Die großen außenpolitischen Themen der Trump-Regierung sind derzeit Iran, Venezuela und Kuba sowie weiterhin der russische Krieg gegen die Ukraine. Dennoch fliegt Vizepräsident J.D. Vance in den Südkaukasus, nach Aserbaidschan und Armenien. Die ehemals verfeindeten Nachbarn hatten 2025 einem durch Donald Trump vermittelten Frieden zugestimmt – in einer ölreichen Region, die zwischen Russland und dem Iran liegt. In Aserbaidschan, das auch eine Energiepartnerschaft mit der EU hat, sind mehr als 200 US‑Unternehmen aktiv, darunter Chevron und ExxonMobil.

Weniger auf Vances Agenda dürften die Themen Demokratie und Menschenrechte stehen, deren Zustand im autokratisch regierten Aserbaidschan als schlecht bezeichnet werden können: Anfang November hatte WELT den Oppositionspolitiker Ali Karimli interviewt, wenige Wochen darauf wurde der Vorsitzende der Volksfrontpartei in Baku verhaftet. Seitdem sitzt der 60-Jährige in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, an einem „Umsturzversuch“ gegen das Regime von Präsident Ilham Alijew beteiligt gewesen zu sein. WELT sprach exklusiv mit seiner Tochter Sezan Karamli.

WELT: Der US-Vizepräsident J.D. Vance wird dieser Tage Armenien und auch Aserbaidschan besuchen, offiziellen Angaben zzufolge,um „strategische Partnerschaften“ zu stärken. Was hält ihr Vater davon?

Sezan Karimli: Das zentrale Ziel des Besuchs ist eindeutig die Förderung und der Abschluss des im vergangenen Jahr begonnenen Friedensprozesses zwischen Armenien und Aserbaidschan. Gleichzeitig hoffen wir natürlich, dass der Besuch auch die Repression in Aserbaidschan thematisiert. Heute gibt es etwa 340 politische Gefangene im Land, darunter 24 Journalisten und Medienvertreter. Zudem erwarten wir, dass der sogenannte TRIPP-Korridor (Trump Route for International Peace and Prosperity; s. Karte) eine prominente Rolle spielt, die die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan mit Aserbaidschan verbinden soll – und dies angesichts des Widerstands Russlands und des Iran. Der Korridor ist ein Test dafür, ob die Länder im Südkaukasus souveräne Entscheidungen treffen können.

WELT: Internationale Menschenrechtsorganisationen haben die Verhaftung ihres Vaters und anderer Oppositioneller als Zeichen einer fortschreitenden Festigung autoritärer Praktiken in Aserbaidschan bewertet.

Karimli: Ja, die Einschätzung von Amnesty International und anderen Organisationen ist zutreffend – und die Verhaftung meines Vaters spiegelt keine isolierte Episode wider. Seit vielen Jahren ist mein Vater einer der profiliertesten prowestlichen Oppositionsführer, der sich friedlich für demokratische Reformen und Rechtsstaatlichkeit einsetzt. An seiner Seite sind weitere Oppositionsfiguren, Journalisten und Akteure der Zivilgesellschaft, die man mit Verhaftungen und Einschüchterungen unter Druck setzt. Was wir jetzt erleben, ist eine Eskalation – der Versuch, den politischen Pluralismus vollständig auszuschalten. Die Behörden scheinen zu glauben, dass die globale Instabilität einen Moment geschaffen hat, in dem dies geräuschlos geschehen kann.

WELT: Steht hinter der Vance-Reise der Einsatz der US-Regierung für mehr Demokratie in Aserbaidschan oder dient der Besuch vielmehr der Aufwertung des Regimes von Präsident Alijew?

Karimli: Die Behörden werden sicherlich versuchen, den Besuch als internationale Anerkennung darzustellen. Das ist eine altbekannte Taktik. Aber das ist nicht der strategische Zweck des US-Engagements. Washingtons Interessen liegen in regionaler Stabilität, einer dauerhaften Friedensregelung und der Verringerung des Einflusses Russlands im Südkaukasus. Entscheidend ist, dass diese Ziele mit Frieden und Stabilität weitaus nachhaltiger sind, wenn sie von unabhängigen Medien, einer funktionierenden Zivilgesellschaft und einem glaubwürdigen Wahlsystem getragen werden.

WELT: US-Präsident Donald Trump behauptet, er allein habe Frieden zwischen Armenien und Aserbaidschan gestiftet. Stimmt das?

Karimli: Der Friedensprozess begann oder endete nicht mit einer einzelnen Regierung. Die Verhandlungen wurden fortgesetzt, seit die aktiven Kämpfe zwischen unseren Ländern im Jahr 2023 eingestellt wurden. Dennoch ist es fair anzuerkennen, dass die Trump-Administration neuen Schwung und Dringlichkeit eingebracht hat.

WELT: Aserbaidschan unterstützt Kiew im Abwehrkrieg gegen Moskaus Invasion. Könnte Vance den aserbaidschanischen Präsidenten unter Druck setzen, diese Haltung zu ändern?

Karimli: Druck ist hier nicht das zentrale Thema. Ein russischer Sieg in der Ukraine würde eine strategische Bedrohung für Aserbaidschan und die gesamte Region darstellen. Russische Staatsmedien haben bereits damit begonnen, die Legitimität der postsowjetischen Unabhängigkeit an sich infrage zu stellen. Die USA verstehen diese Dynamik, wie mein Vater glaubt. Die gemeinsame Sorge über Russlands Kurs ist einer der Faktoren, die regionale Akteure dazu bewegen, Konflikte untereinander zu lösen, anstatt für externe Einflussnahme anfällig zu bleiben.

WELT: Alijew und Putin mögen bei der Ukraine uneins sein, aber ihr letztes Treffen deutete auf eine Annäherung hin. Könnte Aserbaidschan ein Vermittler zum Kreml sein?

Karimli: Die jüngsten Vereinbarungen mit Russland erscheinen weitgehend taktischer Natur – ein Versuch, die Beziehungen nach dem Flugzeugzwischenfall am 25. Dezember 2024 zu stabilisieren, und weniger ein Zeichen für echtes strategisches Vertrauen. Aber es gibt noch einen tieferen Hintergrund. Nur zwei Tage vor Russlands Invasion in der Ukraine haben Baku und Moskau einen 43 Punkte umfassenden militärpolitischen Pakt unterzeichnet, der formell nach wie vor in Kraft ist. Der wirft weiterhin einen langen Schatten auf Aserbaidschans Souveränität. Ebenso beunruhigend ist, dass sich erst im Oktober aserbaidschanische und russische Beamte öffentlich dazu bekannten, „westlichen Einfluss“ und „außersystemische Opposition“ zu bekämpfen.

WELT: Was ist damit gemeint?

Karimli: Dies bezieht sich direkt auf meinen Vater und die Volksfrontpartei – eine prowestliche politische Kraft, die sich konsequent für demokratische Reformen, die Integration in die Europäische Union und die USA eingesetzt hat. Die Anbindung an Moskau war nicht allein symbolisch. Sie hat Einfluss auf die Repression im Land.

WELT: Welche Rolle spielt Armenien, und was hofft Vance in Eriwan zu erreichen?

Karamli: Armenien orientiert sich eindeutig nach Westen, tut dies jedoch aus einer Position der Verwundbarkeit heraus. Die jahrzehntelange Abhängigkeit von Russland hat tiefe institutionelle und sicherheitspolitische Ängste hinterlassen, und der Ausbruch aus diesem Orbit ist mit realen Risiken verbunden. Der Besuch von Vizepräsident Vance kann Armenien dabei helfen, Russlands Einfluss zu verringern und eigenständig dazustehen. Dies wäre auch ein Zeichen für die gesamte Region.

WELT: Geht es bei der Vance-Reise in erster Linie um die Eindämmung des Einflusses Russlands?

Karimli: Ja, und dieses Ziel ist so legitim wie notwendig. Den russischen Einfluss zu verringern, bedeutet nicht Eskalation. Es geht darum, souveräne Entscheidungsfindung zu ermöglichen und zu verhindern, dass die Region zu einer dauerhaften Zone des Zwangs wird.

WELT: Ihr Vater wurde zusammen mit anderen Parteimitgliedern unter dem Vorwurf verhaftet, einen Umsturz gegen Präsident Alijew geplant zu haben. Was sind die wahren Gründe für die Inhaftierung?

Karimli: Anschuldigungen wegen Putschplänen sind ein bekannter Reflex in autoritären Systemen. Mein Vater war schon früher mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert, immer ohne Beweise und immer in Momenten, in denen sich das Regime politisch angreifbar fühlte. Dieses Mal kamen mehrere Faktoren zusammen. Als Präsident Alijew im August 2025 in Washington herzlich empfangen wurde, interpretierte man das im Inland als Signal internationaler Toleranz. Ich befürchte, der Handschlag mit Trump wurde nicht allein als Engagement für den aserbaidschanischen Staat verstanden, sondern auch als Erlaubnis, politische Gegner auszuschalten. Zweitens spielt der wirtschaftliche Kontext eine Rolle. Die Öleinnahmen sinken, die Steuern steigen, und der öffentliche Frust wird immer schwieriger zu kontrollieren. Wenn sich der Lebensstandard verschlechtert, neigen Regime dazu, die organisierte Opposition präventiv zu zerschlagen, bevor sich der soziale Unmut politisch artikulieren kann. Drittens suchten die Behörden immer nach einer kontrollierbaren, dekorativen Opposition. Mein Vater hat sich jedoch immer geweigert, diese Rolle zu spielen, und er ließ es sich nicht nehmen, mit internationalen Medien, wie auch WELT zu sprechen. In einem System, das auf Schweigen aufgebaut ist, wird Sichtbarkeit zur Gefahr.

WELT: Wie sind die Haftbedingungen ihres Vaters und was ist von dem bevorstehenden Prozess zu erwarten?

Karimli: Mein Vater wird seit zwei Monaten im Untersuchungsgefängnis des Staatssicherheitsdienstes festgehalten, einer der am stärksten abgeschirmten Einrichtungen des Landes. Sein Zugang zur Außenwelt ist stark eingeschränkt. Sogar Bücher werden ihm vorenthalten. Anwälte werden streng kontrolliert, selbst der Kontakt zur Familie wird immens reglementiert. Was die Gerichte betrifft, so haben wir das Vertrauen in ihre Unabhängigkeit längst verloren. Sie sind Instrumente politischer Kontrolle, ein fairer Prozess ist nicht zu erwarten.

WELT: Haben die Anwälte Ihres Vaters versucht, die US-Delegation von Vance zu kontaktieren, um auf die Missstände aufmerksam zu machen?

Karimli: Nein, das haben sie nicht. Aber ich hoffe, dass der Besuch trotzdem Einfluss auf die rund 340 politischen Gefangenen in Aserbaidschan hat. Ihre Freilassung, einschließlich der meines Vaters, sollte nicht als Randthema behandelt werden. Es geht darum, ob Aserbaidschan als ein glaubwürdiger Partner gelten kann.

Alfred Hackensberger hat seit 2009 aus mehr als einem Dutzend Kriegs- und Krisengebieten im Auftrag von WELT berichtet. Vorwiegend aus den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, wie Libyen, Syrien, dem Irak und Afghanistan, aber auch aus Bergkarabach und der Ukraine.

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