- Mitteldeutsche Städte wie Dessau-Roßlau, Plauen oder Altenburg sind mit Hilfe des Bundesprogramms "Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren" erfolgreich Probleme in ihren Ortskernen angegangen.
- Mehrere Verbände loben das Förderprogramm und sehen die Zukunft in gut durchmischten Zentren, die mehr als nur Shopping bieten.
- Ein Nachfolgeprogramm gibt es nicht, doch die Mittel für Städtebauförderung steigen in den kommenden Jahren.
Weniger Menschen als früher flanieren in den Einkaufsstraßen, der Handel vor Ort schwächelt, Läden stehen vermehrt leer – viele Innenstädte stecken in diesem Teufelskreis. Auch in Dessau-Roßlau war im Jahr 2022, seinerzeit noch verstärkt durch die Corona-Pandemie, "an vielen Stellen das Gefühl da, die Innenstadt verödet", erinnert sich Katrin Engler aus dem Amt für Wirtschaft und Stadtplanung.
Bildrechte: Katrin Engler
Es ist tatsächlich so, dass wir in der Innenstadt jetzt viel mehr junge Leute haben.
Seitdem ist in Dessau viel passiert. Die Stadt nahm als eine von 217 Kommunen am Bundesprogramm "Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren" (Ziz) teil. Fast 3,5 Millionen Euro konnte die Stadt ausgeben, um den Ortskern zu beleben. Engler leitete das Projekt und bilanziert: "Es ist tatsächlich so, dass wir in der Innenstadt jetzt viel mehr junge Leute haben, dass es uns gelungen ist, dass die Stadtgesellschaft insgesamt mit allen möglichen Akteuren viel stärker vernetzt ist und ja, dass einfach jetzt mehr Leben in der Innenstadt ist."
Dessau löst "positiven Knall" in der Innenstadt aus
Zum Erfolg beigetragen hat ein "bunten Blumenstrauß" an Maßnahmen, wie Engler berichtet. Unter dem Titel NeuSTADT-Meile Dessau wurden unter anderem Ladenlokale günstig an Kunstschaffende vermietet, ein "Mitmach.Lokal" als Treffpunkt für zivilgesellschaftlich Engagierte gegründet und in der Nähe von Restaurants Spielgeräte für Kinder aufgestellt. Ein professionelles Citymanagement führte Marketingaktionen durch und vernetzte die Händler.
Als fruchtbar erwies sich eine Kooperation mit der Hochschule Anhalt. Studierende entwickelten Ideen, um die Innenstadt insbesondere für jüngere Menschen attraktiver zu machen. Daraus entstand zum Beispiel ein "urbanes Wohnzimmer", in dem Workshops, Filmabende, Coworking oder andere Angebote von Freiwilligen stattfinden. Einen kleinen Kiosk – bis dahin ein verschmierter Schandfleck – verwandelten die Studentinnen und Studenten in eine Mini-Galerie.
Das "Mitte"-Lokal in Dessau soll junge Menschen in die Stadt locken.Bildrechte: Hochschule AnhaltAls einen der größten Erfolge bezeichnet Projektkoordinatorin Engler, dass eine Perspektive für das ehemalige Kaufhaus Zeeck an der zentralen Kavalierstraße entwickelt werden konnte. Das frühere Warenhaus stand lange größtenteils leer. Eine Machbarkeitsstudie zeigte neue Chancen auf. In einem ersten Schritt wurde die alte Fassade freigelegt und eine Etage als Ausstellungsfläche eingerichtet. Die sichtbare Veränderung löste "im positiven Sinne einen großen Knall in der Stadt" aus und erregte viel Interesse. Engler erzählt. "Mittlerweile ist die Eigentümerin bereit, selbst auch Geld in die Hand zu nehmen, um das Gesamtobjekt zu entwickeln."
Das Ziz-Programm ließ den Städten großen Spielraum bei der Wahl der Mittel. Die Erstellung von Konzepten und Studien wurde genauso gefördert wie kleine Baumaßnahmen. Gelder gab es auch etwa für Kulturangebote, digitale Anwendungen oder Werbung. Bundesweit standen rund 272 Millionen Euro für knapp 4.000 Einzelmaßnahmen zur Verfügung. In Mitteldeutschland nahmen 42 Städte teil, der Großteil aus Sachsen.
Projekt-Städte in Sachsen
- Auerbach/Vogtland
- Augustusburg
- Bad Düben
- Bad Lausick
- Bischofswerda
- Borna
- Chemnitz
- Dresden
- Ehrenfriedersdorf
- Görlitz
- Hohenstein-Ernstthal
- Hoyerswerda
- Leipzig
- Leisnig
- Limbach-Oberfrohna
- Marienberg
- Neustadt in
- Oberlungwitz
- Penig
- Pirna
- Plauen
- Reichenbach im Vogtland
- Riesa
- Rodewisch
- Stollberg/Erzgebirge
- Weißwasser
- Wilsdruff
- Zittau
Projekt-Städte in Sachsen-Anhalt
- Bernburg
- Burg
- Dessau-Roßlau
- Halle
- Lutherstadt Wittenberg
- Salzwedel Hansestadt
- Zeitz
Projekt-Städte in Thüringen
- Altenburg
- Bleicherode
- Eisenach
- Gera
- Jena
- Sonneberg
- Weida
Plauen setzt auf Kultur und mehr Grün
Im Südwesten Sachsens beteiligte sich Plauen. Dort flossen 2,7 Millionen Euro an Fördermitteln ebenfalls in ein Bündel an Projekten. Die Stadt organisierte etwa einen Kultursommer, förderte einen Laden für regionale Waren oder erstellte für zahlreiche Orte der Stadt digitale 360-Grad-Rundgänge.
Markus Löffler, Fachbereichsleiter Stadtplanung, Bauordnung und Umwelt in Plauen.Bildrechte: Markus Löffler/Chris GonzMarkus Löffler, in Plauen Fachbereichsleiter für Stadtplanung, Bauordnung und Umwelt, hebt als Erfolge einzelne Baumaßnahmen hervor. Mit mehr Grün und zusätzliche Sitzgelegenheiten habe die Aufenthaltsqualität an vielen Stellen gesteigert werden können. Zudem dienten die Planungen der Anpassung an die Erderhitzung.
Als Beispiel nennt Löffler den Klostermarkt. Der Platz sei vorher versiegelt und schlecht zu nutzen gewesen. "Dort haben wir einen kleinen Bereich neu eingefasst mit größeren Blumenkübeln, wo auch Bäume reingepflanzt worden sind und mit Sitzmöglichkeiten versehen, sodass man sich einen Platz erobert hat, wo man wirklich eine Mittagspause machen kann, der wirklich zum Verweilen einlädt."
Am Vater-Sohn-Denkmal vor dem Erich-Ohser-Haus in Plauen wurde eine neue Rundbank aufgestellt.Bildrechte: Stadt PlauenAltenburg kämpft gegen den Leerstand
Einen klaren Schwerpunkt setzte Altenburg in Ostthüringen. Dort entstand für rund 800.000 Euro unter anderem ein "Masterplan Leerstandsaktivierung", um leer stehende Gebäude in der mittelalterlichen Altstadt wieder zu nutzen. Zehn Objekte wurden ausgemacht und teils gemeinsam mit den Eigentümern Zukunftsperspektiven entwickelt.
Die Herausforderungen waren dabei komplex, berichtet Projektkoordinator Gernot Lindemann. Bei mehreren Objekten habe erstmal geklärt werden müssen, wer die Eigentümer sind. "Dann handelt es sich oft um Baudenkmale, die seit Jahren oder Jahrzehnten leer standen. Das heißt, wir haben dort hohe denkmalpflegerische Anforderungen, wir haben schwierige Raumproportionen, schwierige Grundrisse. Und wir haben einen Mietmarkt, der Mietpreise realisieren lässt, die nicht ansatzweise mit den notwendigen Baukosten zusammenzubringen sind."
Am Ende der Projektzeit lägen nun bei mehreren Objekten bereits Bauantragsunterlagen und Fördermittelanträge vor. Teils werde auch schon gebaut. "Wenn an einem solchen Gebäude ein Baugerüst steht, dann sind die eigentlichen Probleme dieser Immobilie gelöst", betont Lindemann den großen Wert der öffentlich geförderten Vorstudien und Konzeptphase.
Bildrechte: Gernot Lindemann
Die Lösung kommt nicht von außen. Die großen Investoren, auf die kann man nicht mehr hoffen.
Der Diplom-Ingenieur und freiberufliche Stadtentwickler ist überzeugt, dass der gesamte Prozess in Altenburg beispielhaft im Umgang mit Leerstand sein kann. Denn über den Projektzeitraum sei es gelungen, nicht nur die Eigentümer, sondern viele Bürgerinnen und Bürger zu aktivieren, etwas zu unternehmen. Lindemann: "Die Lösung kommt nicht von außen. Die großen Investoren, auf die kann man nicht mehr hoffen. Man muss selber aus der Stadtgesellschaft heraus Initiativen ergreifen und um Unterstützung werben und das ist in Altenburg sehr gut gelungen und das ist auch ein Weg, der in die Zukunft führt."
In Altenburg stand die historische Bausubstanz im Fokus des Ziz-Projekts.Bildrechte: Gernot LindemannVerbände voll des Lobes für Innenstadtprogramm
Durch solche langfristig angelegten Konzepte und Vernetzungen habe das Ziz-Programm "sehr viel bewirkt", lobt die Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Stadtentwickler, Monika Fontaine-Kretschmer, das Ziz-Programm im Gespräch mit MDR AKTUELL. In den Kommunen sei es "in das Bewusstsein gebracht worden, dass es eben nicht nur darum geht, ein Geschäft durch ein anderes zu ersetzen, sondern wir wirklich strukturelle Veränderungen brauchen."
Es sei eine gute Idee gewesen, dass jede Stadt bei dem Programm für sich unterschiedliche Schwerpunkte setzen konnte, sagt der Landesgeschäftsführer des Handelsverbandes in Sachsen-Anhalt und Thüringen, Knut Bernsen. Die Innenstadt werde zwar "ein ganz wichtiger Einkaufsort bleiben", jedoch müssten die Städte insgesamt attraktiv sein und ein breites Spektrum anbieten. "Wer einkaufen geht, genießt es dann natürlich auch, vielleicht noch mal essen zu gehen oder sich in der Stadt gerne aufzuhalten. Die Angebotsvielfalt, die wir durch das Netz haben, ist extrem hoch. Also kann ich nur über Aufenthaltsqualität und Ähnliches noch im stationären Handel punkten", sagt Bernsen.
Weitere Investitionen über Städtebauförderung
Dass die Innenstadt der Zukunft sehr viele Angebote und Nutzungsformen vereinen muss, unterstreicht auch Monika Mohr, die das Programm wissenschaftlich beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) begleitet hat. "Wir können nicht mehr nur auf den Einzelhandel setzen" – das habe sich bei vielen Kommunen als Erkenntnis durchgesetzt. Es brauche neue Nutzungen, etwa gemeinwohlorientierte Ansätze. Das BBR hat verschiedene Handlungsempfehlungen in einer Publikation vorgelegt.
Alle Projektverantwortlichen und Verbandsvertreter wünschten sich eine Fortsetzung des Ziz-Programms. Das steht allerdings nicht in Aussicht. In ihrem Koalitionsvertrag erwähnen CDU, CSU und SPD die Förderung nicht. Allerdings will der Bund die Mittel für die Städtebauförderung bis 2029 schrittweise auf 1,58 Milliarden Euro erhöhen, eine Verdoppelung zu 2025. Die "Stärkung von Innenstädten und Ortsteilzentren in ihrer städtebaulichen Funktion" ist laut Gesetz ein Hauptziel der Städtebauförderung.
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