In den kommenden Wochen erhalten viele Viertklässler ihre Übertrittempfehlung für die weiterführende Schule. Der frühere Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, hat anlässlich dessen das deutsche Bildungssystem erneut scharf kritisiert. „Die Gymnasien sind die neuen Hauptschulen“, sagte Kraus dem „Münchner Merkur“. Zu viele Schüler seien „eigentlich nicht fürs Gymnasium geeignet“.
Kraus stand von 1987 bis 2017 an der Spitze des Deutschen Lehrerverbandes und arbeitete unter anderem als Gymnasiallehrer, Schulpsychologe und Schulleiter. Hintergrund ist der seit Jahren steigende Anteil von Kindern, die nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Laut Bildungsbericht sind es inzwischen rund 45 Prozent.
Kraus spricht von einem „Gymnasial- und Akademisierungswahn“ und kritisiert insbesondere die Rolle der Eltern beim Thema Schulwechsel: „Da ist dann der Elternwille, oft der Elternehrgeiz, völlig freigegeben.“ Viele folgten dem Motto: „Mein Kind hat ohne Abi und Studium keine Chance.“ Allerdings trage auch die Politik dazu bei. „Und die Politik macht diesen Wahn gefälligkeitspolitisch mit, indem sie den Zugang zum Gymnasium erleichtert“, so Kraus.
Der langjährige Lehrerfunktionär diagnostiziert zudem ein sinkendes Leistungsniveau. „Die Ansprüche sind stark gesunken“, sagte er. Gute Noten seien daher nur bedingt aussagekräftig: „Mit den guten Noten wird ihnen vorgegaukelt, dass sie mehr drauf hätten, als sie es wirklich haben. Zeugnisse sind damit zum Teil ungedeckte Schecks.“
Schon in der Vergangenheit hatte Kraus bereits grundsätzliche Kritik am Zustand des Bildungssystems geäußert. „Wir haben unser Bildungssystem selbst kaputt gemacht“, sagte er. Er bemängelt unter anderem eine einseitige Orientierung an Pisa-Studien, durch die wichtige Inhalte wie Geschichte, Geografie oder politische Bildung vernachlässigt worden seien. Die Folge sei ein „geografischer und historischer Analphabetismus“ bei vielen Jugendlichen.
Kinder im Grundschulalter seien zudem oft überfordert mit der Schulwahl. „Die sind da überfordert“, sagte Kraus dem „Münchner Merkur“. Stattdessen orientierten sie sich häufig an ihrem Freundeskreis.
Als Ausweg fordert Kraus eine grundlegende Kurskorrektur: Die berufliche Bildung müsse wieder gestärkt und gesellschaftlich aufgewertet werden. Zudem sollten die Anforderungen in Schulen wieder steigen und Lehrpläne anspruchsvoller werden. Eltern und Schüler müssten besser über alternative Bildungswege informiert werden. „Sie müssen den Eltern vor Augen führen, was es da an tollen Möglichkeiten gibt“, so Kraus – der Nichtbesuch eines Gymnasiums sei „keine Katastrophe. Im Gegenteil.“
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