Die jüngsten Aufnahmen aus Gaza zeigen das Ausmaß des Elends. Wind treibt feinen Staub durch die schmalen Gassen von Khan Yunis. Zwischen eingestürzten Häusern stehen Zelte aus Planen und Holzresten. Kinder balancieren Kanister mit Wasser, Generatoren rattern, irgendwo brennt Plastik.

Hunderttausende Menschen im Gaza-Streifen leben seit Monaten in provisorischen Lagern – ohne verlässliche Stromversorgung, mit knappen Lebensmitteln und kaum medizinischer Versorgung. Es ist eine humanitäre Katastrophe, verursacht durch den von der Terrororganisation Hamas ausgelösten Krieg mit Israel.

Während die Zivilbevölkerung in Gaza um das Überleben ringt, treffen sich mehr als 9000 Kilometer entfernt am Donnerstag Delegationen aus mindestens 20 Ländern in Washington, darunter aus Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Katar und Ägypten.

Es ist die erste Zusammenkunft des sogenannten Friedensrats – jenes Gremiums, das Trump zur Umsetzung seines Gaza-Friedensplans ins Leben gerufen hat und mit dem er dem Wiederaufbau und die politische Neuordnung im Gaza-Streifen vorantreiben will. Fünf Milliarden Dollar (etwa 4,2 Milliarden Euro) hat der Republikaner dazu in Aussicht gestellt, dazu die ambitionierte Vision einer „Riviera des Nahen Ostens“.

Die erste Phase von Trumps Gaza-Plan – Waffenstillstand, humanitäre Hilfe, Geiselrückführungen – gilt als weitgehend abgeschlossen. Jetzt beginnt der schwierige Teil. Die zweite Phase sieht die Entwaffnung der Hamas, den Wiederaufbau und die Einsetzung einer technokratischen Übergangsregierung vor. Ob dieses Vorhaben gelingt, ist jedoch an zahlreiche Bedingungen geknüpft, die bislang nicht erfüllt sind. Ein Überblick.

Problem 1: Ein Waffenstillstand auf Abruf

Im vergangenen Oktober stimmten Israel und die Hamas Trumps sogenannten Friedensplan zu. Doch die seitdem geltende Waffenruhe ist brüchig und wird immer wieder von beiden Seiten verletzt.

Erst am Wochenende kamen bei Zwischenfällen im Gaza-Streifen erneut Palästinenser ums Leben. Nach Angaben des israelischen Militärs handelte es sich um eine Reaktion auf einen Verstoß der Hamas gegen die Waffenruhe. Terroristen seien aus unterirdischen Tunneln gekommen und hätten sich unter Trümmern in unmittelbarer Nähe zu israelischen Truppen versteckt.

Nickolay Mladenov, Sondergesandter für Gaza in Donald Trumps „Friedensrat“, fand dafür auf der Münchner Sicherheitskonferenz deutliche Worte: „Wenn die Verstöße gegen den Waffenstillstand so weitergehen, blamieren wir den Friedensrat und machen ihn so wirkungslos.“ Damit ist ein zentrales Dilemma benannt: Ohne minimale Stabilität lässt sich keine verlässliche neue Ordnung aufbauen.

Problem 2: Die Hamas ist geschwächt – aber nicht entmachtet

Zwar hat die Hamas im Rahmen von Trumps Gaza-Deal der Freilassung der Geiseln zugestimmt, nicht aber ihrer eigenen Entwaffnung. In ihrer Erklärung befürwortete die Terrororganisation den „Friedensplan“ unter bestimmten Voraussetzungen, erwähnte eine Entwaffnung jedoch nicht explizit.

Die Entmilitarisierung ist aber nicht nur eine Kernforderung von Trump, sondern nach Einschätzung von Experten auch Voraussetzung für einen nachhaltigen Wiederaufbau. Der israelisch-arabische Analyst Khaled Abu Toameh stellt im Gespräch mit WELT klar: „Die Hamas hat Hunderte, wenn nicht Tausende neuer Kämpfer rekrutiert und verfügt nach wie vor über ein großes Waffenarsenal und ein ausgedehntes Tunnelnetz.“

Gerade in der jetzigen Übergangsphase könne das gefährlich sein, warnt der Terrorismusforscher Peter Neumann vom King’s College London. „Es ist häufig an solchen Punkten so, dass sich terroristische Organisationen spalten, neue entstehen oder bereits bestehende Gruppen die Chance nutzen, um ihre Position zu stärken.“ Er fürchtet, „dass Teile der Hamas offenbar bereit sind, auch in einstigen Rückzugsräumen wie Europa in die Offensive zu gehen – wie man an den Festnahmen in Österreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern in den letzten Monaten sieht.“

Der Sicherheitsexperte Shay Attias von der israelischen Bar Ilan Universität hält die Fragen nach der Durchsetzbarkeit vor Ort so auch für wichtiger als Erklärungen aus Washington. „Wie realistisch die Pläne des Friedensrats sind, hängt nicht von Deklarationen ab, sondern davon, ob Sicherheits- und Regierungsvereinbarungen in Gaza tatsächlich umgesetzt werden können.“ Wiederaufbauprogramme ließen sich relativ schnell entwerfen – einen fest verankerten bewaffneten Akteur durch eine stabile und legitime Alternative zu ersetzen, sei dagegen weitaus komplexer. „Ohne glaubwürdige lokale Autorität und dauerhafte externe Garantien bleibt jede Umsetzung fragil.“

Eine schnelle Entwaffnung der Hamas hält Attias ohnehin für unrealistisch. Er geht von einem langsamen Prozess aus. „Ein realistischeres Szenario wäre ein schrittweiser Abbau der militärischen Fähigkeiten der Hamas, die strenge Überwachung von Waffenströmen und ein Wiederaufbau, der an messbare Sicherheitsziele geknüpft ist. Entwaffnung ist letztlich ebenso politisch wie militärisch – sie braucht eine tragfähige Ersatzstruktur, die Ordnung sichern und Legitimität behalten kann.“

Überwachen soll diese Nachkriegsordnung Trumps „Friedensrat“. Ein Exekutivkomitee soll die strategischen Vorgaben des Rats umsetzen, ein „Gaza Executive Board“ die palästinensische Übergangsverwaltung (NCAG) unterstützen. Für die Sicherheit soll eine internationale Stabilisierungstruppe (ISF) sorgen, die in den kommenden Monaten im Gaza-Streifen stationiert werden soll.

Details zu deren Aufgaben erhoffen sich Beobachter von der Sitzung des neuen Gremiums am Donnerstag. Trump zufolge haben die Mitgliedstaaten des „Friedensrats“ Tausende Mitarbeiter für die von den Vereinten Nationen genehmigte Truppe und die örtliche Polizei zugesagt.

Doch während der „Friedensrat“ Strukturen plant, nutzt die Hamas die Zeit zur Reorganisation. „Seit Inkrafttreten des Waffenstillstandes hat die Hamas ihre Waffen wieder aufgefüllt und sich neu formiert“, sagt Analyst Toameh. „Sie ist zwar möglicherweise nicht in der Lage, Anschläge wie den vom 7. Oktober zu verüben, aber die Gruppe ist nach wie vor hoch motiviert.“

Problem 3: Humanitäre Not

Nach Angaben von Trump sollen die bereits zugesagten Hilfsgelder in Milliardenhöhe auch für den ​Wiederaufbau ‌und humanitäre Hilfe im Gaza-Streifen eingesetzt werden. Dort leben Hunderttausende Menschen weiterhin in provisorischen Lagern.

„Obwohl seit dem Waffenstillstand mehr Hilfsgüter in den Gaza-Streifen gelangen, reichen diese bei Weitem nicht aus, um den humanitären Bedarf zu decken“, teilte das „British Red Cross“ Ende Januar mit. Die Anzahl der Lkw-Transporte müsse deutlich erhöht werden, um eine ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser, Medikamenten, Notunterkünften und anderen lebenswichtigen Hilfsgütern zu gewährleisten, forderte die britische Hilfsorganisation.

Mladenov, Trumps Sondergesandter für Gaza, betont, wie entscheidend eine schnelle Verbesserung wäre: „Medizin, lang benötigtes Material, Zelte, temporäre Häuser, Essen – all das müsse schnellstmöglich passieren“, damit die Bevölkerung den Plan zum Wiederaufbau unterstützt.

Problem 4: Arabische Uneinigkeit

Hinzu kommt die Zersplitterung der arabischen Welt, wo Interessen etwa über die künftige Kooperation mit Israel und Gaza zum Teil diametral auseinandergehen. Die palästinensische Autonomiebehörde kritisiert zudem, dass Schlüsselpositionen im „Friedensrat“ mit Israel-nahen Akteuren wie Jared Kushner, Steve Witkoff oder Tony Blair besetzt sind – während kein palästinensischer Vertreter in den obersten Rängen dazugehöre. Und die Zeit läuft.

Denn es geht in Gaza nicht um einen normalen Regierungswechsel, sondern den kompletten Umbau eines autoritär geführten Machtapparats. „Es ist nicht so, dass eine neue Regierung nach einer Wahl an die Macht kommt“, sagt Mladenov. Die Situation sei komplizierter. „Die Hamas hat Gaza mehr als 20 Jahre dominiert, hat palästinensische Gesetze geändert und Regeln aufgestellt, die nicht mit denen der palästinensischen Gesetzgebung übereinstimmen“, so Mladenov.

Scheitert der Wiederaufbau, drohe eine neue Form permanenter Instabilität in der gesamten Region, warnt Sicherheitsexperte Attias. „Das wahrscheinlichste Ergebnis wäre nicht zwingend ein sofortiger Großkrieg, sondern neue Zyklen der Unsicherheit: lokale Gewalt, Mobilisierung über Narrative und soziale Netzwerke, Aktivierung von Stellvertretergruppen und Versuche, Spannungen innerhalb Israels und im Westjordanland zu entfachen.“

Selbst eine militärisch geschwächte Hamas verfüge noch über genügend Infrastruktur, um Einfluss zu behalten, warnt Attias. „In asymmetrischen Konflikten kann allein das Überleben als strategischer Erfolg verkauft werden – und genau das reicht oft aus, um Macht langfristig zu sichern.“

Die Aussichten dafür, dass der Friedensrat Erfolg haben wird, sind also begrenzt. Zugleich scheint der Plan weitestgehend alternativlos. Was also, wenn Donald Trumps „Deal“ scheitert?

Der israelisch-arabische Analyst Khaled Abu Toameh sieht nur zwei Optionen: „Entweder wir kehren zurück zum Krieg oder zurück in die Zeit vor dem 7. Oktober – und der Gaza-Streifen wird noch viele Jahre lang von der Hamas regiert.“

Beides wäre eine Niederlage.

Constantin Schreiber ist Teil des Axel Springer Global Reporters Netzwerk, zu dem neben WELT auch „Bild“, „Business Insider“, „Onet“ und „Politico“ gehören.

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