Ironisch gefragt: Wo ist der deutsche Antiamerikanismus hin, wenn man ihn wirklich braucht? Noch nie hat ein US-Präsident das Land und die EU so traktiert wie Nr. 47, Donald Trump. Mit einem Zoll- und Wirtschaftskrieg, einer putinfreundlichen Ukraine-Politik und dem Griff nach Grönland, der an der Nato rüttelt. Mit solchen Freunden braucht man keine Feinde. Dennoch: Wo bleiben die Massenaufmärsche, die „Ami go home“-Parolen wie in den 70ern? Die Proteste gegen den Trumpator toben nicht hier, sondern in Amerika, wo im Jahr 2025 jeweils fünf Millionen unter dem Motto „No Kings“ auf die Straße gingen. Sie richten sich gegen den eigenen „König“, der vor einem Jahr gekrönt wurde.
Es laufen täglich Demonstrationen gegen die militarisierte Einwanderungspolizei ICE, die Erinnerungen an die Gestapo weckt. Die ICE-Kalten tragen nicht Ledermäntel, sondern Masken, Schutzwesten und Kriegswaffen; der Rechtsstaat ist ihnen egal. Das Magazin „Atlantic“ spricht vom „amerikanischen Winter.“ Die Angst ist real, weil Trump noch drei Jahre Zeit hat, um den Umsturz zu vollenden, daheim wie weltweit, wo er die regelbasierte Handels- und Bündnisordnung attackiert.
Trotzdem bleiben die Deutschen ruhig. Gehen die Deutschen auf die Straße, dann nicht gegen den Gottseibeiuns Trump, sondern „gegen rechts“ und Israel, der Teufel, der ausgetrieben werden muss. Die oft gehörte Parole „From the River to the Sea“ bedeutet nichts anderes als das Ende des jüdischen Staates. Donald der Schreckliche muss die Deutschen nicht fürchten. Nicht, wenn im Sommer eine bescheidene Anti-Trump-Demo in Frankfurt gerade mal 200 Leute auf die Beine bringt. Wo bleiben die üblichen Verdächtigen, Studenten und 68er, Kirchen und Gewerkschaften? Weiland, bis in das frühe 21. Jahrhundert, marschierten hier insgesamt Millionen gegen den großen Bruder aus Amerika.
Der erste große Aufstand richtete sich gegen den Vietnamkrieg, eine gerechte Sache auf den ersten Blick. Die Großen mordeten die Kleinen. Dahinter aber waberten Abscheu und Verachtung. „Ami go home“ war noch lässlich, „USA-SA-SS“ markierte das Böse schlechthin. Dr. Freud hätte sinniert: „Es geht nicht um faktenbasierte Kritik, sondern Projektion und seelische Entlastung für die Erben Hitlers.“ Die Amerikaner sind nun wie einst wir, die wir nunmehr geläutert sind. Im Unterbewussten wurde die Wiedergutwerdung Deutschlands mithilfe des Zerrbilds Amerika zelebriert. Die Umfragen spiegelten die allgemeine Abneigung.
Die Selbstbelobigung erlebte ihren nächsten Höhepunkt während der Jahrzehntwende 1970/80, als sich Hunderttausende gegen die Stationierung von atomaren US-Mittelstreckenraketen aufbäumten. Der Slogan „Nie wieder Krieg“ plakatierte abermals die höhere Moral. Diesmal kam die schiere Angst hinzu: „Pershing nein, Frieden ja“, „Keine Raketen in unserem Land“, „Lieber rot als tot“. Das Übel hieß Amerika.
Im Golfkrieg hieß es „UN statt USA“. Im Irakkrieg „USA=Terrorstaat“. Die USA wollen die „Weltherrschaft“. Die zuvor freundliche Bewertung der USA stürzte unter dem Irak-Krieger George W. Bush (2001–2009) in den Keller. Unter dem netten Nachfolger Barack Obama (2009–2017) ging es wieder nach oben. Der Mann erfreute das deutsche Herz, weil er erst den Irakkrieg, dann den in Afghanistan absagte. Den Russen kam er mit einem neuen Vertrag über die Begrenzung der Atomwaffen entgegen. Ungeschoren ließ er den Iran, der systematisch die Atombewaffnung vorantrieb. Obama-Land war genau das Richtige für die deutsche Seele. Obama nahm den Germans die Angst vor einem gewaltgierigen Amerika.
Mithin: Wir mögen die Amerikaner, wenn sie so sind wie wir, Frieden und Freundschaft pflegen. Noch wichtiger: Es sinkt die Gefahr, in amerikanische Kriege gezogen zu werden. Keiner hat die Seelenlage besser diagnostiziert als Goethe. Im Faust deklamiert ein braver Bürger: „Wenn hinten weit in der Türkei / Die Völker aufeinander schlagen [...] Dann kehrt man abends froh nach Haus / Und segnet Fried und Friedenszeiten.“
Solche Haltung ist völlig rational für ein einst kriegsbesessenes Volk (vom Alten Fritz bis Adolf H.), das im Zweiten Weltkrieg so fürchterlich gescheitert war. Die einstige Groß- hat sich zur Friedensmacht gemausert, die mit ihrem neuen Auftritt glänzend reüssiert hat. Die Kehrseite? Sie kann sich nicht selbst verteidigen, erst recht nicht, nachdem sie nach Ende des Kalten Krieges die Bundeswehr von 500.000 auf 180.000 Soldaten reduziert hatte, die Panzer von 3000 auf 360. Amerika bleibt die unverzichtbare Lebensversicherung.
Dann, im Jahr 2017, kommt dieser Trumpator in seiner ersten Amtszeit über die Deutschen und die Welt. Am Ende waren vier Fünftel der Deutschen laut Pew Research Center wütend auf Amerika. Doch als der nette Herr Biden 2021 ins Weiße Haus einzog, folgte voraussehbar die dramatische Meinungswende. 82 Prozent der Deutschen gaben plötzlich zu Protokoll, das Verhältnis zu Amerika sei „gut“. Diese Traumzahl spiegelte die große Erleichterung nach dem Abgang von Trump I. Nach dessen Wiederkehr 2025 drehten sich die Werte abermals radikal: 73 Prozent sagen nun „schlecht“, nur 27 Prozent „gut“.
Kein Wunder angesichts der rücksichtslosesten US-Regierung aller Zeiten, in der Außen- wie in der Innenpolitik. Der Mann bombardiert Iran, enthauptet das Maduro-Regime in Venezuela, bedrängt Kuba und Kolumbien und will unter Gewaltandrohung Grönland kassieren. Hinzu kommt eine bizarre Russlandpolitik, die Putin schöntut, aber der Ukraine keine Waffe mehr gewährt.
Der Trumpator scheint gewillt zu sein, die russische Armee bis an die Ostgrenze Polens vorstoßen zu lassen. Jedenfalls montags und mittwochs. Am Wochenende spielt er in Mar-a-Lago Golf. Amerikas getreue Alliierte erwarten täglich die nächsten Schläge im Zollkrieg, welche den fast freien Handel über den Atlantik nach einem Menschenalter zerlegen könnten. Er hat noch drei Jahre Zeit, und die Demokraten-Opposition kommt nicht auf die Beine.
Kein Wunder, dass die Deutschen, die Europäer fassungslos sind. Bis sie eine eigene Verteidigung aufbauen, wird ein Jahrzehnt vergehen. Kein Wunder, dass die Schwachen mitsamt Deutschland, der drittgrößten Wirtschaft der Welt, nicht wissen wohin. Mal besänftigen sie Trump, mal schleudern sie markige Worte über den Atlantik.
Deutschland, ein amerikanisiertes Land
Die Ambivalenz herrscht zumal in Deutschland, dem vielleicht „amerikanisiertesten“ Land in Europa. Einerseits können die Bundesrepublikaner Trump nicht ausstehen. Anderseits herrscht neben der Aversion die Imitation. Die Geschäfts- und Universitätswelt redet amerikanisches Englisch – „HR“ statt „Personalabteilung“. Teenies tanzen und singen amerikanisch; sie begrüßen einander mit „Hi“ und bekunden Zuneigung mit „High Fives“. Die Älteren futtern Fast Food, tragen Sweatshirts und die jeweils angesagten Sneaker von Nike.
Ein Blick auf die deutschen TV-Sender enthüllt das Ausmaß der Nachahmung. Werbespots laufen auf Englisch; das ist „hip“. Im Abendprogramm finden wir an die 15 US-Filme und -Serien. Von denen haben die Jüngeren sogar die Körpersprache abgekupfert. Die Jungs stoßen ihre Fäuste freundschaftlich gegeneinander, die Mädchen hüpfen auf und ab, um Begeisterung zu plakatieren. Wir checken nicht mehr, dass alles „made in USA“ ist. Wer zeitnah informiert sein will, guckt CNN, nicht die ARD-„Tagesschau“. Ehrgeizige Eltern wollen die Sprösslinge an der Harvard- oder MIT-Business School unterbringen. Wir imitieren, was diese einst bahnbrechende Kulturnation früher nicht goutiert hat, ein rückständig-oberflächliches Amerika. Kulturell rücken wir nun immer näher, politisch regelmäßig auseinander, wenn die falsche Regierung wie die von Trump an der Macht ist. Es regiert das Auf und Ab, das Widersprüchliche im Quadrat.
Dennoch ziehen nicht mehr Hunderttausende durch die Städte, die antiamerikanischen Reflexe von gestern sind verblasst. Zwei Deutungen. Die realpolitische: Die vertraute Welt wankt, und die Ankermacht Amerika entzieht ihr den Schutz, ökonomisch wie strategisch. Wer abhängig ist, probt Beschwichtigung, nicht Provokation. „Goodbye, Amerika“ lieber nicht, nicht einmal von der einst widerständigen rot-grünen Linken.
Die zweite Deutung ist nicht realpolitischer, sondern seelischer Natur, und das ist gut so. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Deutschen zu sich gefunden; ihr Selbstvertrauen ist stetig gewachsen. Die fürchterliche Vergangenheit, die moralische Kompensation im Antiamerikanismus heischte, ist nicht mehr nötig. Wir sind und bleiben, äh, cool. Das verklart den Kopf und nährt Gelassenheit und Realismus. Gegen den Wüterich im Weißen Haus hilft in den nächsten drei Jahren keine Wut. Die ist so blind wie vergebens.
Der Publizist Josef Joffe hat in Harvard, Johns Hopkins und Stanford Politik gelehrt.
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