeiten", sagt einer. Eine andere meint: "Das wird sehr unterschiedlich sein. Die einen gehen, wenn sie Husten und Schnupfen haben oder irgendwas anderes." Ein Dritter ergänzt: "Da kann man geteilter Meinung sein: Wer krank ist, soll auch zum Arzt gehen. Die meisten sind schon ehrlich." "Ich arbeite selbst im Bereich mit Kindern. Das heißt natürlich, dass man da auch tagtäglich den Bakterien ausgesetzt ist. Meine Kollegen würden sich ärgern, wenn ich krank auf Arbeit käme, weil die Ansteckung dann natürlich noch höher ist", erklärt ein weiterer Passant.
Merz' Kritik an zu häufigen Krankschreibungen
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau bei Heilbronn erklärt, dass die Beschäftigten in Deutschland im Schnitt auf 14,5 Krankentage kämen. Das seien "fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten". Als eine Ursache sieht Merz die Telefonische Krankschreibung. Später bekräftigte er seine Kritik. Bei den 14,5 Krankentagen seien die kurzfristigen Krankmeldungen von ein oder zwei Tagen noch gar nicht dabei, sagte er nach einer Sitzung des CDU-Bundesvorstandes. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) gab Merz recht und kündigte an, die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung zu überprüfen.
Wenige Länder wie Deutschland erfassen Krankschreibung
Auch diejenigen, die Arbeitnehmer vertreten, zeigen sich empört über die Äußerungen des Kanzlers. Dies sei eine Rhetorik, mit der man die Gesellschaft spalte, sagt Anja Piel vom Deutschen Gewerkschaftsbund: "Unser Kanzler glaubt offenbar, dass er eine Bevölkerung regiert, die zu einem großen Anteil aus Faulenzern besteht und das ist eine Misstrauenserklärung an Millionen Beschäftigte, die ausgerechnet diejenigen sind, die jeden Tag den Laden am Laufen halten. Das finde ich sehr falsch."
Sämtlicher Vergleich mit anderen Ländern sei unseriös, so Piel, da Deutschland eines der wenigen Länder sei, das überhaupt Daten zur Krankschreibung erfasse. Seit 2022/23 habe man das erste Mal eine Hundertprozent-Erfassung. Nach den Äußerungen von Merz könne man jedem europäischen Nachbarn nur raten, "das nicht zu machen, weil dann gegengehalten wird, dass man die höchsten Krankenstände hat. Aber statistisch ist es so, dass bei uns einfach mehr erfasst wird als anderswo".
Piel zufolge haben vor allem Atemwegserkrankungen zugenommen. Darüber hinaus seien es Rückenerkrankungen sowie psychische Krankheiten. Die könne man klar festmachen an zu viel Belastung und zu wenig Arbeitsschutz. Hier könnten die Arbeitgeber selbst in die Verantwortung gehen, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu verbessern.
Krankschreibungen seit Jahren kaum verändert
Äußerungen wie die des Kanzlers seien wenig zielführend, sagt auch der Gesundheitsökonom Heinz Rothgang von der Universität Bremen: "Mit dieser Äußerung werden Menschen, die krank sind, sehr stark an den Pranger gestellt. Die Ärzteschaft wird auch mit Misstrauen überzogen, ich halte das insgesamt nicht für eine gute Idee."
Man sehe im Fehlzeiten-Report der AOK, dass sich die Krankmeldungen in den letzten Jahren kaum verändert haben, sagt Rothgang. Daran habe auch die [telefonische] Krankschreibung nichts geändert, die dem Kanzler ein Dorn im Auge ist. Auch Rothgang sieht im Vergleich mit anderen Ländern keine seriöse Grundlage: "Es gibt Länder, wo es die ersten Tage über keine Lohnfortzahlung gibt, häufig sind das drei Tage. Das sind etwa Estland, Frankreich, Irland, Italien, Portugal und Spanien. In diesen drei Tagen wird kein Geld gezahlt und das geht dann entsprechend nicht in die Statistik ein."
Rothgang verweist auch auf Unterschiede in der Höhe der Lohnfortzahlung, "ob das hundert Prozent sind, ob das weniger als hundert Prozent sind, was immer einen europäischen Vergleich erschwert". Den Krankenstand der Deutschen als Wachstumshemmnis zu sehen, sei daher wenig zielführend. Wenn die Deutschen wieder mehr arbeiten sollen, seien andere Ideen gefragt, etwa die einer längeren Lebensarbeitszeit. Dieser politische Gedanke sei aber momentan am stärksten blockiert, so der Gesundheitsökonom.
MDR (dni)
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