Sandra Maischberger hatte am Mittwochabend hohen Besuch: Erst die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton (im aufgezeichneten Interview), dann im Studio den Bundespräsidenten a.D. Joachim Gauck. Clinton warnte bei Maischberger, sie wisse nicht, ob sie Menschen das Reisen in die USA empfehlen könne.

Maischberger wollte dann kurz darauf von Gauck wissen, was er von der Reise-Warnung halte. Gauck entgegnete zunächst: „Zum Fußball ja gerne“ – was heißen dürfte, dass er trotz Clinton-Warnung niemand davon abrät, zur Fußball-WM in die USA zu fahren – und wurde dann ernster: „Man muss manchmal auch in Länder gehen, die nicht besonders gut oder sogar schlecht regiert werden.“ Immerhin habe der ehemalige DDR-Bürger Gauck selbst „50 Jahre in einer Gegend“ gelebt, „die schlecht regiert wurde, weil es eine Diktatur war.“

Gaucks verurteilte den derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump dann scharf: „Meine tiefe Überzeugung ist ja, dass dieser Präsident eigentlich unamerikanisch ist.“ Der Alt-Bundespräsident ließ durchblicken, dass er tief enttäuscht ist von den Vereinigten Staaten. Es mache ihn „kaputt“, so Gauck, dass ein „Leuchtturm der Freiheit“ zur „Bedrohung der Freiheit aus der Freiheit heraus“ werde.

Passend zum Thema besprachen Maischberger und Gauck danach auch die Münchner Sicherheitskonferenz und die Rede von US-Außenminister Marco Rubio dort.

Weil Rubio in München oberflächlich versöhnliche Töne anschlug, hatte es stehende Ovationen unter den Konferenz-Gästen gegeben. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) jedoch hatte im Konferenz-Nachgang gesagt, dass er diese Reaktion auf Rubio nicht nachvollziehbar fand. „Also ich war nicht im Saal und ich hätte mich auch, wenn ich da gewesen wäre, schwergetan, dann aufzustehen“, so der 70-Jährige im Politik-Podcast „Machtwechsel“ von Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander. Rubio hätte lediglich das altbekannte Trump-Programm in „freundlicherer Verpackung“ abgespult, so der Kanzler.

Gauck urteilte ähnlich über den Rubio-Auftritt: „Es ist eine Trump-Rede in einem besseren Format.“

Differenz zu Merz‘ Politik wurde dagegen bei Gaucks Haltung zum Ukraine-Krieg sichtbar. „Ja, das halte ich für einen Fehler“, sagte Gauck dazu, dass Deutschland die Langstreckenwaffe Taurus bislang nicht an die Ukraine geliefert hat – obwohl Merz vor seiner Kanzlerschaft selbst die Auslieferung dieser Waffengattung forderte. „Putin kalkuliert unsere Ängste ein“, kritisierte Gauck die Zurückhaltung der schwarz-roten Bundesregierung und der Deutschen in dieser Frage.

Trigger-Punkt der deutschen Ukraine-Debatte

Damit traf Gauck er einen Trigger-Punkt der deutschen Ukraine-Debatte. Seit Beginn des Krieges schwankt Berlin zwischen Abschreckungslogik und Eskalationsangst. Die Formel lautet: so viel Unterstützung wie möglich, so wenig Risiko wie nötig.

Gauck stellte diese Balance infrage. Seine These: Wer aus Angst zögert, sendet das falsche Signal. Wenn Gauck sagt: „Wir sind aufgewacht, jetzt müssen wir uns nur noch bewegen“, dann beschreibt er damit eine Republik, die eine Bedrohung erkannt hat, aber noch zögert, die Konsequenzen zu ziehen.

Zum Schluss des Interviews hin sprach Maischberger mit Gauck dann noch über das Superwahljahr 2026, in dem die AfD absolute Mehrheiten in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern erringen könnte.

Gauck gab Durchhalte-Parolen aus: „Bei Flüchten oder Standhalten ist die Sache hier ganz einfach.“ Und: „Wir sind immer noch doppelt geimpft, aber einige Leute sind da vergesslich.“ Damit dürfte Gauck auf die doppelte Diktaturerfahrung der Deutschen im 20. Jahrhundert und die Tatsache angespielt haben, dass es sich bei der AfD um eine durch den deutschen Inlandsgeheimdienst als rechtsextreme Bestrebung eingestufte Partei handelt.

Der Erfolg der AfD speist sich dabei auch aus Unzufriedenheit über den migrationspolitischen Kurs der CDU- und SPD-geführten Bundesregierungen insbesondere ab 2015.

Die AfD will in Teilen jedoch mehr als eine Änderung des migrationspolitischen Kurses, sondern vielmehr eine radikal andere Politik, die Deutschland per „Remigration“ zu einem „ethnisch“ homogeneren oder homogenen Staat umgestaltet. Das würde bedeuten, zwischen den Bürgern einen diskriminierenden Unterschied nur aufgrund ihrer Herkunft zu machen, gegen den Text der Verfassung – so der Verdacht gegen die Partei.

Auf diesen Wunsch nach einer radikal anderen, verfassungsfeindlichen Politik der AfD schien Gauck abzuzielen, als er sagte: „Wir brauchen eine deutlichere Debatte über das, was wir haben. Wollen wir wirklich preisgeben die Art, in der wir leben, dass wir ein Land sind, dass Bürger- und Menschenrechte hat, das im Wohlstand lebt und das ein friedfertiges Land ist und das ein Miteinander der Verschiedenen so organisiert, dass uns geholfen ist. Wo wären wir denn ohne die zugereisten Menschen“, fragt Gauck – da lacht Maischberger kurz auf angesichts des Pathos des Alt-Bundespräsidenten.

Dieser fährt fort: „Wo wäre dieses Land denn morgen, wenn sie alle der Remigration zum Opfer fallen würden? Diese Sache müssen wir offen diskutieren.“ Und forderte: „Wir dürfen diesen Leuten, die keine Zukunftsvisionen haben außer schlechten doch nicht unsere Ängste schenken. Mein Gott!“, schiebt Gauck mit Nachdruck hinterher und erntet Studioapplaus.

Und Hillary? Die ehemalige First Lady hatte in der Sendung Spekulationen um eigene persönliche Kontakte mit dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zurückgewiesen. „Ich habe ihn nie getroffen“, beteuerte sie. „Jemand sagte, ich hätte ihm einmal bei einem Empfang die Hand geschüttelt, aber daran kann ich mich nicht erinnern.“

Ihren Mann, den Ex-US-Präsidenten Clinton, nahm sie in Schutz. Bill Clinton habe Epstein nur getroffen, weil dieser „ein Flugzeug zur Verfügung gestellt hat, um Wohltätigkeitsprojekte zu besuchen, die Bill im Zusammenhang mit HIV/AIDS durchgeführt hat. Das Angebot mit dem Flugzeug endete Jahre bevor er verurteilt wurde.“

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