Noch im Oktober schien das Tischtuch zwischen den USA und Mali zerschnitten. Die US-Regierung hatte Mali auf eine Liste von Ländern gesetzt, deren Staatsbürger künftig 10.000 Dollar (rund 8426 Euro) hinterlegen mussten, um ein Visum zu erhalten. Begründet wurde der Schritt mit angeblich hohen Überziehungsraten von Visa. Die Militärregierung in Bamako reagierte umgehend und verhängte spiegelbildliche Auflagen für US-Bürger.
Überraschend lenkte US-Präsident Donald Trump wenig später ein und strich Mali wieder von der Liste. Es war eine kleine Geste, der nun ein deutlich größerer Kurswechsel folgte. Das US-Außenministerium entsendet Nick Checker, den Leiter seines Afrika-Büros, nach Bamako. Er soll dort den „Respekt für Malis Souveränität“ betonen und einen „neuen Kurs“ in den Beziehungen einleiten.
Parallel kündigt Washington an, auch mit Burkina Faso und Niger enger zusammenarbeiten zu wollen, insbesondere in Sicherheits- und Wirtschaftsfragen. Die Sahelzone gilt inzwischen als Epizentrum des islamistischen Terrors, in dem sowohl al-Qaida-nahe Netzwerke als auch der IS-Ableger in der Großsahara aktiv sind.
Alle drei Staaten werden von Militärregierungen geführt. Themen wie Demokratie, Menschenrechte oder das Schicksal des in Niger entmachteten Präsidenten Mohamed Bazoum treten also auch hier bei der US-Außenpolitik in den Hintergrund.
Damit verabschiedet sich Washington von einer Linie, die nach den Militärputschen zwischen den Jahren 2020 und 2023 galt. Unter der Biden-Regierung waren Teile der militärischen Zusammenarbeit eingefroren, die baldige Rückkehr zur Demokratie eingefordert und Sanktionen in Aussicht gestellt worden. Mit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus hat sich die Gewichtung verschoben.
Bakary Sambe, Direktor des senegalesischen Thinktanks Timbuktu Institute, sieht in der neuen US-Politik einen grundlegenden Strategiewechsel. „Das bedeutet faktisch eine De-Priorisierung der Wiederherstellung von Demokratie als Voraussetzung für Engagement“, sagt Sambe. Er rechnet mit verstärkter Geheimdienstkooperation, militärischer Ausbildung und weiteren Formen praktischer Zusammenarbeit im Kampf gegen dschihadistische Gruppen.
Zugleich verfolge die US-Regierung klare geopolitische Interessen. „Es geht auch darum, russischen und chinesischen Einfluss zu begrenzen und den Zugang zu strategischen Ressourcen zu sichern“, so Sambe. Mali ist ein bedeutender Goldproduzent und verfügt über Lithiumvorkommen. Und die nigrische Militärregierung hat den französischen Konzern Orano aus zentralen Uranprojekten gedrängt und sucht neue Partner. Sowohl Russland als auch China signalisieren Interesse.
Kritische Mineralien spielten dabei ebenso eine Rolle wie Sicherheitsfragen. „Washington will verhindern, dass sich die Krise weiter auf die Küstenstaaten an der westafrikanischen Atlantikküste ausweitet“, erklärt Sambe. Diese Länder seien für die US-Strategie von besonderer Bedeutung, etwa mit Blick auf maritime Sicherheit sowie Energie- und Handelsrouten.
In Mali sei die Reaktion auf das amerikanische Entgegenkommen angesichts der anhaltenden Terrorbedrohung überwiegend positiv ausgefallen, sagt Sambe. „Das ist von einem gewissen Realismus geprägt.“ In Burkina Faso und Niger falle die Reaktion hingegen deutlich zurückhaltender aus. Besonders der Präsident von Burkina Faso, Ibrahim Traoré, inszeniert sich in panafrikanischer Rhetorik als Bollwerk gegen „westlichen Imperialismus“.
Gemeint ist vor allem die ehemalige Kolonialmacht Frankreich. Doch auch die USA mussten 2024 ihre Militärbasis im Niger schließen, wo es erst Ende Januar einen Terroranschlag auf den größten Flughafen des Landes gab. Die Militärregime berufen sich auf staatliche Souveränität, greifen zugleich aber weiterhin auf externe Sicherheitsakteure zurück, zuletzt insbesondere auf Russland und die Türkei – bislang mit denkbar mäßigem Erfolg. „Das zunehmende Outsourcing von Sicherheit steht in einem Spannungsverhältnis zu diesem Anspruch“, sagt Sambe.
Auch Ulf Laessing, Leiter des Sahel-Programms der Konrad-Adenauer-Stiftung, warnt vor einer pauschalen moralischen Verurteilung der US-Annäherung an die Militärregime. „Ich halte es für den richtigen Ansatz, einen pragmatischen Weg der Zusammenarbeit mit diesen drei Ländern zu finden“, sagt Laessing. Er verweist ebenfalls auf den wachsenden Einfluss Russlands, Chinas und der Türkei. „Immerhin haben die Amerikaner einen Plan nach vorn.“
Im Vergleich dazu wirke die Europäische Union orientierungslos. Laessing verweist auf das erneute Scheitern eines seit Langem geplanten Hilfspakets über 195 Millionen Euro für Niger, Mali und Burkina Faso. „Das passt in ein Muster, warum die EU als Block in internationalen Krisen und Konflikten – von der Ukraine bis zum Sudan – häufig nur am Rand steht“, sagt er. Zwar habe die EU nach rund 18 Monaten interner Debatte im vergangenen November eine neue Sahel-Strategie verabschiedet, doch das Ergebnis sei ernüchternd: „Es enthält kaum Konkretes.“
Wie ein Zug, dessen Lokomotive entgleist ist
Die europäische Sahelpolitik sei lange von Frankreich dominiert gewesen, während andere Mitgliedstaaten dem Kurs der früheren Kolonialmacht gefolgt seien. „Seit Paris mit Mali, Burkina Faso und Niger gebrochen hat, tut sich die EU schwer, einen neuen Ansatz zu formulieren“, sagt Laessing.
Länder wie Italien, Spanien oder auch Deutschland wollten zwar pragmatischer mit den Militärregierungen umgehen, scheuten aber davor zurück, Frankreich offen zu widersprechen. Andere Mitgliedstaaten zeigten wenig Interesse. „Das führt dazu, dass die EU am Ende sehr wenig tut“, so Laessing. Der jüngste Nicht-Beschluss zum Hilfsfonds habe den Eindruck verstärkt, „dass die EU das größere strategische Bild aus den Augen verliert“.
In diese Richtung argumentiert auch Sambe. Einerseits habe sich die EU teilweise von ihrer klassischen Wertepolitik entfernt. „Wir befinden uns in einer Ära des Pragmatismus“, sagt er. Gleichzeitig wirke Europas Sahelpolitik orientierungslos. „Europa gleicht derzeit einem Zug, dessen Lokomotive Frankreich entgleist ist und dessen Waggons nach einer Richtung suchen.“
Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.
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