Es waren deutliche Worte, die Gregor Gysi, Urgestein seiner Linkspartei, kürzlich zum Antisemitismus in den eigenen Reihen fand. Das Problem sei „gefährlicher geworden“, weil viele Menschen „mit spezifischem Migrationshintergrund“ in die Partei eingetreten seien, die „Sichten auf Israel mitbringen, die falsch sind“, sagte Gysi in einem Podcast.
Gemeint war damit nicht Kritik an bestimmten Handlungen der israelischen Regierung, der auch Rechtsextremisten angehören. Solche, mitunter scharfe Kritik, übt Gysi immer wieder selbst. Im Gaza-Krieg nach dem 7. Oktober 2023 warb er etwa immer wieder für eine Anerkennung eines palästinensischen Staats. Ausgerechnet nach der Eskalation des antisemitisch motivierten Terrors der Hamas könnte man dies als Belohnung für diesen Terror werten.
Für viele seiner Genossen gilt Gysi trotz dieser Position als zu israelfreundlich. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Migrantische Linke wirft der Parteiikone aufgrund der Äußerungen in dem Podcast gar vor, „rassistische Bedrohungsszenarien“ zu reproduzieren.
Vermutlich hat sich der 78-Jährige nach dieser Attacke Solidarität von der Parteiführung erhofft – schließlich stand er jahrelang an der Spitze von Partei und Fraktion. Er hatte maßgeblich zur bundesweiten Etablierung der Linke beigetragen sowie zum Wiedereinzug in den Bundestag im vergangenen Jahr.
Solche Hoffnungen wurden allerdings schnell zerstört. „Wenn ich Gregor richtig verstehe, dann ist es nicht richtig, was er da sagt“, ließ sich Parteichef Jan van Aken im „Spiegel“ zitieren. Die Bundestags-Fraktionschefs schlossen sich der Kritik an. Sören Pellmann nannte Gysis Wortwahl „unglücklich“. Heidi Reichinnek ergänzte, die Worte ihres Parteifreunds hätten „Verletzungen ausgelöst“. Und Co-Parteichefin Ines Schwerdtner sprach am Mittwoch in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ von einem „Generalverdacht“.
Nach Äußerungen von Linken-Politiker Gregor Gysi über Antisemitismus in der Partei gibt es lautstarke Kritik aus den eigenen Reihen. Teile der Partei werfen Gysi Rassismus vor. Der Historiker Hubertus Knabe analysiert die Entwicklung der Linken.Es war dann Gysi selbst, der die Rassismus-Vorwürfe als „absurd“ zurückweisen musste. Tatsächlich verkürzt er das Problem des Antisemitismus nicht auf Migranten oder Muslime. Und er wird mit seiner Äußerung auch nicht gemeint haben, neuen Mitgliedern mit bestimmtem Migrationshintergrund ganz grundsätzlich Antisemitismus zu unterstellen.
Doch mittlerweile werden in der Linkspartei diejenigen, die Kritik an linkem Antisemitismus üben, schärfer kritisiert als diejenigen, die diese Form des Judenhasses verbreiten, relativieren oder leugnen. Und das mit Unterstützung von allen vier Spitzenfunktionären. Das ist trotz vieler dort scharf geführter Debatten um das Thema durchaus bemerkenswert.
„Nächster Halt Antizionismus“
Überraschend ist das allerdings nicht. Es folgt einer Entwicklung, die bereits seit einigen Jahren zu beobachten ist: Kräfte, die beim Kampf gegen Judenhass auch die eigenen Reihen nicht aus den Augen verlieren und innerhalb der Partei damit lange ein starkes Gegengewicht zu obsessiven Israel-Feinden bildeten, verließen die Partei, traten nicht mehr an oder wurden nicht mehr gewählt.
Gleichzeitig strömten viele Neumitglieder in die Linke, die islamistische Organisationen wie die Hamas zu Befreiungskämpfern verklären und damit Terror gegen Juden legitimieren. In Niedersachsen brüsten sich diese Mitglieder und verbündete ältere Genossen gerade damit, den „ersten antizionistischen Landesverband“ geschaffen zu haben.
In einem Video der Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität heißt es, übrigens von jungen Genossen ohne „spezifischen Migrationshintergrund“, der angebliche „Genozid“ in Gaza werde von der Landespartei durch einen Beschluss beim Landesparteitag nicht mehr als „Folge einer konkreten Regierung in Israel“ gewertet, sondern als „notwendige Folge der zionistischen Ideologie“. „Nächster Halt Antizionismus!“.
Im Beschluss vom vergangenen Wochenende ist von einer Ablehnung des „real existierenden Zionismus“ die Rede. Die Mehrheit der Delegierten erklärte Israel also zum Feindbild. Das jüdische Selbstbestimmungsrecht lehnten sie ab, den einzigen jüdischen Staat der Welt griffen sie an.
Das ist nichts anderes als Antisemitismus, schließlich wird damit das Existenzrecht Israels bestritten. Unter dem Deckmantel dieses Antizionismus werden seit Beginn des Monats an zahlreichen Orten jüdische Orte angegriffen, wenig beachtet von der Öffentlichkeit.
Im kanadischen Toronto wurden am 2. sowie am 6. und 7. März insgesamt drei Synagogen beschossen, im belgischen Lüttich gab es am 9. März einen Sprengstoffanschlag vor einer Synagoge. Am 12. März raste ein Mann im Großraum Detroit in ein jüdisches Gemeindezentrum. Am darauf folgenden Tag kam es in Rotterdam zu einem Brandanschlag auf eine Synagoge, am wiederum nächsten Tag zu einer Explosion vor einer jüdischen Schule in Amsterdam.
Der politische Zionismus steht für die Idee eines Staates, der Selbstbestimmung für Juden und einen Schutzraum vor Antisemitismus ermöglichen soll. Er ist als Reaktion auf jahrhundertelange Diskriminierung und Verfolgung entstanden. Die Vernichtung der europäischen Juden verlieh dieser Idee später zusätzliche Dringlichkeit. Wer wie die Niedersachsen-Linke erklärt, der politische Zionismus sei ein „wesentlicher Hinderungsgrund für eine friedliche Zukunft für alle Menschen in der Region“, trägt dazu bei, die antizionistisch begründete Gewalt gegen Juden rhetorisch zu legitimieren.
Zum Video der stolzen Antizionisten fiel Parteichefin Schwerdtner bei „Markus Lanz“ immerhin ein, dieses sei „total fehlgeleitet“ und „total deplatziert“. Der Beschluss aus Niedersachsen sei „total einseitig und nicht richtig“, sie verurteile ihn. Von Antisemitismus wollte sie allerdings nicht sprechen. Dafür unterstellte sie Israel Pläne einer „Vernichtung der Palästinenser“, im „Namen des Zionismus“.
„Es werden in atemberaubendem Tempo Standards abgeräumt, die für eine undogmatische Linke essenziell sind, ohne dass die Parteiführung dagegen etwas tut“, beklagt der frühere langjährige Linke-Bundestagsabgeordnete Jan Korte. Es gehe im innerparteilichen Umgang „nur noch um Geländegewinne sektiererischer Gruppen, wie jetzt bei den selbst ernannten Antizionisten in Niedersachsen“.
Sollte die Parteispitze daran interessiert sein, das Problem des linken Antisemitismus zu bekämpfen, müsste sie dies erstmal als Problem erkennen. Nun wurde wieder einmal deutlich, wie weit sie bereits davon entfernt ist.
Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“. Dies ist die 35. Ausgabe seiner zweiwöchentlich erscheinenden Kolumne „Gegenrede“.
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