Es war stets niederträchtig, Friedrich Merz als „Außenkanzler“ zu bezeichnen. Das Wort sollte den fahlen Beigeschmack verbreiten, der Herr im Kanzleramt schreite lieber über das Parkett der Welt, als über die zerklüfteten Felder der Innenpolitik zu stolpern. Wer so sprach, verkannte: Das Land durchsteht die schwerste außenpolitische Krise seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Ein Regierungschef, der in einer solchen Lage die Außen- und Verteidigungspolitik aus dem Blick verliert, der hat an der Spitze nichts zu suchen.

Merz ist der Richtige in diesem Augenblick. Unter den Augen der Welt hat er am Freitag in München eine Rede gehalten, die selbst diejenigen als historisch bezeichnen müssen, welche den Kanzler für ein Leichtgewicht halten. Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik hat ein deutscher Regierungschef, ein Christdemokrat zumal, sich derart deutlich von dem amerikanischen Bündnispartner abgesetzt, ohne das Bündnis selbst infrage zu stellen, das Teil der deutschen Staatsräson ist (und bleiben sollte). Dieser Balanceakt auf dem Hochseil bei gleichzeitigem Jonglieren mit vier, fünf Bällen ist Friedrich Merz gelungen.

Der Kanzler steht vor der gewaltigen Aufgabe, die Sicherheitsarchitektur so zu wahren, dass sie weitere drei Jahre der amerikanischen Dampfwalze Donald Trump standhält. Gleichzeitig muss er Sorge dafür tragen, neue Stützpfeiler in greifbarer Nähe zu haben, um Ersatzbauten zu schaffen für den Fall der Fälle.

Um dies zu erreichen, steht das Land vor Anstrengungen, die allenfalls mit den Jahren der Wiederbewaffnung zu vergleichen sind. Damals ging es nicht allein um die Frage, wie eine deutsche Verteidigungsstreitmacht beschaffen sein muss, es ging vor allem darum, sie in ein verlässliches Bündnisgefüge einzupassen.

In bester bundesdeutscher Tradition verknüpfte Merz in seiner Rede den Anspruch, als europäische Mittelmacht dem Gewicht gemäß politisch aufzutreten, dies aber nie im Alleingang zu tun, sondern nur im europäischen Verbund – mit oder ohne Washington. Ohne die Vereinigten Staaten hieße dies auch – Merz sprach es an –, ein Tabu zu brechen und eine europäische Nuklearabschreckung auf den Weg zu bringen. Der Kanzler ist darüber seit geraumer Zeit im Gespräch mit Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron. Sollte sich die französische Option zerstreuen, blieben weitere Möglichkeiten. In Skandinavien debattieren einige führende Sicherheitsexperten derzeit über die Frage, ob sich die Region im Verbund mit den Deutschen atomar bewaffnen sollte.

Heute scheint selbst das möglich zu sein, was vor wenigen Monaten noch tollkühn geschimpft worden wäre. Eines allerdings ist unter Merz ausgeschlossen – auch dies betonte er glasklar: Einen deutschen Alleingang wird es unter ihm nicht geben. In bester Adenauerscher Tradition ist er bereit, das deutsche Gewicht für die Nachbarn dadurch erträglich zu halten, dass er es europäisiert. Mit Bundeskanzler Merz muss man sich über das Wiederaufkommen der deutschen Frage keine Sorge machen.

Allerdings heißt es nun, europäische Partnerschaften so auszurichten oder derart zu schaffen, dass sich niemand vor Deutschland fürchten muss. Helmut Kohl und François Mitterrand gelang Ähnliches, als sie die Europäische Währungsunion formten. Sind die Europäer dazu heute wieder in der Lage? Man kann es nur hoffen. Viel Zeit bleibt ihnen nicht.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.