Das Ansehen der USA ist in Deutschland und in weiteren europäischen Ländern in den vergangenen eineinhalb Jahren deutlich gesunken. Das zeigt eine repräsentative internationale Politik-Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und Dänemark, die WELT vorliegt.
Demnach hat in Deutschland insgesamt nur noch rund jeder fünfte Bürger (21 Prozent) ein positives Bild von den Vereinigten Staaten. Im August 2024 war es noch etwas mehr als die Hälfte (52 Prozent). Damals war Joe Biden noch Präsident, Donald Trump trat gegen Kamala Harris an – und gewann im November die Wahl.
Auch in den anderen Ländern der Umfrage ist das Ansehen der USA seitdem gesunken. Am besten steht das Land noch bei den Engländern da (30 Prozent positiv oder sehr positiv), am schlechtesten kommen die USA – aufgrund ihrer Ambitionen zur Übernahme Grönlands wenig überraschend – bei den Dänen weg: Nur noch elf Prozent der dortigen Bürger haben ein positives oder sehr positives Bild der USA.
Gefragt, ob sie die USA als einen Freund und Verbündeten/einen befreundeten Konkurrenten ansehen oder aber als ein unfreundliches/feindselig gesonnenes Land, halten sich die Antworten in Deutschland die Waage – jeweils 41 Prozent. Vor fast drei Jahren, im Juli 2023, schätzten noch 70 Prozent der Deutschen die USA als ein grundsätzlich befreundetes Land ein.
Diese Entwicklung hat YouGov in dieser Tendenz in allen Ländern ermittelt, allerdings mit einem unterschiedlichen Ausmaß. In Dänemark ist der Vertrauenseinbruch besonders drastisch – von 80 auf 26 Prozent. In Italien, das unter Giorgia Meloni generell positiver gegenüber der Trump-Regierung eingestellt ist, fällt er mit einem Rückgang von 61 auf 52 Prozent am geringsten aus.
„Das Ansehen der USA in Europa ist so schlecht wie noch nie in den letzten Jahren“, sagt YouGov Meinungsforscher Frieder Schmid, Leiter „Für immer mehr Europäer sind die USA kein Partner mehr, dem sie vertrauen.“
Gefragt, ob sich das Verhältnis der USA zu Europa nach der Präsidentschaft Donald Trumps wieder verbessert, sind die Deutschen geteilter Meinung: 39 Prozent halten die US-Außenpolitik für reversibel, 41 Prozent gehen davon aus, dass Trump sie dauerhaft verändert haben wird. 20 Prozent haben keine Meinung. Damit sind die deutschen besonders pessimistisch – oder auch realistisch, je nach Perspektive – eingestellt: In den anderen Ländern der Umfrage erwartet jeweils eine Mehrheit an eine Rückkehr zu einem guten Verhältnis.
Einigkeit gibt es in der Frage, ob die Europäer in den Konflikten mit den USA ihre Werte und ihre Unabhängigkeit bewahren sollten – auch wenn es das Ende der transatlantischen Allianz bedeuten sollte. Eine relative Mehrheit von 41 Prozent in Frankreich bis 55 Prozent in Dänemark spricht sich dafür aus. In Deutschland halten das 45 Prozent für richtig, 34 Prozent würden in einigen Politikbereichen lieber Kompromisse eingehen oder Werte aufgeben, um die Allianz zu retten.
Für Schmid zeigt sich darin, wie verunsichert die Bürger sind. „Zwar glaubt fast jeder Zweite in Deutschland, dass Europa seine Unabhängigkeit und Werte bewahren sollte. Aber jeder Dritte denkt, dass es wichtiger ist, die transatlantischen Beziehungen zu bewahren, statt auf die eigene Unabhängigkeit zu pochen“, sagt er.
YouGov ermittelte auch eine Einschätzung zu den relativen Stärken und Schwächen der USA und Europas sowie der Abhängigkeit. Eine Mehrheit nimmt die USA als stärker in den Bereichen Wirtschaft, Militär und Diplomatie wahr, und als abhängig in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung und Verteidigung. „Die Bürger glauben, dass Europa am kürzeren Hebel sitzt“, sagt Schmidt. Ein Bruch der Beziehungen zwischen Europa und USA, das sagt die Mehrheit der Bürger in allen Ländern, hätte negative Auswirkungen auf die Wirtschaft, Verteidigungsfähigkeit und Frieden und Stabilität in Europa.
Wie sollte Europa reagieren?
Um einen solchen Bruch zu vermeiden, wären mehrheitlich die Deutschen (56 Prozent) sowie Franzosen (51 Prozent), Briten (57 Prozent) und Dänen (63 Prozent) zu einer Erhöhung der Verteidigungsausgaben bereit, Spanier (39 Prozent) und Italiener (22 Prozent) mehrheitlich nicht. Eine Mehrheit gibt es auch für eine Reduktion der Einwanderung, wie sie etwa Vizepräsident J.D. Vance gefordert hatte – mit Zustimmungswerten von 57 Prozent in Großbritannien bis zu 67 Prozent in Deutschland.
Mehrheitlich nicht akzeptabel für Europäer sind die Kosten für in Europa stationierte US-Truppen zu übernehmen, Handelsabkommen, die die USA leicht bevorzugen, abzuschließen, die europäische Handelspolitik in Einklang mit den USA bringen oder Regulierungen gegen sogenannte Hassrede zu lockern.
Für den Fall, dass es einen Abbruch der Beziehungen zwischen den USA und Europa geben sollte, besteht in allen Ländern die Bereitschaft, die Integration der EU voranzutreiben– von 46 Prozent im Nicht-Mitglied Großbritannien bis 63 Prozent in Spanien. In Deutschland sprechen sich 54 Prozent dafür aus. Erneut wünscht sich auch eine Mehrheit mit Ausnahme der Italiener in diesem Fall eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben in Europa.
Wenig Bereitschaft gibt es dafür, für engere Beziehungen mit anderen Weltmächten über Menschenrechtsfragen hinwegzusehen – mit 30 Prozent fällt die Zustimmung in Spanien noch am höchsten aus. In Deutschland wäre dazu nur jeder Vierte (26 Prozent) bereit. In der Frage der weiteren Unterstützung der Ukraine ist das Meinungsbild geteilt. Während Briten und Dänen mehrheitlich bereit sind, ihr Engagement zu verstärken, lehnen Franzosen, Spanien und Italiener dies ab. In Deutschland ist das Meinungsbild mit 37 zu 43 geteilt.
Für die Umfrage befragte YouGov online vom 9. bis zum 27. Januar 2224 Personen über 18 Jahren in Deutschland, 2046 in Großbritannien, 1051 in Frankreich, 1007 in Dänemark, 1063 in Spanien und 1050 in Italien. Die Stichprobe ist jeweils repräsentativ für die Wohnbevölkerung ab 18 Jahren.
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