Ein Netzwerk aus mehr als 1000 TikTok-Accounts hat über Monate hinweg Inhalte zur Unterstützung der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel verbreitet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Organisation Reset Tech. Insgesamt wurden dabei 1203 Accounts identifiziert, die systematisch Videos und Beiträge über Weidel verbreiteten. Zusammen erreichen diese Profile nach Angaben der Studie mehr als drei Millionen Follower und mehr als 30 Millionen Likes.

Auffällig ist vor allem der Ursprung vieler Beiträge: Laut der Untersuchung wurden rund 57 Prozent der analysierten Posts aus Nigeria hochgeladen – obwohl sich die Inhalte ausschließlich mit deutscher Innenpolitik befassen. Insgesamt veröffentlichten 236 der identifizierten Accounts mindestens einmal einen Beitrag von dort.

Die Autoren der Studie sehen darin Hinweise auf eine koordinierte Kampagne. Viele der Accounts weisen ähnliche Nutzernamen, identische Profilbilder oder nahezu identische Biografien auf. Zudem wurden zahlreiche Profile in kurzer Zeit umbenannt und plötzlich auf politische Inhalte umgestellt.

Wer hinter der Weidel-Kampagne steckt, ist der AfD nach eigenen Angaben nicht bekannt. „Wir haben auch keinerlei Kampagnen in Auftrag gegeben. Wir konzentrieren uns nur auf ihre eigenen offiziellen Kanäle“, sagt Weidels Sprecher Daniel Tapp „Politico“.

Der Analyse zufolge waren viele der Profile nämlich ursprünglich für andere Zwecke aktiv. Einige hatten zuvor Inhalte über Online-Finanzangebote oder Devisenhandel verbreitet. Zwischen November 2025 und Januar 2026 wurden zahlreiche Accounts umbenannt und begannen anschließend, Videos über Weidel oder die AfD zu posten.

Auch das Veröffentlichungsverhalten wirkt ungewöhnlich: 188 Accounts veröffentlichten Beiträge im durchschnittlichen Abstand von weniger als einer Minute. Für normale Nutzer sei ein solches Tempo kaum möglich, heißt es in der Studie. Das Muster deute eher auf automatisierte Tools oder zentral gesteuerte Veröffentlichungen hin.

Ein weiteres Merkmal des Netzwerks ist die starke Wiederholung identischer Inhalte. Mehr als die Hälfte der untersuchten Beiträge – 54 Prozent – wurde demnach wortgleich oder mit identischem Video von mehreren Accounts gepostet. Insgesamt seien 258 Accounts an dieser Vervielfältigung beteiligt gewesen.

Solche Strategien werden häufig genutzt, um Plattform-Algorithmen auszunutzen und Reichweite künstlich zu erhöhen. Wenn identische Inhalte in kurzer Zeit von vielen Profilen veröffentlicht werden, steigen die Chancen, dass sie von der Plattform stärker verbreitet werden.

Sensibel für politische Manipulationsversuche

Fest steht aber, dass das Account-Netzwerk gegen Plattform-Regeln verstoßen dürfte. Die Reset Tech fordert TikTok in der Analyse dazu auf, das identifizierte Netzwerk zu entfernen und transparenter über Maßnahmen gegen koordinierte Manipulation zu informieren.

Es sei zu prüfen, ob solche Aktivitäten unter die Regeln des europäischen Digital Services Act fallen. Das EU-Gesetz, das seit Februar 2024 vollständig in Kraft ist, ist ein wegweisendes Gesetz für sichere digitale Dienste: Es verpflichtet Online-Plattformen, soziale Netzwerke und Marktplätze zu mehr Transparenz und strengerer Moderation illegaler Inhalte wie Hassrede oder Fälschungen.

Die chinesische Plattform selbst steht seit Längerem unter Druck, stärker gegen koordinierte Einflusskampagnen vorzugehen. Gerade in Wahlkampfzeiten gilt TikTok wegen seiner großen Reichweite bei jungen Nutzern als besonders sensibel für politische Manipulationsversuche.

Ben Scott, CEO von Reset Tech, sagt: „Dieser Fall zeigt, wie leicht Akteure mit Sitz im Ausland große Plattformen ausnutzen können, um innenpolitische Narrative zu verstärken.“

Pauline von Pezold ist Reporterin beim Newsletter „Playbook“ von „Politico“ Deutschland.

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