Der Geruch ist das Erste, was auffällt. Eine Mischung aus Betonstaub, Desinfektionsmittel und der metallischen Kühle eines Raumes, der für eines nie gedacht war: Menschen, die krank sind, operiert werden, um ihr Leben kämpfen. Mehrere Stockwerke unter dem Sourasky Medical Center, im Herzen Tel Avivs, ist aus einer Tiefgarage ein Krankenhaus geworden.

Wo sonst Autos parken, stehen jetzt Krankenhausbetten. Gelbe Linien auf dem Boden markieren keine Parkbuchten mehr, sondern Wege für Notfallteams. Sauerstoffleitungen verlaufen entlang der Decke, Kabel sind sorgfältig fixiert.

Zwischen Betonpfeilern hängen Monitore, die Herzrhythmen anzeigen. Die Betten stehen dicht an dicht. Nur wenige sind durch mobile Schutzwände abgeschirmt. Etwa dann, wenn jemand im Sterben liegt. Damit es nicht alle sehen. Damit es wenigstens dann etwas Privatsphäre gibt.

Es ist ein Provisorium – und doch wirkt alles erstaunlich geordnet. „Wir hatten nur wenige Stunden“, sagt Professor Barak Cohen, der die Intensivstation leitet. Als klar wurde, dass die Sicherheitslage eskaliert und ein Krieg ausbricht, aktivierte das Krankenhaus seinen Notfallplan. Stationen wurden geräumt, Operationssäle abgebaut, Intensivbetten verlegt. Alles nach einem Drehbuch, das hier seit Jahren existiert – und nun Realität geworden ist.

„Es sind hunderte Patienten, die in wenigen Stunden verlegt werden mussten. Und sie müssen sich vorstellen: Man muss sich um jeden Patienten einzeln kümmern.“ Professor Cohen führt durch einen Bereich, in dem provisorische Operationssäle eingerichtet wurden. Die Ausstattung ist vollständig: OP-Tische, Beatmungsgeräte, Instrumententische, sterile Vorhänge. „Wir können hier alle notwendigen Eingriffe durchführen“, sagt er. „Vom Notfall bis zur komplexen Operation.“

Aber natürlich habe der Krieg Auswirkungen. „Wir versuchen, alle geplanten Operationen durchzuführen. Wir wollen zum Beispiel keine Krebsoperationen absagen oder verzögern. Aber das ist eine Herausforderung.“

In einem abgetrennten Bereich befindet sich die Intensivstation. 35 Betten. Ein kleiner Raum, niedrige Decke. Es ist wärmer hier als in den anderen Sälen. Eine ältere Frau sitzt auf einem Klappstuhl neben einem Intensivbett, Tränen in den Augen. Dicke Betonwände statt Fenster. Tageslicht gibt es keines. Die Zeit wird in Schichten gemessen, nicht in Sonnenauf- und -untergängen.

Die Logistik hinter dieser Verlagerung ist gewaltig. Zu wissen, in welcher Parkbucht welcher Patient ist. Sterile Zonen zu schaffen, Notstromaggregate zu installieren. Jede Steckdose, jede Leitung ist Teil eines Systems, das auch dann funktionieren muss, wenn oben Sirenen heulen.

„Wir behandeln hier nicht nur mögliche Kriegsverletzte“, sagt Professor Cohen. „Wir sorgen vor allem dafür, dass das normale Leben – soweit es das noch gibt – medizinisch weitergehen kann. Aber wir haben schon eine erschreckend hohe Zahl an Patienten wegen der Angriffe. Die meisten haben sich aber beim Rennen zu einem Bunker verletzt, sind zum Beispiel gestürzt. Bei älteren Menschen kann das schwere Folgen haben.“

Routine schafft Stabilität

Die größte Herausforderung sei nicht die Technik gewesen, erzählen Mitarbeiter, sondern der Faktor Mensch. Patientinnen und Patienten müssen beruhigt werden, Angehörige informiert, Teams motiviert. Viele der Ärztinnen und Ärzte haben selbst Familie in der Stadt. Einige sind Reservisten, die jederzeit einberufen werden könnten.

Trotzdem herrscht kein Chaos. Die Abläufe wirken fast still. Eine junge Pflegerin überprüft Infusionen. Zwei Techniker kontrollieren ein Aggregat. Jemand wischt den Boden. Es ist diese Routine, die dem Ort seine Stabilität verleiht.

Draußen diskutiert die Politik über Eskalation und Abschreckung, über Ultimaten und rote Linien. Hier unten geht es um Blutdruck, Sauerstoffsättigung und sterile Instrumente. Doch die politische Ebene ist allgegenwärtig. Jede Entscheidung in Washington, Teheran oder Jerusalem könnte bestimmen, wie lange dieser Ort hier unten zum Zentrum des Klinikbetriebs wird. Überall stehen riesige Fernseher, die das aktuelle Geschehen zeigen.

Der Geschäftsführer des Krankenhauses, Professor Eli Sprecher, beschreibt es als „medizinische Resilienz in Zeiten strategischer Unsicherheit“. Die Infrastruktur sei darauf ausgelegt, auch unter Beschuss weiterzuarbeiten. „Wir könnten über Monate den Betrieb hier unten aufrechterhalten.“ Was all das kostet, möchtet Sprecher nicht verraten. Nur so viel: „Unsummen“.

Die Tiefgarage ist ein Symbol der Vorbereitung. Sie steht für ein Land, das gelernt hat, unter Bedrohung zu funktionieren. Und das sich um seine Bevölkerung kümmert. Ein frappierender Unterschied zum Regime in Teheran – oder zur Hamas in Gaza.

Zurück an der Oberfläche, hinter der automatischen Schiebetür, blendet das Sonnenlicht. Der Kontrast ist brutal. Nur wenige Minuten später ertönt schon der nächste Alarm.

Constantin Schreiber ist Teil des Axel Springer Global Reporters Netzwerk, zu dem neben WELT auch „Bild“, „Business Insider“, „Onet“ und „Politico“ gehören.

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