Der AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Moosdorf verbreitet in aktuellen Social-Media-Postings zum Iran-Krieg mehrere Falschbehauptungen über Israel. Dies zeigt eine WELT-Recherche für den „Politico“-Podcast „Inside AfD“.
In einem Posting von vergangenem Samstag heißt es etwa: „Zugang zu Schutzräumen gibt es nur noch für Juden.“ Dies ist unzutreffend. Tatsächlich besagt das israelische Zivilschutzgesetz, dass „der Inhaber eines Schutzraums während eines Angriffs jeder Person, die sich in der Nähe des Schutzraums befindet, gestatten muss, den Schutzraum zu betreten“.
Das Verhindern des Zutritts zu einem Schutzraum während eines Angriffs ist strafbar. Laut der Nachrichtenagentur Jewish News Syndicate wurde etwa im August 2025 eine 70-jährige Israelin angeklagt, die während eines iranischen Raketenangriffs Menschen daran gehindert haben soll, einen Bunker zu betreten.
Über Einzelfälle von verweigertem Zugang haben Medien in den vergangenen Jahren mehrfach berichtet. Im März dieses Jahres soll einem älteren Ehepaar in Kiryat Bialik der Zugang verweigert worden sein. Die Stadtverwaltung erklärte daraufhin laut dem israelischen Nachrichtenportal „Walla“, sie verurteile „jegliche Form der Verweigerung des Zutritts zu einem Schutzraum aufs Schärfste“.
Mehrere virale Beiträge zu vermeintlichen anderen Fällen haben sich als Falschbehauptungen herausgestellt. Darunter sind Beiträge aus dem März dieses Jahres, in denen es heißt, Inder seien in Israel vom Zugang zu Luftschutzbunkern ausgeschlossen und gezwungen worden, in U-Bahn-Stationen zu schlafen.
Auf einem dazugehörigen Foto sind Menschen unterschiedlicher Herkunft zu sehen, die während des Luftalarms in einer U-Bahn-Station Schutz suchen. In Israel sind bestimmte Stationen seit Langem als Schutzräume bei Angriffen ausgewiesen. „Diese Einrichtungen werden von Einheimischen und Ausländern gleichermaßen genutzt“, heißt es in einem Faktencheck des indischen Nachrichtenportals „Money Control“ zu dem viralen Beitrag. Israels Botschafter in Indien, Guy Nir, schrieb zu den Vorwürfen, „alle Nationalitäten“ seien in den U-Bahn-Schutzräumen willkommen.
Bereits während des vorherigen israelisch-iranischen Kriegs im Juni 2025 war ein Video verbreitet worden, auf dem thailändische Arbeiter vor einem Luftschutzkeller zu sehen sind. Der Clip enthielt die irreführende arabische Bildunterschrift, Nicht-Israelis würden aus den Unterkünften vertrieben, „weil sie nicht jüdisch sind“.
In dem Video ist ein junger Mann zu hören, der auf Hebräisch sagt: „Was ist das, mein Gott, ganz Thailand ist hier.“ Dann sagt er auf Thailändisch „Hallo“. Der junge Mann postete später Fotos mit den Thailändern auf TikTok. Dazu schrieb er: „Wir haben die Zeit damit verbracht, Spaß im Schutzraum zu haben.“
Immer wieder gibt es allerdings Berichte, nach denen vor allem Minderheiten einen schlechteren Zugang zu Schutzräumen haben, etwa aufgrund illegaler Bauten. Nichtregierungsorganisationen fordern immer wieder, in arabischen Städten und Beduinendörfern mehr Schutzräume zu schaffen. Die Sicherheitsinfrastruktur ist dort teils deutlich schlechter ausgebaut. In mehreren großen arabischen Gemeinden mangelt es völlig an öffentlichen Bunkern.
Mit Moosdorfs Behauptung, es gebe im aktuellen Iran-Krieg „nur noch für Juden“ Zugang zu Schutzräumen in Israel, haben allerdings sowohl diese strukturelle Benachteiligung als auch Einzelfälle von Diskriminierung durch Privatpersonen nichts zu tun.
„Falsch und bösartig“
Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, übt scharfe Kritik an dem sächsischen Bundestagsabgeordneten. „Das Geraune des AfD-Abgeordneten Moosdorf von inneren Unruhen im Staat Israel und einem selektiven Schutz seiner Bevölkerung ist falsch und bösartig“, sagte Klein „Inside AfD“. „Die Behauptung, nur Juden werde Zugang zu Schutzräumen gewährt, kann als perfide Analogie zur Rassenideologie der Nationalsozialisten verstanden werden und relativiert diese, indem dem Staat Israel nun ebenfalls systematische Diskriminierung unterstellt wird.“
Klein sagte weiter: „Es handelt sich um ein populistisches Manöver, mit dem versucht wird, den Staat Israel auf antisemitische Art und Weise zu diskreditieren.“ Laut der Arbeitsdefinition von Antisemitismus, die die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) erstellt hat, gelten etwa „falsche oder dämonisierende Anschuldigungen gegen Juden“ sowie das „Verantwortlichmachen der Juden als Volk für tatsächliches oder unterstelltes Fehlverhalten einzelner Juden“ als antisemitisch.
Auch der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, schließt sich der scharfen Kritik an. „Matthias Moosdorf verbreitet hier eine Mischung aus Verschwörungstheorien und Geschichten aus ,Tausendundeiner Nacht‘“, sagte Prosor. „Dass ein Bundestagsabgeordneter offensichtliche Lügen über Israel verbreitet, ist beschämend.“
Moosdorf sagte auf Anfrage, er habe „diese Dinge mehrfach recherchiert“ sowie Freunde dazu befragt. „Ihnen wurde der Zugang zu Schutzräumen verweigert.“ Er werde sein Posting nicht zurücknehmen. „Der Vorwurf, besonders mit Verweis auf die Rassenideologie, ist unterirdisch und unsinnig“, sagte Moosdorf weiter. „Der Staat Israel diskreditiert sich gerade selbst. Die überwiegende Anzahl der Länder der Welt sehen das so. Das ist sehr schade, politisch, kulturell und strategisch. Mit Antisemitismus hat das nichts zu tun.“
Zudem schrieb Moosdorf in seiner Antwort auf eine Anfrage sowie in einem weiteren X-Posting dem rechtsextremen israelischen Finanzminister Bezalel Smotrich das angebliche Zitat „Das Völkerrecht gilt nicht für die Juden, und das ist der Unterschied zwischen dem auserwählten Volk und den anderen“ zu.
Für das Zitat gibt es in seriösen Quellen keine Bestätigung. „Wenn Sie das Zitat bei Google eingeben, erscheinen die ersten acht Seiten mit Verweisen zu diesem Zitat in mehr als zehn Sprachen“, sagte Moosdorf. Tatsächlich zirkuliert es auch auf diesen Seiten lediglich ohne überprüfbare Primärquelle als unbelegter Social-Media-Claim. Smotrich ist tatsächlich mehrfach mit anderen rassistischen Äußerungen aufgefallen.
Moosdorf verwies außerdem auf einen UN-Menschenrechtsbericht vom Januar 2026. „Es gibt laut diesem UN-Gremium Berichte, wonach arabischen Bürgern der Zutritt zu gemeinschaftlichen Schutzräumen in Wohngebäuden verweigert wurde oder der Code für den Zugang geändert wurde, um sie auszuschließen“, behauptete der Europapolitiker. Auch dies ist nicht zutreffend.
Tatsächlich handelt der von Moosdorf genannte Bericht ausschließlich von Diskriminierung von Palästinensern durch israelische Behörden im Westjordanland und in Ost-Jerusalem. Um Luftschutzbunker geht es in dem Bericht an keiner Stelle. Ein Bericht über geänderte Codes durch Nachbarn findet sich lediglich beim Portal „Middle East Eye“. Darin geht es um einen Einzellfall aus dem Juni 2025.
In Moosdorfs Posting finden sich weitere Falschbehauptungen. So heißt es darin über die Situation in Israel: „Der Iron Dome ist fast wirkungslos. Im Land beginnen sich Unruhen breitzumachen.“ Über die aktuelle Situation im Iran, dessen islamistisches Regime seit Ende Dezember bei der Niederschlagung von Protesten Tausende Demonstranten getötet hat, schrieb Moosdorf: „Die Bevölkerung des Iran versammelt sich landesweit weiter hinter der Regierung.“
Die AfD-Bundestagsfraktion hatte Moosdorf 2024 als außenpolitischen Sprecher abgesetzt. Im Mai 2025 hatte er in der Fraktion zahlreiche Kampfkandidaturen um einen Sitz im Auswärtigen Ausschuss verloren und gehört seitdem dem Europaausschuss an.
Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.
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