In der Debatte um Antisemitismus auf dem Filmfestival Berlinale fordert die kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Konsequenzen im Bund – schließt jedoch eine Absetzung von Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle aus. „Wir haben in Deutschland ein Problem mit Antisemitismus, und wir haben ein Problem im Kulturstaatsministerium, das nicht dafür sorgt, dass es wirklich Konzepte und Verbindlichkeiten dafür gibt, wie wir Antisemitismus bekämpfen wollen“, sagte Göring-Eckardt „Politico“ mit Bezug auf Staatsminister Wolfram Weimer (parteilos) im Berlin Playbook Podcast von „Politico“.

Antisemitismus im Kulturbetrieb sei „ein großes Thema“. Es komme darauf an, „dass wir als Gesellschaft, als Politik, auch als Zivilgesellschaft und Bürgerinnen und Bürger darauf reagieren“, so Göring-Eckardt.

Eine Absetzung der Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle lehnt sie ausdrücklich ab. Göring-Eckardt attestierte Tuttle ein „wirklich ein großes Verdienst um die Berlinale-Neuaufstellung“. Die Intendantin wäre „ein Bauernopfer für das, was Wolfram Weimar versäumt hat“. Zugleich betonte sie: „Kunst muss frei sein“ – unterschiedliche Meinungen müsse man aushalten.

Göring-Eckardt forderte jedoch klare politische Reaktionen, wenn „die Existenzberechtigung des Staates Israel infrage gestellt wird“ und sich Antisemitismus „wirklich in alle Bereiche hineingräbt“. Politische Konsequenzen seien notwendig – „aber nicht mit einem Bauernopfer“.

Aufregung über Rede eines Palästinensers

Bei einer Krisensitzung des Aufsichtsrats im Kanzleramt fiel keine Entscheidung über die Zukunft Tuttles. Ein Sprecher von Kulturstaatsminister Weimer sagte anschließend, dass die Gespräche über die Ausrichtung des Filmfestivals in den nächsten Tagen zwischen Tuttle und dem Gremium fortgesetzt würden. Laut „Bild“-Zeitung steht im Raum, dass die Amtszeit der Intendantin vorzeitig enden könnte. Hintergrund seien Debatten um den Nahost-Konflikt.

In der Sitzung sei nicht nur über die Ausrichtung der Festspiele gesprochen worden, sondern auch über Äußerungen bei der Preisverleihung am Wochenende, wie es aus Teilnehmerkreisen des Treffens hieß. Hintergrund: Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, der als Flüchtling in Deutschland lebt, hatte der Bundesregierung auf der Bühne mit Blick auf Israels Krieg im Gaza-Streifen vorgeworfen, Partner „des Völkermords“ zu sein. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal und ließ mitteilen, die Aussagen seien nicht akzeptabel. Weimer und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilten die Aussagen.

Der Deutsche Kulturrat forderte Weimer auf, „sich entschieden für die Kunst- und Meinungsfreiheit einzusetzen und die Unabhängigkeit der Berlinale vor staatlichen Eingriffen zu sichern“. Die Äußerungen Alkhatibs teile der Kulturrat ausdrücklich nicht, sie seien aber von der Meinungsfreiheit gedeckt. Zum Wesen der Kunst gehöre auch das Ausloten der Grenzen des Sagbaren, „das müssen wir aushalten, auch wenn es manchmal schmerzhaft ist.“

Mehr als 500 Beschäftigte der Berlinale stellten sich mit einem Statement hinter die Festival-Direktorin: „Tricia ist klug, handelt fair und hat immer ein offenes Ohr. Niemand brennt mehr für die Werte, die dieses Festival für das Kino hier in Deutschland und weltweit so wichtig machen.“ Vor dem Kanzleramt protestierten mehrere Mitarbeiter, auf einem Schild stand etwa „Team Tricia“.

Auch aus der SPD-Bundestagsfraktion kam Rückhalt für die Festival-Chefin. „Tricia Tuttle hat die Berlinale in bewegten Zeiten übernommen und das Festival verlässlich durch stürmische Debatten geführt“, hieß es in einem Statement der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Wiebke Esdar und dem kultur- und medienpolitischen Sprecher Martin Rabanus.

Der Antisemitismus-Beauftragte Felix Klein sieht die aktuelle Debatte mit Sorge. „Wir erleben eine zunehmende Instrumentalisierung von Kunst- und Kulturveranstaltungen, die dazu führt, dass leider allzu häufig nicht mehr Filme und Kunst im Mittelpunkt stehen“, sagte Klein. „Die künstlerischen Inhalte werden überlagert durch ideologisch aufgeladene Debatten, die eher polarisieren, denn offenen Diskurs fördern.“

Rixa Fürsen ist Head of Podcast „Politico“ Deutschland.

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