Neun Millionen Dollar ist Nigeria derzeit die politische Schadensbegrenzung wert. Mit der Beauftragung einer US-Lobbyfirma versucht die Regierung in Abuja, in Washington die eigene Sicht auf die Sicherheitslage zu vermitteln. Die PR-Experten sollen den Vorwurf einer gezielten Christenverfolgung entkräften – und zugleich das ohnehin angeschlagene Image der Sicherheitsbehörden aufpolieren.
Auslöser der jüngsten Nervosität ist ein Vorfall im Bundesstaat Kaduna, der das Potenzial hat, Nigeria erneut auf das Radar von US-Präsident Donald Trump zu bringen. Kirchenvertreter und Dorfbewohner sagen, bewaffnete Männer hätten während des Gottesdienstes mehrere Kirchen im Dorf Kurmin Wali überfallen und mehr als 160 Gläubige verschleppt.
„Die Angreifer kamen in großer Zahl, blockierten die Eingänge der Kirchen und zwangen die Gläubigen hinaus in den Busch“, erzählt der Geistliche Joseph Hayab, Vorsitzender der Christlichen Vereinigung Nigerias für den Norden des Landes. Ein Sicherheitsbericht, der für die Vereinten Nationen erstellt wurde und aus dem die Nachrichtenagentur AFP zitierte, sprach ebenfalls von Angriffen auf mehrere Kirchen und der Entführung von mehr als 100 Menschen.
Die Behörden reagierten zunächst mit scharfer Zurückweisung. Der Polizeichef des Bundesstaates erklärte, es gebe „keine Informationen“ über eine Entführung, der Sicherheitskommissar sprach von einer „völlig falschen Erzählung“ und politisch motivierten Berichten.
Zwei Tage später folgte die Kehrtwende: Die nationale Polizei bestätigte, dass es tatsächlich zu der Massenentführung gekommen sei. Die früheren Stellungnahmen wären missverstanden worden, hieß es nun, Sicherheitskräfte seien im Einsatz, Such- und Rettungsoperationen liefen.
In den USA fügt sich der Vorfall nahtlos in ein Narrativ ein, das in Trump-nahen evangelikalen Kreisen seit Monaten an Bedeutung gewinnt: Christen in Nigeria seien systematisch Ziel von Gewalt, der Staat schütze sie nicht ausreichend.
Diese Sichtweise prägt auch die Wahrnehmung des Präsidenten, der zu Weihnachten US-Luftangriffe auf mutmaßliche islamistische Stellungen im Nordwesten Nigerias anordnen ließ. Trump sprach damals von einem Schlag gegen Terroristen, die gezielt Christen angreifen würden, und drohte weitere Militäraktionen an, sollte wieder Christen getötet werden.
Nigerias Außenminister Yusuf Maitama Tuggar versuchte, den Angriff herunterzuspielen. Es habe sich um eine gemeinsame Operation zur Bekämpfung von Terroristen gehandelt, sagte er, dies habe „nichts mit einer bestimmten Religion“ zu tun. Opfer von Entführungen und Anschlägen seien Muslime ebenso wie Christen.
Viele Aktivisten in Nigeria widersprechen dieser Darstellung entschieden. Sie berichten von gezielten Angriffen auf christliche Gemeinden und werfen den Sicherheitskräften vor, bei Übergriffen auf Christen langsamer oder gar nicht zu reagieren.
Der Pastor Ezekiel Dachomo etwa sprach gegenüber WELT von Hunderten Fällen, die er selbst dokumentiert und überprüft habe. In vielen Situationen seien Sicherheitskräfte bei Gewalt gegen Muslime rasch eingeschritten, Angriffe auf Christen dagegen unbeachtet geblieben.
Gleichzeitig ist die Datenlage umstritten. Die „New York Times“ kritisierte jüngst die Methoden der nigerianischen Bürgerrechtsorganisation Intersociety, die seit 2009 von 125.000 getöteten Christen spricht – eine Zahl, die von Trump-Vertrauten wie dem texanischen Senator Ted Cruz zitiert wurde.
Viele Fälle seien nicht verifiziert oder beruhten auf Annahmen über die religiöse Zugehörigkeit der Opfer. Intersociety weist die Kritik zurück. Unstrittig ist jedoch, dass Nigeria in seinen offiziellen Statistiken die Religion von Gewaltopfern nicht erfasst und belastbare Zahlen schwer zu erheben sind.
Für evangelikale Netzwerke in den USA ist Nigeria dennoch zu einem zentralen Bezugspunkt geworden. Große Kirchen mit Verbindungen nach Afrika greifen Berichte von Überfällen auf und verbreiten sie als Beleg einer globalen Christenverfolgung.
Die MAGA-Basis macht Druck
Ähnliche Netzwerke sind auch in Ländern wie Uganda aktiv, wo sie in den vergangenen Jahren Einfluss auf eine besonders harte, international kritisierte Anti-Homosexuellen-Gesetzgebung genommen haben. In Trumps politischer Basis wirken diese Themen mobilisierend – und erhöhen den Druck auf Washington, sichtbar zu handeln.
Auch in Nigeria selbst wächst die Verunsicherung. Der frühere Jugendminister Solomon SelKap Dalung sagte WELT, die anfänglichen Dementis der Behörden seien keineswegs ungewöhnlich. Die US-Luftschläge hätten jedenfalls keine Beruhigung gebracht, im Gegenteil: „Seitdem gehen die Terroristen noch brutaler vor.“
Kurz nach den Bombardements habe es in einem Markt im Bundesstaat Niger ein Massaker mit mehr als 60 Toten gegeben. Gleichzeitig gebe es nahezu täglich Verlautbarungen über „neutralisierte“ Terroristen, die in auffälligem Widerspruch zur Realität vor Ort stünden.
„Wenn diese Zahlen stimmen würden, müsste man sich fragen, wie solche Gräueltaten weiterhin möglich sind“, sagte Dalung. In den betroffenen Gemeinden wachse der Eindruck, Schutz sei „eher eine Illusion“. Und Mitte der vergangenen Woche tötete die Boko-Haram-Miliz acht nigerianische Soldaten im Nordosten des Landes.
Für die Regierung von Präsident Bola Tinubu kommt der Vorfall zur Unzeit. Jede weitere Eskalation birgt das Risiko, Washington zu einem erneuten militärischen Eingreifen zu bewegen – mit unklaren Folgen für die ohnehin komplexe Sicherheitslage und für die künftige US-Militärhilfe, die für Nigeria unverzichtbar ist.
Die PR-Strategen in Washington dürften längst erkannt haben, dass sie sich auf einen ebenso heiklen wie schwer kontrollierbaren Auftrag eingelassen haben. Von einem komplizierten Kunden.
Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.
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