Bei Kämpfen im Nordosten Syriens sind nach Angaben aus Damaskus rund 120 Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus einem Gefängnis ausgebrochen. Regierungstruppen hätten im Ort al-Schaddadi nach ihnen gesucht und etwa 80 wieder festgenommen, teilte das Innenministerium in der Nacht mit. Auch die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, dass eine „große Zahl“ an IS-Mitgliedern ausgebrochen sei.

Die kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) erklärten dagegen gestern, rund 1500 IS-Kämpfer seien aus dem Gefängnis ausgebrochen. Die SDF-Truppen hätten dort keine Kontrolle mehr. Die SDF warfen Verbündeten der Regierung in Damaskus vor, mehrere Gefängnisse im Nordosten angegriffen zu haben, in denen IS-Angehörige untergebracht sind – trotz eines am Sonntag verkündeten Waffenstillstands.

Die SDF waren lang der wichtigste Verbündete des US-Militärs im Kampf gegen den IS in Syrien. Die kurdisch angeführten Milizen kontrollierten die Gefängnisse bisher. Nach dem Vormarsch der Regierungstruppen in den Nordosten gibt es Sorge, dass der IS die instabile Lage ausnutzen und sich neu gruppieren könnte.

„Die Bedrohung wächst deutlich“, teilten die SDF gestern mit. Versuche von mit Damaskus verbündeten Gruppierung, die Kontrolle am Gefängnis al-Schaddadi zu übernehmen, könnten „eine Rückkehr zum Chaos und Terrorismus“ bedeuten.

Eigentlich hatte die Regierung von Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa am Sonntag einen Waffenstillstand mit den SDF angekündigt nach Gefechten im Nordosten und in der Stadt Aleppo. Die Lage bleibt aber angespannt und beide Seiten meldeten Angriffe im Nordosten sowie Tote und Verletzte. Die Regierung erhält bei den Kämpfen Unterstützung von arabischen Stammeskämpfern.

Syrische Kurden: Verhandlungen mit Zentralregierung „vollständig gescheitert“

Aus informierten Kreisen in Damaskus hieß es, dass SDF-Kommandeur Maslum Abdi den Waffenstillstand als beendet betrachte. Er habe auch ein Angebot der Regierung al-Scharaas abgelehnt, zum Vize-Verteidigungsminister ernannt zu werden im Versuch, die SDF und ihre Kämpfer in staatliche Strukturen einzugliedern. Die Gespräche seien „vollständig gescheitert“, erklärte ein Vertreter der autonomen kurdischen Verwaltung in Syrien.

„Die einzige Forderung“ der Zentralregierung sei die „bedingungslose Kapitulation“ der Kurden, fügte er an. Die internationale Gemeinschaft rief der Kurdenvertreter „dringend“ auf, eine „feste und entschlossene Haltung“ an den Tag zu legen.

2500 aktive IS-Kämpfer in Syrien und Irak

Der IS hatte 2014 in Syrien und im benachbarten Irak große Gebiete überrannt. Teilweise kontrollierte er etwa ein Drittel Syriens und 40 Prozent des Irak. Die USA begannen daraufhin mit Verbündeten einen Kampf gegen den IS. Die Terrormiliz gilt als militärisch besiegt – in beiden Ländern sind schätzungsweise aber noch rund 2500 IS-Kämpfer aktiv, die auch Anschläge verüben.

Kurdische Verantwortliche fürchten, dass die Kämpfe zu einem Kontrollverlust über die Gefängnisse führen könnte, womit die gesamte Region in einer neuen Phase von Gewalt und Instabilität versinken könnte.

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