Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mag kinderlos sein, das Verbot von Social Media für unter 15-Jährige hat er dennoch zur Chefsache erklärt. „Wir werden unsere Kinder und Jugendlichen vor den sozialen Netzwerken und den Bildschirmen schützen“, sagte Macron und kündigte ein Gesetz an, das noch in den kommenden Wochen verabschiedet und nach den Schulferien Anfang September in Kraft treten soll.

Frankreich folgt damit dem Vorbild Australiens, das als erstes Land weltweit Plattformen wie Instagram, Snapchat, TikTok und YouTube für Jugendliche unter 16 Jahren verboten hat. Paris plant Ähnliches, allerdings mit einer Altersbeschränkung bis 15 Jahre.

Bereits 2023 wurde ein Gesetz zur „digitalen Volljährigkeit mit 15 Jahren“ verabschiedet. Jüngere Jugendliche dürfen seither nur mit dem Einverständnis ihrer Eltern Social-Media-Plattformen nutzen. Auch eine „digitale Ausgangssperre“ für ältere Jugendliche ist im Gespräch. Soziale Netzwerke wären für sie zwischen 22 Uhr und 8 Uhr morgens gesperrt.

„Zahlreiche Untersuchungen belegen die verschiedenen Risiken durch eine exzessive Bildschirmnutzung von Jugendlichen“, heißt es in der Begründung. Macron hat Anfang vergangenen Jahres eine eigene Studie in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse waren niederschmetternd.

Es herrsche längst Konsens, so die Autoren, wie schädlich die Auswirkungen von zu viel Bildschirmzeit und vor allem der sozialen Netzwerke auf die körperliche und psychische Gesundheit Heranwachsender sind. Dabei gehe es nicht nur um zu wenig Schlaf, mangelnde Bewegung, Übergewicht und andere Krankheiten, die bereits in jungen Jahren auftreten können.

Die weiteren Folgen sind Isolation, Sucht, psychisches Leid, Desinformation, Schulabbruch und natürlich Cybermobbing. Im Durchschnitt verbringen junge Franzosen zwischen sieben und 19 Jahren drei Stunden und elf Minuten am Tag vor Bildschirmen, wie eine Umfrage des Forschungsinstituts Ipsos ergab. 

Hemmungslose Gewalt

Die Franzosen haben erkannt, dass es längst nicht mehr nur um den Schutz von Individuen geht, die in ihrem Elternhaus mit den Gefahren des Überkonsums allein gelassen werden, sondern um die Zukunft der Gesellschaft. „Ziel ist es, künftige Generationen vor den Gefahren zu schützen, die nicht nur die unbeschwerte Entfaltung von Jugendlichen auf ihrem Weg ins Erwachsenenalter beeinträchtigen, sondern auch die Stabilität unseres sozialen Gefüges, unsere gemeinsamen Werte und unsere gemeinsame Zukunft unmittelbar gefährden“, heißt es in dem Gesetzesentwurf.

Regelmäßig erschüttern in Frankreich Fälle von Kindern die Öffentlichkeit, die ihrem Leben ein Ende setzen, weil sie in sozialen Netzwerken von Mitschülern gemobbt wurden. Das Cybermobbing ist aber nur das auffälligste Problem. Auch das Erstarken hemmungsloser Gewalt von Kindern und Jugendlichen wird auf exzessiven Bildschirmkonsum zurückgeführt.

Als im vergangenen Juni ein 14-jähriger Schüler bei einer Taschenkontrolle eine pädagogische Mitarbeiterin in Nogent bei Paris erstach, forderte Macron von der EU, strengere Gesetze zum Schutz von Jugendlichen und Kindern schneller umzusetzen und drohte andernfalls mit einem Alleingang.

Der Neurowissenschaftler Michel Desmurget bezeichnet das von Macron europaweit geforderte Verbot als „minimale Prävention“. Das biologische Belohnungssystem werde durch Angebote von Meta und TikTok durcheinandergebracht, argumentiert er. Das habe bei Kindern und Jugendlichen, bei denen die Entwicklung des Gehirns nicht abgeschlossen ist, andere Folgen als bei jungen Erwachsenen im Alter von 22 Jahren.

„Wo sich Erwachsene, wenn auch nur mit Mühe, gegen eine zu starke Stimulierung des Belohnungssystems wehren, sind Jugendliche hilflos“, warnt der Spezialist. „Die Strategien, mit denen die Plattformen die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich ziehen und in Geldwert umwandeln, hat uns zutiefst schockiert“, ergänzt der Suchtexperte Amine Benyamina, Ko-Präsident der von Macron beauftragten Expertengruppe.

In einem zweiten Teil des Gesetzes soll das Handyverbot auf Gymnasien erweitert werden, das seit 2018 in Kindergärten sowie an französischen Grund- und Mittelschulen gilt. Lehrergewerkschaften kritisierten den Entwurf und beklagten, dass die Schulen weder die finanziellen Mittel noch das Personal hätten, das Verbot durchzusetzen. Bevor Letzteres auf Gymnasien übertragen werde, solle man besser die Lehren aus den Erfahrungen in der Mittelschule ziehen, wo das Verbot nicht überall durchgesetzt werden könne. Es sei an den Anbietern der sozialen Netzwerke, den Zugang zu beschränken.

„Nur weil man eine Altersbeschränkung einführt, heißt das nicht, dass man den Kampf aufgibt, um diese Plattformen verantwortungsvoller zu machen“, entgegnet Laure Miller, Vorsitzende des Parlamentsausschusses und Mitautorin des Gesetzesentwurfs. Aber das sei ein langwieriger Kampf, parallel dazu brauche es eine kurzfristige Maßnahme, um junge Menschen zu schützen, so Miller weiter. „Wenn man an all den Anhörungen von Opfern und Familien teilgenommen hat, verstehe ich nicht, wie man sich gegen diese Einschränkung stellen kann.“

Martina Meister berichtet im Auftrag von WELT seit 2015 als freie Korrespondentin in Paris über die französische Politik.

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