Im vergangenen Jahr schien eine Friedenslösung für die Ukraine so nahe zu rücken wie noch nie seit Beginn des Krieges vor vier Jahren. Parallel zu den diplomatischen Gesprächen ging das Töten in Wladimir Putins Auftrag jedoch ununterbrochen weiter – und zwar nicht nur an der Front. Für ukrainische Zivilisten war 2025 das zweittödlichste Jahr seit Beginn der Großinvasion am 24. Februar 2022. Keine Region des Landes blieb von den russischen Angriffen verschont.
Die Verhandlungen über eine Friedenslösung in der Ukraine ziehen sich nun schon seit einem Jahr. Im Februar 2025 hatten sich russische und amerikanische Delegationen erstmals in Saudi-Arabien getroffen. Es folgten unzählige Gesprächsrunden, folgenlose Drohungen Donald Trumps an Putin und ein russisch-amerikanischer Gipfel in Alaska, der ergebnislos blieb. Zuletzt trafen sich die beiden Seiten mit ukrainischer Beteiligung vergangene Woche in Genf. Substanzielle Ergebnisse blieben aus.
Was einige Beobachter als diplomatische Offensive und Fortschritt sahen, konnte die Kampfhandlungen für keinen einzigen Tag stoppen. Russland hat die Luftangriffe auf die Ukraine im vergangenen Jahr sogar noch verstärkt. Laut der UN Human Rights Monitoring Mission in Ukraine (HRMMU) wurden rund 12.000 Zivilisten verletzt, 2514 starben. Die Zahl der verletzten und getöteten Zivilisten war um 31 Prozent höher als im Jahr 2024 und um 70 Prozent höher als im Jahr 2023.
Auch die Mitglieder des Open-Source-Recherchekollektivs Conflict Intelligence Team (CIT) haben öffentlich verfügbare Daten über Opfer zusammengetragen – auf beiden Seiten der Front. Sie kommen auf noch höhere Zahlen: Mindestens 2919 Zivilisten wurden demnach in der Ukraine und Russland getötet und 17.775 verletzt.
97 Prozent aller Verletzungen und Todesfälle ereigneten sich dabei auf von der Ukraine kontrolliertem Gebiet, sind also auf russische Angriffe zurückzuführen. Drei Prozent der Fälle ereigneten sich in russisch besetzten ukrainischen Gebieten und den völkerrechtlich russischen Grenzregionen wie Belgorod. Tiefer im russischen Landesinneren gab es durch ukrainische Drohnenangriffe praktisch keine zivilen Opfer.
Während die Zahl der Todesopfer und Verletzten in den russisch besetzten Gebieten sowie in grenznahen Regionen auf russischem Staatsgebiet im Vergleich zu 2024 um sechs Prozent sank, stieg sie in den von der Ukraine kontrollierten Gebieten um 35 Prozent.
Die Autoren des CIT-Berichts schreiben dazu: „Nach unserer Einschätzung deuten die Ergebnisse zumindest auf eine systematische Missachtung des humanitären Völkerrechts durch russische Streitkräfte und in einer Reihe von Fällen auf vorsätzliche Kriegsverbrechen hin.“
Ältere Menschen in Frontregionen besonders betroffen
Selbst entlegene ukrainische Regionen blieben 2025 nicht verschont. Noch im Jahr 2024 hatte der Krieg in den westlichen Regionen Riwne, Tscherniwzi und Transkarpatien an der Grenze zu Ungarn und der Slowakei weder Tote noch Verletzte gefordert. Doch das hat sich der CIT-Auswertung zufolge inzwischen geändert. Selbst im bergigen und dünn besiedelten Transkarpatien verletzten russische Angriffe 26 Menschen.
Die CIT-Auswertung fasst die Brutalität des Krieges in nüchternen Zahlen zusammen. Russlands aufsehenerregendste Angriffe mit Dutzenden Drohnen und Raketen ereigneten sich zwar in der Hauptstadt Kiew – dort starben im vergangenen Jahr 184 Menschen, 1151 erlitten Verletzungen. Landesweit wurden die meisten Opfer allerdings in frontnahen Regionen dokumentiert, wie auch aus einer UN-Auswertung hervorgeht. Demnach ereigneten sich dort 63 Prozent aller Verletzungen und Todesfälle, wie etwa im Gebiet Cherson.
Dort wurden nach Angaben von CIT infolge massiver russischer Artillerieangriffe mehr als 2900 Menschen verletzt und 359 getötet. Berüchtigte „Menschen-Safaris“, also gezielte Angriffe russischer FPV-Drohnen auf ukrainische Zivilisten trugen ebenfalls zu diesen Zahlen bei.
Laut UN haben Angriffe auf Zivilisten mit solchen Kurzstrecken-Drohnen, die eigentlich für feindliche Soldaten und Fahrzeuge bestimmt sind, um etwa 120 Prozent zugenommen. Am schwersten heimgesucht wurde das Gebiet Donezk – mit 756 Toten und 2339 Verletzten.
In dem umkämpften östlichen Gebiet bleiben Tausende meist älterer Zivilisten in Frontnähe zurück, auch weil sie ihre Häuser und ihre Nutztiere nicht zurücklassen wollen. Laut UN-Angaben machen Menschen über 60 – die mitunter am wenigsten mobile Bevölkerungsgruppe der Ukraine – fast die Hälfte der getöteten Zivilisten in frontnahen Regionen aus.
Auch die nach Waffengattungen aufgeschlüsselten Opferzahlen sind eindeutig. Russische Raketen und Marschflugkörper verursachen die größten Schäden und die höchsten Opferzahlen pro Angriff – wie etwa in der Nacht vom 18. auf den 19. November 2025 im westukrainischen Ternopil. Bei einem Angriff mit Ch-101-Marschflugkörpern wurden zwei Häuser zerstört, 38 Menschen kamen ums Leben, 99 wurden verletzt.
Die meisten Opfer insgesamt fordern allerdings russische Drohnenangriffe. Laut CIT-Auswertung sind knapp 41 Prozent beziehungsweise 8560 Fälle mit Toten und Verletzten darauf zurückzuführen. Gefolgt mit großem Abstand von Raketen-, Marschflugkörper- und Bombenangriffen.
Und ein Ende ist nicht in Sicht: Russland baut seine Drohnenproduktion stark aus – sowohl für FPV-Drohnen, die zunehmend gegen Zivilisten im frontnahen Gebiet eingesetzt werden, als auch für Langstrecken-Einwegdrohnen wie Geran. Im Januar 2026 hat Russland knapp 3000 Drohnen und Täuschkörper – also Flugobjekte, die Radarsysteme und Raketen in die Irre führen sollen – gegen die Ukraine eingesetzt. Attacken mit mehreren Hundert Drohnen pro Tag sind belegt.
In der Regel liegt die Zahl täglich eingesetzter Drohnen zwischen 130 und 200. Diese treffen mit großer Wahrscheinlichkeit Zivilisten. Bei FPV-Drohnen wird die Produktion auf mindestens 50.000 Stück pro Monat geschätzt.
Der Ausblick ist düster, denn trotz der Verhandlungen deutet einiges auf eine weitere Eskalation hin. Die Zahl der zivilen Opfer dürfte in diesem Jahr also weiter steigen.
Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.
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