Stellen Sie sich vor: Es ist Dienstag, der 27. Oktober 2026. 6.47 Uhr. Im Bundeskanzleramt in Berlin brennt Licht. Das fiktive Szenario: Russische Truppen stehen an der Grenze zu Litauen, offenbar bereit, in das Nato-Land einzumarschieren. Der Bundeskanzler hat seine wichtigsten Minister und Berater zu einer Krisensitzung zusammengerufen. Als alle um den Tisch Platz genommen haben, eröffnet er die Sitzung.

Wir wollen wissen: Was passiert, wenn Russland die Nato angreift?

Solche Simulationen, in denen Szenarien konkret durchgespielt werden, heißen Wargames, auf Deutsch: Kriegsspiele. Sie gehören zum Handwerkszeug von Militärs und Regierungen und helfen dabei, den Ernstfall durchzudenken, bevor er eintritt. Im Idealfall zeigen sie, welche Pläne funktionieren und wo Abläufe verbessert werden müssen. Denn nur wer seine Schwächen kennt, kann sie beheben.

Mit diesen Zielen vor Augen simuliert WELT den Ernstfall. An einem Tag Anfang Dezember 2025 traten an der Universität der Bundeswehr in Hamburg zwei Teams gegeneinander an: die Bundesregierung (Blue Team) mit ihren Verbündeten gegen den Kreml (Red Team). Die wichtigsten Rollen in beiden Teams wurden gespielt von ehemaligen Entscheidern und Militärs, von Politikern und Experten. Darunter waren unter anderem Peter Tauber, der frühere CDU-Generalsekretär als Bundeskanzler und Alexander Gabuev, der renommierte Politikexperte als russischer Präsident.

>>> Hier finden Sie alle Begleitinformationen zu „Ernstfall – Was, wenn Russland uns angreift? Ein Wargame“ <<<

Regierungen, Militärs oder Unternehmen spielen regelmäßig Wargames durch, doch ihre Ergebnisse sind weitgehend geheim. WELT macht die Ergebnisse von Ernstfall öffentlich – in einem mehrteiligen Podcast, Print- und Onlinebeiträgen und im Fernsehen. Denn was in Krisen entschieden wird, geht uns alle an.

Damit unser Wargame ähnlich professionell abläuft wie eines der nicht öffentlichen Spiele in Ministerien oder Unternehmen, haben wir mit dem German Wargaming Center zusammengearbeitet, einer Einrichtung der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Sie haben uns bei der Entwicklung des Szenarios und der Durchführung beraten und waren auch am Spieltag vor Ort, um die Entscheidungen der Teams zu dokumentieren.

Unser Szenario ist rein fiktiv, aber nicht aus der Luft gegriffen. Sicherheitsexperten sind sich einig: Russland will wieder zur bestimmenden Macht in Europa werden. „Um dieses Ziel zu erreichen, wird Russland, wenn nötig, auch eine direkte militärische Auseinandersetzung mit der Nato nicht scheuen“, sagte Martin Jäger, Chef des Bundesnachrichtendienstes, im Oktober 2025.

Wargames sagen die Zukunft nicht voraus. Sie können nicht berechnen, ob Russland eines Tages wirklich ein Nato-Land überfällt oder wann China die demokratisch regierte Insel Taiwan angreift. Und sie können falschliegen, weil sie eine komplexe Realität auf einen spielbaren Mikrokosmos herunterbrechen.

Was Wargames aber leisten: Sie helfen, Schwächen und Handlungsoptionen zu erkennen. Und sie zwingen dazu, sich in die Lage des Gegners zu versetzen, im Wargame „Red Team“ genannt. Diese Perspektive schärft das Verständnis für die gegnerische Denklogik, in unserem Fall die des Kremls.

Auch die deutsche Brigade in Litauen, die in unserem Wargame eine zentrale Rolle spielt, nutzt das Konzept, um eigene Schwachstellen zu identifizieren. Im Sommer 2025 untersuchte die Bundeswehr, unter welchen Bedingungen die dort stationierte 45. Panzerbrigade im Jahr 2029 unter einem russischen Angriff mit ihren Verbündeten kommunizieren und geführt werden kann. Die Teilnehmer der Übung „Baltic Mesh“ wurden mit verschiedenen Problemen konfrontiert, die sie lösen mussten.

Von den Ergebnissen berichtete Thomas Zimmermann, Referatsleiter im Verteidigungsministerium, auf der Zukunftstagung der Bundeswehr. Demnach ist das größte Problem in der Kommunikation ihr elektronischer Fußabdruck.

In anderen Worten: Die Brigade sendet zu viel, sei es per Funk, Richtfunk oder Satellit – und macht sich damit zum Ziel für Russland, weil die Signale ihre Position verraten. Darauf will die Bundeswehr reagieren, diese Schwäche abstellen.

Das ist auch das Ziel unseres Wargames: Deutschland soll erkennen, wo seine Schwächen liegen – und sie beheben, bevor der Ernstfall eintritt. Nur eine wehrhafte Demokratie kann sich behaupten, durch Abschreckung verhindern, dass es zum Äußersten kommt. Oder, wie Nato-Generalsekretär Mark Rutte es im Juni 2025 formulierte: Die Geschichte habe uns gelehrt, dass wir uns auf den Krieg vorbereiten müssten, um den Frieden zu wahren.

Formal kein militärisches Wargame, aber strukturell ähnlich, sind Katastrophenszenarien ohne gegnerische Armee, etwa eine Pandemie oder ein großflächiger Stromausfall – wie etwa von Autor Marc Elsberg in seinem Buch „Blackout“ beschrieben. Darin kommt es zu Verkehrsunfällen wegen ausgefallener Ampeln, Stürmen auf Bankfilialen, Gewalttaten; kurz, die öffentliche Ordnung bricht zusammen.

Ein solches Szenario simuliert auch das Lernspiel „Neustart“, in dem Teilnehmer in die Rollen von Polizei, Feuerwehr, Verwaltung, Rettungsdienst und Bauhof schlüpfen und die Bevölkerung versorgen müssen, um Ruhe und Ordnung so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.

Einst waren es die Preußen, die das sogenannte Kriegsspiel in den 1820er-Jahren erfanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlernte Deutschland diese Kompetenz; eine analytische Wargaming-Kultur ist heute vor allem in den USA und Großbritannien ausgeprägt.

In der Bundeswehr gibt es nun aber Bestrebungen, die Methode wiederzubeleben. Laut Generalinspekteur Carsten Breuer kann sie helfen, Deutschland kriegstüchtig zu machen. Unter anderem könne der „Mut zu Entscheidungen“ gestärkt werden, schreibt Breuer im Vorwort zum Wargaming-Handbuch der Bundeswehr.

Denn, und auch das ist eine Lehre aus der Welt der Wargames, die auch für unseren Ernstfall gilt: Wer nicht entscheidet, für den entscheiden andere.

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Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Kritik haben, schreiben Sie uns gerne an wargame@welt.de.

Und für alle, die noch tiefer einsteigen wollen, gibt es ab dem 7. Februar den Ernstfall-Pass mit einem exklusiven Blick hinter die Kulissen des Wargames. In acht Teilen bündelt er Interviews mit Protagonisten und Analysen sowie eine ausführliche Recherche, die die wichtigsten Hintergründe und strategischen Erkenntnisse aus den fünf Podcast-Folgen zusammenfasst und erklärt. Außerdem werden Franz-Stefan Gady (im Wargame der russische Militärchef) und Roderich Kiesewetter (im Wargame der deutsche Verteidigungsminister) am 11. Februar Fragen der Pass-Abonnenten in einem Videogespräch beantworten. Ihre Fragen an die beiden Experten können Sie hier stellen.

Carolina Drüten ist International Security Correspondent. Sie berichtet über sicherheitspolitische Themen in Europa und darüber hinaus. Zuvor war sie für WELT mehrere Jahre Korrespondentin mit Sitz in Athen und Istanbul.

Caroline Turzer leitet seit 2020 das Ressort Außenpolitik von WELT. Sie berichtet vorwiegend über Bildungspolitik, Geopolitik und internationale Zusammenarbeit sowie über die Zukunft der EU.

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