MDR AKTUELL: Herr Burkert, Sie haben einen besseren Schutz für Zugbegleiter gefordert. Geht die Forderung an die Bahn oder an die Politik?

Martin Burkert: Wir müssen erst einmal festhalten, dass wir im letzten Jahr über 3.000 Körperverletzungen in Zügen und in Bahnhöfen gehabt haben. Dass 82 Prozent unserer Kolleginnen und Kollegen schon einen verbalen oder körperlichen Übergriff erlebt haben und ein Drittel Angst hat in der Arbeit, ist ein Zustand, der muss geändert werden. Und nachdem unser Kollege Serkan verstorben ist und die ganze Eisenbahnerfamilie in großer Trauer ist, ist die Politik gefordert, vor allem die Bundesländer. Wir brauchen eine Innenminister- und eine Verkehrsministerkonferenz, die [...] entscheiden, dass wir vor allem Doppelbesetzung im Schienenpersonennahverkehr bekommen und nicht mehr mit einer Frau oder einem Mann unterwegs sind. 

Wäre das eine Sofortmaßnahme, die Sie gerne sehen würden? 

Das fordern wir seit Langem ein. In den letzten zehn Jahren haben sich ja die Übergriffe verdoppelt. Von daher ist es dringend notwendig. Auch die Vollversion der Bodycams wäre eine Möglichkeit, oder ein Notrufknopf an einer Smartwatch. Also, es gibt Möglichkeiten. Die kosten aber alle Geld und deswegen muss man da an den Tisch kommen.

Welche Unterstützung bekommen Sie von der Bahn? Sind Sie damit zufrieden? 

Martin Burkert, Vorsitzender der Eisenbahnergesellschaft EVGBildrechte: picture alliance/dpa | Daniel Löb

Also hundertprozentig zufrieden nicht. Aber unsere Forderungen sind eingeflossen in die Ausbildung. Mittlerweile gibt es Trainings für Selbstverteidigung. Es gibt Kommunikationskurse, wie man mit aggressiven Fahrgästen umgeht. Da hat wohl unser verstorbener Kollege, soweit wir es heute schon wissen, alles richtig gemacht. Und trotzdem ist er am Ende seinen Verletzungen erlegen. Also, wir haben auch eine Verrohung der Gesellschaft und das ist vor allem in Zügen und Bahnhöfen spürbar. 

Wie zeitgemäß sind Fahrkartenkontrollen noch? Könnte das auch anders gelöst werden?

Also Zugangskontrollen am Bahnsteig sind diskutiert worden, das ist nicht möglich. Natürlich gibt es im Fernverkehr schon die Möglichkeit, digital viel zu machen. Im Fernverkehr soll auch die Bundespolizei eigentlich mitfahren. Das findet kaum statt, weil auch da Personal fehlt. Und weil viele Überstunden anfallen bei den Polizisten, weil die vor allem bei Fußballspielen am Wochenende im Einsatz sind.

Müsste man gesamtgesellschaftlich überlegen, wie man die Gewaltbereitschaft runter reguliert? 

Es ist ein gesellschaftliches Gesamtproblem, das es immer mehr Verrohung und Gewalt gibt. Prävention muss in der Schule bereits beginnen. Aber das ist insgesamt ein Thema. Und ich bin froh, dass es immer wieder Zivilcourage gibt, auch in dem Fall, wenn es am Ende leider auch nicht geholfen hat.

MDR (dni)

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