Die Gefahr kommt aus beiden Richtungen. Für politische Gefangene im Iran bedeutet der aktuelle Krieg im Nahen Osten eine doppelte Bedrohung: von außen durch Bomben und von innen durch ein Regime, das unter Druck noch repressiver wird. „Gefangene sind Luftangriffen ausgesetzt, haben aber keine Möglichkeit, Schutz zu suchen oder sich in Sicherheit zu bringen“, berichtet Siamak Namazi WELT.
Der amerikanisch-iranische Strategieberater, dem Teheran Spionage vorwarf, hat mehr als acht Jahre im berüchtigten Evin-Gefängnis nahe der Hauptstadt Teheran verbracht, bevor er im September 2023 im Zuge eines Gefangenenaustausches freikam. Das iranische Regime lässt politische Gegner, Demonstranten oder Journalisten systematisch verhaften und in unfairen Gerichtsverfahren zu langen Haftstrafen verurteilen oder gar hinrichten, um sich an der Macht zu halten.
In für die Mullahs kritischen Zeiten wie diesen werden die Zustände für die politischen Gefangenen noch dramatischer als ohnehin schon, sagt Namazi. Er hat in seiner Zeit in Haft mehrere Sicherheitskrisen erlebt, darunter den Brand im Oktober 2022 sowie Unruhen und Massenaufstände außerhalb der Gefängnismauern.
Evin werde in diesen Phasen „deutlich stärker auf Sicherheit ausgerichtet“, sagt Namazi. Der Zugang zu Einrichtungen wie der Bibliothek werde ausgesetzt, Teile der Station würden gesperrt, und Durchsuchungen fänden häufiger statt. „Jede Form von Normalität, die es noch gibt, verschwindet sehr schnell.“
Drei Wochen dauert der Krieg Israels und der USA gegen das Regime in Teheran nun schon an. Angehörige von Häftlingen berichten von verheerenden Zuständen. Das Essen werde knapp, viele Häftlinge seien auf sich gestellt, während Luftangriffe in der Umgebung die Angst verstärkten.
Menschenrechtsorganisationen warnen, es gebe im Iran eine Reihe von Haftanstalten, die neben militärischen Einrichtungen lägen. Schon allein aufgrund der geografischen Nähe bestehe hier ein Risiko, sagt Katja Müller-Fahlbusch, Expertin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International in Deutschland.
Die in Norwegen ansässige Menschenrechtsorganisation Hengaw berichtet von Nahrungsmittelknappheit und massiver Überwachung in den Haftanstalten, „da befürchtet wird, dass es innerhalb der Einrichtungen zu Protesten kommen könnte – insbesondere in Gefängnissen, in denen eine große Zahl politischer Gefangener untergebracht ist“.
Die meisten Einrichtungen seien zudem stark überbelegt. Das größte Gefängnis des Landes, Ghezel Hesar in Karadsch im Nordiran, ist ausgelegt für rund 5000 Insassen, beherbergt laut Hengaw derzeit aber etwa 15.000 Menschen.
Ausländische Gefangene als Druckmittel
Auch Gefangene aus dem Ausland sind betroffen. Viele Häftlinge seien verzweifelt, sagte Vida Mehrannia, deren Mann, der schwedische Wissenschaftler Ahmadreza Djalali, in der Krankenstation der Haftanstalt Evin festgehalten wird, der Nachrichtenagentur AFP. In einem kurzen Telefonat habe er ihr gesagt, vor dem Gefängnis seien immer noch Wachen postiert, „aber im Gefängnis selbst haben sie die Tür abgeschlossen und sind gegangen“.
Für Ausländer oder Personen mit doppelter Staatsangehörigkeit kommt noch eine weitere Sorge hinzu, wie auch Namazi aus eigener Erfahrung weiß: Die Islamische Republik hat eine lange Tradition darin, sie als Druckmittel gegen andere Länder zu benutzen.
Telefonate mit der Familie im Ausland laufen in der Regel über internetbasierte Systeme. Kommt es zu einem Blackout, fällt diese Verbindung weg. Der Internet-Beobachtungsdienst Netblocks meldet inzwischen den längsten jemals verzeichneten Ausfall in der Geschichte des Iran. Nach 20 Tagen übertrifft er sogar jenen, der während der Proteste im Januar verhängt worden war.
Die Gefangenen wüssten, dass ihre Regierungen sich auf den größeren Konflikt konzentrieren, betont Namazi. Doch es sei schwer, sich keine Sorgen darüber zu machen, dass man selbst in den Hintergrund rückt oder hinter den Mauern vergessen wird.
Hengaw berichtet WELT, dass die Behörden für einige Gefangene, die freigelassen werden sollen, Kautionen festgesetzt haben. Während es einigen Familien gelungen sei, die erforderliche Summe aufzubringen und die Freilassung ihrer Angehörigen zu erwirken, seien die meisten Gefängnisverwaltungen aber derzeit aufgrund des Krieges geschlossen.
Amnesty International berichtet zudem von Verlegungen politischer Häftlinge, ohne die Familien zu informieren. „Wir wissen, dass Gefangene an teilweise unbekannte Orte verlegt wurden, das gilt insbesondere auch für die kurdischen Provinzen des Iran.“ Auch darunter seien Orte, die zu möglichen militärischen Zielen werden könnten.
Während des Zwölf-Tage-Krieges im Sommer 2025 hatte es auch einen Angriff auf das Evin-Gefängnis gegeben. Teile des Komplexes wurden dabei beschädigt. „Bomben unterscheiden nicht zwischen Gefangenen und Wächtern“, bemerkt Namazi.
Anschließend sollen die Häftlinge, von denen viele zuvor noch dabei geholfen haben sollen, Wärter aus den Trümmern zu bergen, in eine andere Haftanstalt verlegt worden sein. Man habe sie monatelang in überfüllten Räumen mit eingeschränktem Zugang zu grundlegender Versorgung festgehalten.
„Das kann härtere Behandlung, Isolation oder willkürliche Maßnahmen bedeuten. Vereinfacht gesagt: Sie wissen, dass sie zu den leichtesten Zielen werden können – zu den am einfachsten verfügbaren ,Sündenböcken‘ des Systems.“
Mariam Claren, deren Mutter Nahid Taghavi mehrere Jahre im Evin-Gefängnis einsaß, beschreibt den Kontakt zur Familie als selten und indirekt. „Jede Woche lebte ich in der Angst: Was, wenn der Anruf nicht kommt?“ Der Druck auf die Angehörigen werde unterschätzt. „Meine Mutter durfte nie direkt ins Ausland telefonieren. Sie rief ihren Bruder im Iran an, der mich per Lautsprecher zuschaltete. Meine halbe Familie war involviert in diesen Telefonier-Prozess.“
Auch Namazi weiß, wie wichtig selbst ein kurzer Anruf ist. Klappt es nicht, sind beide Seiten verzweifelt. „Diese Unsicherheit ist extrem schwer auszuhalten und stellt eine ganz eigene, besonders grausame Form des Leidens dar.“
Clarens Mutter berichtete ihr von „weißer Folter“ im Gefängnis: „Das heißt Essensentzug, 24 Stunden Neonlicht, psychischer Druck.“ Im Fall der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, mit der auch Taghavi einsaß, sprach sie von direkten körperlichen Misshandlungen. „Es ging so weit, dass man ihr die Haare ausgerissen hat.“
Exekutionen im Schatten der Lage
Im Februar ist Mohammadi zu weiteren sechs Jahren Haft wegen Verschwörung verurteilt worden und zusätzlich zu eineinhalb Jahren Haft wegen propagandistischer Tätigkeit. Außerdem wurde ein zweijähriges Ausreiseverbot verhängt sowie eine Verbannung in die iranische Kleinstadt Chosf.
Die Europaabgeordnete Hannah Neumann (Grüne) sieht eine große Gefahr darin, „dass dieses Regime deutlich repressiver wird“. Durch die Kommunikationssperre würden weniger Informationen nach außen dringen, sodass man im Schatten Exekutionen leichter durchführen könne, betont sie im Gespräch mit WELT.
„Während des Iran-Irak-Krieges 1988 haben sie schon mal massenhaft politisch Gefangene ermordet. Genau vor so einer Situation haben viele jetzt Angst. Wir wissen, das Regime tötet am liebsten im Dunkeln.“
Am Mittwochmorgen handelte die Justiz nicht im Verborgenen. Auf ihrer Website Misan Online teilte sie mit, „das Todesurteil für einen Spion des zionistischen Regimes, der Bilder und Informationen über wichtige Orte des Landes an Offiziere des Mossad übergeben hat“, sei am Morgen vollstreckt worden. Es handelte sich um einen schwedischen Staatsbürger.
Seitdem hat der Iran weitere Todesurteile im Zusammenhang mit den jüngsten Massenprotesten vollstreckt. Menschenrechtsaktivisten sprachen von unfairen Verfahren mit Geständnissen, die unter Folter erlangt worden seien. „Wir sind zutiefst besorgt über das Risiko von Massenhinrichtungen von Protestierenden und politischen Gefangenen im Schatten des Krieges“, schrieb Mahmood Amiry-Moghaddam, Direktor der Organisation Iran Human Rights (IHRNGO), auf X.
Man müsse jetzt zusammen mit den Golfstaaten auf Deeskalation hinwirken, so die EU-Abgeordnete Neumann. „Wenn am Ende dieses Militäreinsatzes nur ein noch repressiveres Regime steht, ist diese militärische Intervention gescheitert.“
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