Auf der Grande Rue, der Hauptgeschäftsstraße von Roubaix, reiht sich ein billiger Fastfoodladen an den anderen. Wenige Modegeschäfte bieten Dschellabas und weite, knöchellange Frauenkleider an. Der Stadt im hohen Norden Frankreichs steht die widersprüchliche Geschichte ins Gesicht geschrieben: Einst florierende Hochburg der Textilindustrie, heute Frankreichs Armenküche.
Regelmäßig nimmt Roubaix den ersten Platz in der Liste der ärmsten Städte des Landes ein. 60 Prozent der knapp 100.000 Einwohner leben unter der Armutsgrenze.
Es war nicht immer so trostlos hier. Im Zentrum zeugt die Architektur von der prunkvollen Vergangenheit, die an jene der norddeutschen Hansestädte erinnert. An der Avenue Charles de Gaulle stehen 18 hochherrschaftliche Häuser aus dem frühen 19. Jahrhundert, die „Reihe der Tuchmacher“, le rang des drapiers. Kein Gebäude gleicht dem anderen, weil jeder Bauherr mit Stuck, Giebeln und Balustraden zeigen wollte, dass er noch einen Tick reicher war als sein Nachbar.
Innenstadt von RoubaixAuch das Rathaus von Roubaix hat mit seinem postbarocken Zuckerbäckerstil etwas von einem prächtigen Schloss. Dort will David Guiraud am Sonntag einziehen. Er ist der linkspopulistische Kandidat für das Amt des Bürgermeisters und, glaubt man den Umfragen, der absolute Favorit.
„Stolz auf Roubaix!“, lautet sein Wahlkampfslogan. Gut möglich, dass er schon im ersten Wahlgang gewinnt und nicht in die Stichwahl muss. Wenn Guiraud dieser haushohe Sieg gelänge, dann wäre das ein wichtiges Signal, ja ein Symbol für Frankreichs Linkspopulisten.
La France Insoumise (LFI), das sogenannte unbeugsame Frankreich, die Partei, die sich nicht „unterwirft“, aber die französische Gesellschaft inzwischen tiefer spaltet als die Rechtspopulisten vom Rassemblement National (RN), will in Roubaix zeigen, was möglich ist: Wahlen gewinnen, indem man Wahlkampf um die arabischstämmige Bevölkerung macht.
David GuiraudDas ist seit einigen Jahren das Kalkül von Jean-Luc Mélenchon, Parteigründer von LFI. Weil er als Präsidentschaftskandidat 2022 die Stichwahl nur um gut 400.000 Stimmen verpasst hat, rechnet er sich für die Wahlen 2027 echte Chancen aus. Roubaix ist sein Laboratorium. Würden alle Franzosen wählen wie dort, wäre Mélenchon längst Präsident. 2022 kam er hier auf über 52 Prozent im ersten Wahlgang.
Mélenchon predigt das „neue Frankreich“, la nouvelle France, die multiethnische Gesellschaft. Seine Gegner halten das für Kommunitarismus. Jedenfalls erklärt diese Strategie, warum Frankreichs selbst ernannter Linkenführer den grassierenden Antisemitismus unter der arabischstämmigen Wählerschaft bedient.
Bei ihr hat er sich dafür entschuldigt, dass er über Jahrzehnte ein sturer Verfechter des französischen Laizismus gewesen sei, der die Religion zur Privatsache macht, die christliche wie die muslimische und alle anderen. „Wer sein Kreuz bei LFI macht, der wählt gegen Rassismus, gegen Islamophobie, für die Republik und die Gewissensfreiheit“, predigt er heute.
Gerade erst hat Mélenchon auf einer Wahlkampfveranstaltung über die Aussprache des Namens des Sexualverbrechers Jeffrey Epstein philosophiert. Die Botschaft war eindeutig, nämlich antisemitisch, die Empörung war groß. Aber Mélenchon ist ausreichend wortmächtig, um bei seinen antisemitischen Anspielungen immer knapp an strafrechtlich relevanten Formulierungen vorbeizuschrammen.
Armut und Korruption
Als die Fabriken in der historischen Textilstadt Roubaix Mitte der 70er-Jahre schlossen, verschwanden 70.000 Arbeitsplätze. Viele Arbeiter waren erst wenige Jahre zuvor aus Algerien oder Marokko nach Frankreich eingewandert. Plötzlich saßen sie auf der Straße. 50 Jahre später wirken manche Bezirke wie unbewohnt: Haustüren sind zugenagelt, Geschäfte stehen leer, Schaufenster sind verbarrikadiert. Vereinzelt bieten orientalische Bäckereien und Billiggeschäfte ihre Waren feil.
Kein Wunder, dass Roubaix auch in Sachen Wahlbeteiligung sämtliche Rekorde sprengt. Bei den letzten Kommunalwahlen 2020 betrug die Wahlbeteiligung 22,8 Prozent, ein trauriger Rekord, selbst im wahlmüden Frankreich. Gewählt wurde ein konservativer Bürgermeister, der wenig später wegen eines Parteispendenbetrugs verurteilt wurde.
Haustüren sind zugenagelt, Geschäfte geschlossen„Armut und Korruption, das ist keine gute Mischung“, sagt Nouari, der Uber-Fahrer in seinem klapprigen Toyota. Er ist nicht im Bilde, dass in drei Tagen Kommunalwahlen stattfinden. Als wir ihn auf die Stellwand mit den Plakaten und Gesichtern der Kandidaten hinweisen, sagt er zynisch: „Jetzt zeigen sie noch ihre Visagen, in ein paar Tagen lässt sich niemand mehr bei uns blicken.“
Leute wie ihn trifft man viele in Roubaix. Ahmet, 70, der wie Nouari seinen Nachnamen nicht sagen will, entschuldigt sich freundlich lächelnd, dass er nach 20 Jahren in Roubaix kein Französisch spricht. Fatima gibt zu Protokoll, dass sie in Algerien wählt, in Frankreich habe sie nur eine Aufenthaltserlaubnis.
Im Einkaufszentrum Leclerc wehrt ein mittelaltes Paar sofort ab. Sie gingen nicht wählen, schon lange nicht mehr, „lassen Sie mich mit Politik in Ruhe“, sagt der Mann genervt und stellt ein Sixpack Bier in seinen Caddy. Seine Frau, folgt ihm schweigend, in befleckten Leggings und Crocs.
David Guiraud, der Bürgermeisterkandidat von LFI, sieht dagegen aus wie aus dem Ei gepellt. Vollbart, leicht grau melierte Schläfen, Nickelbrille, Anzug und Krawatte. Es ist kühl, aber er trägt keinen Mantel. Ein Kameramann begleitet den Kandidaten, während er an diesem Nachmittag an die Haustüren der Backsteinhäuser in der ehemaligen Arbeitersiedlung Alma klopft.
David Guiraud beim Wahlkampf in RoubaixFür die deutsche Presse hatte er bei Anfrage angeblich keine Zeit. Auch die französischen Kollegen von „Le Monde“ hat er abblitzen lassen. Er braucht die sogenannten Mainstreammedien nicht, er ist der TikTok-Kandidat, wie seine politischen Gegner sagen. Damit vermeidet er auch, auf Äußerungen angesprochen zu werden, die man als antisemitisch interpretieren kann.
Guiraud war lange Sprecher von LFI und Stammgast in den Fernsehstudios. Als er 2020 in Roubaix bei den Parlamentswahlen antrat, wurde er sofort gewählt, obwohl er ein Fallschirmkandidat war, ohne Bindung an die Stadt. Zwei Jahre später, bei den Überraschungswahlen nach der Auflösung des Parlaments, kam er auf ein Vorzeigeergebnis von 76 Prozent der Wählerstimmen.
„Er mag ‚Die Elenden‘ von Victor Hugo gelesen haben, ich habe sie erlebt“, sagt Karim Amrouni, Gegenkandidat einer linken Liste, der in Roubaix aufgewachsen ist und hinter dem Sozialisten, Grüne und Kommunisten stehen – die „weiche Linke“, wie sie Mélenchon abfällig nennt, la gauche molle. Man könnte auch sagen, die chancenlose Linke.
Kalkül für die gesamte Republik
Im Armenviertel Alma wird Guiraud gefeiert wie ein Star. Eine Dame mit Kopftuch, die die Tür öffnet, begrüßt ihn wie einen alten Freund. Ein Auto, aus dem laut Rap-Musik tönt, hält an, Guiraud schüttelt die Hände der jungen Männer. „Der Bezirk leidet unter der Armut, aber vor allem unter dem Desinteresse der Politiker“, sagt er WELT AM SONNTAG. Wenn man ihn auf der Straße erwischt, hat er plötzlich doch Zeit für ein Interview.
Er zeigt auf den Backsteinkomplex, den man in den 70er-Jahren gebaut hat. Heute sind alle Fenster zugemauert. Die 400 Vorschläge seines Wahlprogramms ergeben das Versprechen einer neuen Stadtpolitik. Er will Optimismus und Hoffnung verbreiten, auch wenn Roubaix womöglich nur ein Sprungbrett für ihn ist. „Roubaix ist Symbol für die Deindustrialisierung und das Abgehängtsein. Was wir hier machen werden, wird eine schöne Botschaft für ganz Frankreich sein“, sagt er.
Auf die Frage, ob er ein kommunitaristisches Wahlkalkül betreibe und auf Stimmenfang der muslimischen Bevölkerung gehe, winkt er ab. Der Vorwurf sei lächerlich. „Ich spreche zu allen, egal ob Katholiken, Juden, Atheisten, es ist mir egal. Natürlich gibt es hier viele Muslime, sie wurden hier konzentriert, das ist unbestreitbar. Aber soll ich deswegen aufhören, mich an sie zu wenden“, fragt er zurück?
Guiraud drückt uns sein Wahlprogramm in die Hand. „Ihr Bürgermeister für 2026“ steht auf dem Flyer. Keine Spur des Parteilogos, kein Hinweis auf LFI, kein Foto von Mélenchon. Guiraud weiß, was er tut. Er macht lokalen Wahlkampf, aber sein Sieg hätte landesweit Gewicht. Es wäre ein schlechtes Omen für die Präsidentschaftswahl 2027, es wäre der Beweis dafür, dass Mélenchons Kalkül aufgehen könnte.
Martina Meister berichtet im Auftrag von WELT seit 2015 als freie Korrespondentin in Paris über die französische Politik.
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