Ich bin heterosexuell und mag Männer. Aber ich erlebe, dass Beziehungen mit ihnen nur zu Enttäuschung führen“ – dieses Gefühl wird aktuell online vielfach als „Hetero-Fatalismus“ thematisiert. So neu der Begriff sei, das Thema selbst sei es nicht, erklärt Laura Fröhlich. Sie hat mehrere Bücher über „Mental Load“ geschrieben, die Belastung durch ständige Alltagsorganisation. Außerdem hält sie Vorträge über das Thema.

Der Fatalismus sei Ergebnis eines Gefühls, sich bei bestimmten Fragen seit Langem im Kreis zu drehen, immer wieder darüber zu sprechen, ohne dass sich etwas verändere. „Das ist kein pauschaler Männerhass“, betont Fröhlich, „sondern eine tiefe Frustration. Die Männer sind an der Reihe, etwas zu verändern – zeigen oft aber keinen besonders starken Willen dazu.“

Statistisch lässt sich zumindest eine Annäherung an das Thema wagen: So lebte im Jahr 2024 laut Statistischem Bundesamt etwa ein Fünftel der deutschen Bevölkerung allein. In fast allen EU-Ländern stieg der entsprechende Anteil zwischen 2014 und 2024. Frauen lebten häufiger allein als Männer – und für viele Single-Frauen scheint das auch eine wichtige Rolle zu spielen: Bei einer repräsentativen Studie des Dating-Portals „Elite Partner“ aus dem Jahr 2025 gaben 63 Prozent der befragten Frauen an, sie seien mit ihrem Single-Dasein zufrieden, weil sie so ihr Zuhause für sich hätten (Männer 55 Prozent). Allgemein zeigten sich Frauen mit 30,3 Prozent häufiger „sehr zufrieden“ mit ihrem Leben ohne Partner (Männer 21,9 Prozent).

„Konflikte fangen in vielen heterosexuellen Beziehungen weit vor der Familiengründung an. Viele Frauen erleben schon früh, dass ihnen die emotionale Arbeit überlassen wird. Sie agieren dann oft als Psychologin und setzen sich mit den Gefühlen ihres Partners auseinander. Die Männer auf der anderen Seite halten es aber oft nicht für notwendig, das Gleiche zu tun“, sagt Autorin Fröhlich. Das sei ein ansozialisiertes und somit strukturelles Problem, das schon bei Jugendlektüre à la „Zehn Tricks: Wie du Ihn bei dir hältst“ beginne. Männer hingegen würden selten nur dazu angeregt, die weibliche Perspektive einzunehmen und über deren Bedürfnisse nachzudenken.

Hinzu kämen Themen wie Haus- und Care-Arbeit. Westliche Gesellschaften bewegten sich zwar in der Tendenz immer mehr in Richtung Gleichberechtigung – damit sei es aber häufig spätestens vorbei, wenn Kinder hinzukämen. Diverse Studien bestätigen das. So schreibt das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf seiner Website, Frauen wendeten täglich 43,4 Prozent – oder 76 Minuten – mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer. Die dadurch entstehenden Nachteile beträfen unter anderem Entlohnung, berufliche Chancen, ökonomische Eigenständigkeit und Alterssicherung.

Auch die „Vermächtnisstudie 2023“ stellt fest: Von 21 im Alltag zu planenden Dingen lägen drei überwiegend oder ausschließlich in der Hand der Männer – Reparaturen, Handwerker und Finanzen, alles Aufgaben also, die nicht jeden Tag erledigt werden müssten. Bei einer nach Geschlecht getrennten Befragung fällt außerdem auf, dass Männer häufiger davon ausgehen, die anfallenden Arbeiten seien gleich verteilt. Frauen hingegen geben häufiger an, durch die Aufgaben weniger Zeit für sich selbst und zu wenig Energie für Freizeit zu haben sowie sich gestresst zu fühlen.

„Frauen sind perfektionistisch, weil...“

Das Phänomen „Hetero-Fatalismus“ betrachte er als eine unter anderem durch Social Media begünstigte Modeerscheinung, sagt hingegen Paartherapeut Clemens von Saldern. „Frauen waren früher eigentlich viel benachteiligter, als sie es heute sind. Politisch und familiendynamisch hat sich erfreulicherweise wahnsinnig viel angeglichen. Dass sich Frauen heute dennoch verstärkt als Opfer identifizieren, ist aus meiner Sicht teilweise antizyklisch“, sagt er. Ein Grund hierfür könne eine oft aus dem Opfer-Status heraus empfundene moralische Superiorität sein – den „Guten“ anzugehören. Von Saldern nennt dies das „Opfer-Paradoxon“: eine Gleichzeitigkeit von Unter- und Überlegenheit.

Er verwahre sich gegen eine Pauschalisierung wie den Begriff „Hetero-Fatalismus“ im Sinne einer vermeintlich fatalistischen Unveränderbarkeit des Verhaltens anderer Menschen. Eine steigende Unzufriedenheit und geringere Adaptationsbereitschaft erlebe er allerdings bei beiden Geschlechtern gleichermaßen, sagt von Saldern. Online-Dating sei hierfür ein ausschlaggebender Faktor: „Dating-Apps lassen Menschen in der Annahme verfangen, dass es immer noch jemand Besseren gibt“, sagt der Therapeut. Er nenne das die „Voltaire-Falle“ – frei nach einem dem Philosophen zugeschriebenen Zitat: „Das Bessere ist der Feind des Guten.“

Begriffe wie „Care-Arbeit“ oder „Mental Load“ kritisiert von Saldern als nicht differenziert genug: „Männer und Frauen haben oft verschiedene Konzepte davon, wie viel Arbeit man sich machen sollte. Das liegt auch daran, dass Frauen, besonders Mütter, sich oft unter einem viel größeren sozialen Druck stehend fühlen als Männer – zum Beispiel, wenn es darum geht, was bei Kindergeburtstagen erwartet wird.“ Klar sei allerdings: „In dem Moment, in dem eine Seite der Beziehung eine Ungerechtigkeit empfindet, wird ein inneres Schuldenkonto eröffnet und bewusst oder unbewusst Vergeltung geübt“, so der Paartherapeut.

Diese Argumentation weist Autorin Fröhlich zurück: „Frauen sind oft perfektionistisch, weil sie sich auf ihre Männer beziehungsweise ihr Umfeld nicht verlassen können. Diese Erfahrung überkompensieren sie. Ihnen das in die eigenen Schuhe zu schieben, halte ich für eine bequeme Männerperspektive.“ Häufig, wenn Frauen versuchten, diesen strukturellen Problemen entgegenzuwirken, würden sie dafür scharf kritisiert. „Dann heißt es: ‚Sie können einfach nichts abgeben. Schreiben Sie ihrem Mann doch einfach eine Liste‘“, so Fröhlich. Vielleicht müssten Männer erst überperformen, damit Frauen ihnen vertrauen könnten. Danach könnten beide ihre Anforderungen gemeinsam herunterschrauben.

Auch Martin Bujard, Soziologe und Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, sieht in dessen großer familiendemografischer Datenerhebung eine Diskrepanz zwischen Frauen und Männern bei Fragen zu Mental Load und Hausarbeit, vor allem nach der Geburt von Kindern. „Diese Aushandlungsprozesse sind aber nicht ausschließlich wegen der betroffenen Frauen oder Männern kompliziert – sondern wegen der Strukturen, die dahinterstehen“, so Bujard.

Eine temporäre Reduzierung der Arbeitszeit für Väter wünschten sich beispielsweise viele Paare – befürchteten aber Nachteile. Frauen stünden oft vor der Wahl zwischen Vollzeit plus Care-Arbeit oder einer halben Stelle plus finanzielle Abhängigkeit. Besonders Akademikerinnen, die viel in ihre Bildung investiert hätten, seien mit diesen Optionen sehr unzufrieden. „Der Arbeitsmarkt müsste stärker nach den Arbeits- und Familienvorstellungen junger Menschen ausgerichtet werden – auch, weil sich sonst immer mehr Menschen gegen Kinder entscheiden“, fordert Bujard.

Der Soziologe sieht einen weiteren potenziellen Konfliktpunkt in heterosexuellen Beziehungen: „In unseren Erhebungen lässt sich beobachten, dass Frauen im jüngeren und mittleren Alter im Schnitt progressiver sind als Männer. Es gibt also ein gewisses Mismatch bei ganz grundlegenden Einstellungen.“ Dennoch halte auch er das Phänomen „Hetero-Fatalismus“ für eine auf Social Media überrepräsentierte Außenseiterposition. „Empirisch deckt sich das nicht mit der Lebensrealität des überwiegenden Teils der jungen Bevölkerung“, so Bujard.

„Ich habe die Hoffnung, dass durch dieses neue Schlagwort auf Social Media neue Debatten entstehen, weil wir endlich in Worte fassen und darüber reden, was Frauen schon immer erlebt haben“, sagt Autorin Fröhlich. Besonders Männer stünden dem leider oft sehr skeptisch gegenüber. „In meinen Vorträgen sitzen im Publikum meist 80 Prozent Frauen“, erklärt Fröhlich, „die interessieren sich für diese Themen – sagen aber auch immer wieder, dass ich ihnen erzähle, was sie schon wissen. Eigentlich müsste ich das ihren Partnern erzählen. Die sitzen aber nicht im Publikum.“

Dabei könnte die ganze Diskussion auch viele Vorteile für Männer mit sich bringen, sagt Fröhlich. So spiele Einsamkeit bei vielen eine große Rolle, ganz besonders nach Beginn der Rente. „Diese Männer vergraben sich dann. Früher war es der Eisenbahnkeller, heute sind es oft das Smartphone, Sportwetten oder Alkohol.“ Es entstehe oft eine emotionale Abhängigkeit von der Partnerin, weil die Männer nie gelernt hätten, sich jemand anderem gegenüber zu öffnen. Das stelle für beide Seiten eine enorme Belastung dar.

„Frauen sind heute unabhängiger und freier denn je. Wenn sich weiterhin nichts ändert, werden immer mehr Frauen das Interesse an Familie und vielleicht nicht sexuellen, aber monogamen Liebesbeziehungen mit Männern verlieren“, befürchtet Fröhlich. In ihrem privaten Umfeld beobachte sie jetzt schon immer mehr Frauen, die lieber Single blieben – ganz nach dem Motto: „Wenn ich mir anschaue, was für Probleme meine Freundinnen mit ihren Männern haben, bleibe ich lieber allein.“

Politikredakteurin Uma Sostmann schreibt über gesellschaftspolitische Themen.

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