Noch vor wenigen Tagen überschlugen sich die Nachrichten aus dem Iran. Unzählige Menschen protestierten landesweit gegen die miserable wirtschaftliche Lage. Das Mullah-Regime drohte mit Repressionen. Schließlich schlug es die anhaltenden Proteste gewaltsam nieder. Weltweit hofften viele, das Ende der Führungsriege in Teheran sei nah – vergeblich.

Im Gespräch mit WELT erklärt Raz Zimmt, Leiter der Iran-Abteilung am Institute for National Security Studies in Israel, was es für den erfolgreichen Sturz des Regimes benötigt: „Es gibt zwei politische Szenarien, die das iranische Regime stürzen könnten: Das eine erfordert den Zusammenschluss von Millionen Iranern, die über alle sozialen Schichten hinweg gemeinsam auf die Straße gehen. Im anderen Szenario müssten politische oder militärische Eliten offen mit dem Regime brechen und Religionsführer Chamenei opfern.“

Tatsächlich habe die jüngste Protestwelle zum ersten Mal einzelne Kriterien des ersten Szenarios erreicht, führt Zimmt aus. Landesweit zog es mehrere Hunderttausend Iraner aus verschiedenen sozialen Schichten auf die Straße. Laut dem niederländischen Umfrageinstitut Gamann lehnten bereits 2022 rund 81 Prozent der Bevölkerung das Regime ab.

Doch das Ausmaß reichte noch nicht für einen Regimesturz. Das Problem der iranischen Opposition ist weiterhin ihre extreme Fragmentierung. Unterschiedliche Ansichten und historische Zerwürfnisse lassen sich nur schwer überwinden. Der anhaltende Internet-Blackout, mit dem Teheran der Bevölkerung jeglichen Kontakt zur Außenwelt verwehrt, stellt ein zusätzliches Koordinationsproblem dar.

Mit Reza Pahlavi – Sohn des ehemaligen Schahs, der den Iran von 1941 bis 1979 in einer autokratischen Monarchie regierte – gibt es zwar einen Namen, der seit Jahren im Zusammenhang mit Protestbewegungen genannt wird. Seiner jüngsten Aufforderung zu protestieren, folgten viele. Wie groß seine Unterstützung im Land ist und ob er bestehende Differenzen überbrücken kann, bleibt jedoch unklar. Einige assoziieren ihn mit der autoritären Vergangenheit des Iran, anderen gilt er als Hoffnungsträger. Derzeit lebt Pahlavi im Exil in den USA, hat jedoch seine Rückkehr in sein Heimatland angekündigt.

Als zweite Möglichkeit für einen Regimewechsel nannte Zimmt Risse in Chameneis Regime. Die jüngsten Proteste fanden auch in regimetreuen Regionen statt. Zudem gingen die Proteste von den regimefreundlichen Basaris (Händler) aus, was auf interne Spannungen im System hinweist.

Eine ernst zu nehmende Gefahr für das Regime bestünde allerdings erst, wenn führende Eliten aus Politik oder dem Sicherheitsapparat mit dem System brechen. In den Augen von Danny Citrinowicz, der ebenfalls am Institute for National Security Studies forscht, ist das ein unwahrscheinliches Szenario: „Das Kernproblem des Iran liegt darin, dass die Revolutionsgarden und die harte Unterstützerbasis des Regimes keine Alternative haben. Ohne eine tragfähige Ausstiegsoption sind sie strukturell dazu gezwungen, am bestehenden System fast um jeden Preis festzuhalten.“

Das zeigte sich auch in der Niederschlagung der Proteste. Das Regime selbst behauptet, 3117 Menschen seien dabei ums Leben gekommen. Die britische „Sunday Times“ berichtet hingegen von bis zu 18.000 ermordeten Demonstranten. Und die brutalen Vorgehensweisen des Regimes halten an. Verschiedenen Berichten zufolge werden Hinterbliebene genötigt, Entschädigungen für die Munition zu zahlen, mit der ihre Familienmitglieder und Freunde bei den Protesten ermordet wurden.

„Man hört fast nichts“

Die Lage im Land bereitet auch vielen Iranern im Ausland Sorgen. „Meine Eltern und ich haben eine enge Bekannte in Yazd versucht zu erreichen – ohne Erfolg. Sie hatte sich am 8. Januar noch gemeldet“, berichtet der Deutsch-Iraner Kian Farahani WELT. Sein echter Name ist der Redaktion bekannt, wurde aber aus Sicherheitsgründen anonymisiert.

Farahanis Vater ist Iraner, er war schon oft zu Besuch und hat Freunde und Familie im Land. Doch seit Tagen gibt es keinen Kontakt mehr: „Man hört fast nichts.“ Nur vereinzelnd sickern Stimmen durch, dank der ins Land geschmuggelten Starlink-Terminals oder VPN-Leitungen, um das abgeschaltete Internet zu umgehen.

Dieser Blackout hindert viele Iraner auch daran, ihren Alltag wieder aufzunehmen. Der 35-jährige Meysam verkauft über das Internet Pflegeprodukte und Haarfarben. Doch seit dem Blackout rechne sich sein Geschäftsmodell nicht mehr, erklärte er der Nachrichtenagentur dpa: „Allein in zwei Wochen habe ich 90 Prozent meines Umsatzes verloren.“ Fünf Mitarbeiter habe er bereits entlassen müssen. Laut dpa ist der Lebensunterhalt von neun Millionen Arbeitnehmern in Gefahr.

Während der Protestwelle hatte sich auch US-Präsident Donald Trump an die demonstrierenden Iraner gewandt. Er ermunterte sie, die Proteste fortzuführen, und stellte seine Unterstützung in Aussicht – aber sie blieb aus. Berichten zufolge hatte Trump einen Militärschlag abgeblasen, nachdem Nachbarstaaten des Irans ihn gewarnt hatten. Sie befürchten, die Konsequenzen eines führungslosen Irans tragen zu müssen.

Nun aber demonstrierte Trump erneut Unterstützung und drohte dem Regime. Am Donnerstag sprach er an Bord der „Air Force One“ auf dem Rückflug von Davos nach Washington von einer großen Truppenbewegung, einer „Armada“: „Wir haben eine große Flottille in diese Richtung geschickt, nur für den Fall.“

Ein militärischer Eingriff wird nicht nur von den Nachbarstaaten kritisch gesehen, auch zahlreiche Experten sprechen sich dagegen aus. Siamak Namazi, ein amerikanisch-iranischer Strategieberater, erklärte in einem Kommentar des US-Thinktanks Middle East Institute: „Begrenzte militärische Schläge sind für sich genommen unwahrscheinlich, das Regime zu Fall zu bringen, insbesondere in Abwesenheit einer umfassenderen politischen Strategie.“ Eine Bodeninvasion sei unplausibel, so der Experte, „und die Erfolgsbilanz der Vereinigten Staaten bei der Schaffung von Demokratie durch Gewalt ist wenig inspirierend“.

Experte Citrinowicz glaubt sogar, dass ein US-Schlag das iranische Regime stärken würde, da die Eliten das Narrativ so drehen könnten, dass nur die Islamische Republik das Land vor dem Westen schützen könne.

Dem pflichtet auch Deutsch-Iraner Farahani bei, der erklärt, warum viele Menschen im Land trotz des grausamen Mullahs-Regimes Zweifel an einer US-Intervention haben. „Die Einmischung der Briten und der USA in den vergangenen 100 Jahren ist bekannt. Aufgrund der geostrategischen Lage, aber auch der Ölreserven des Landes. Der Iran ist seit sehr langer Zeit ein Spielball. Die Gesellschaft leidet darunter extrem, weshalb sie negativ auf die USA zu sprechen ist.“

Zudem bleibt unklar, wie stark Trumps Interesse am Wunsch der Iraner nach Veränderung wirklich ist. Venezuela hat gezeigt, dass Trump primär seine eigenen Interessen verfolgt. Dort ging es ihm offenkundig um Öl und die Bekämpfung des Drogenhandels. Die venezolanische Bevölkerung hat er unter nahezu unveränderten Machtverhältnissen zurückgelassen.

In einem Punkt sind sich jedoch die meisten Experten einig: Sie erwarten eine neue Protestwelle. Denn die Ursachen für den Unmut der Bevölkerung bestehen fort. Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal, die Inflationsrate liegt deutlich über 40 Prozent. Viele Iraner leiden zudem unter Versorgungsengpässen. Das brutale Vorgehen bei der jüngsten Protestwelle dürfte bei vielen Wut hinterlassen haben.

„Da das Regime nur unterdrückt, nicht aber die zugrunde liegenden Ursachen beseitigen kann, kauft es sich lediglich Zeit bis zur nächsten Konfrontation zwischen Staat und Gesellschaft“, glaubt Ali Vaez, Iran-Projektleiter der International Crisis Group. Ein Blick in die Protestgeschichte des Iran zeigt, dass sich die Abstände zwischen den großen Protestwellen – von Studenten- bis zu Frauenbewegungen – zunehmend verkürzen.

Namazi vom Middle East Institute hält ein Ende der Mullahs für möglich: „Der Zusammenbruch des Regimes in seiner jetzigen Form erscheint inzwischen plausibler als sein Überleben als funktionierender Staat.“ Er warnt jedoch: „Das Entstehen eines demokratischen Irans ist alles andere als sicher. Zwischen diesen beiden Ergebnissen liegt ein explosives und gefährliches Niemandsland.“

Till Henniges ist Volontär an der Axel Springer Academy of Journalism and Technology.

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