Vor Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) liegen auf einem kleinen Tisch ein paar Dosen gestapelt: Tomatenmark, Linsen, Reis, Öl, auch Hummus und Dattelriegel. Die Ministerin sitzt in einem Lagerhaus in der Nähe von Jordaniens Hauptstadt Amman, in dem Hilfsgüter für den Gaza-Streifen gelagert werden.
Alabali Radovan ist nach Jordanien gereist, um sich vor Ort ein Bild davon zu machen, welche Auswirkungen der Krieg im Iran auf den Nahen Osten hat. Eigentlich sollte die Reise auch nach Israel und ins Westjordanland führen — dieser Stopp wurde aus Sicherheitsgründen dann abgesagt. Die Themen aber bleiben: Siedlergewalt im Westjordanland und auch die Lage im Gaza-Streifen stehen auf ihrer Agenda.
Die deutsche Ministerin hat seit Beginn ihrer Amtszeit das Vorgehen der israelischen Regierung dort scharf kritisiert. Jetzt sorgt sie sich darum, dass der Krieg im Iran die zunehmende Gewalt durch israelische Siedler im Westjordanland in den Schatten stelle. Auch der Gaza-Streifen ist direkt betroffen, weil durch die geschlossenen Grenzübergänge keine Hilfslieferungen kommen können. „Die Not der Menschen in Gaza ist ungebrochen, doch im Schatten des Iran-Kriegs kommen immer weniger lebenswichtige Lieferungen im Gaza-Streifen an“, sagte sie „Politico“.
Während der Führung durch das Lager stellt die Ministerin immer wieder Nachfragen – auch wenn sie weiß, dass das nicht genug ist. Lieferketten sind gestört, Grenzübergänge eingeschränkt, und auch Lieferungen über Jordanien sind zeitweise blockiert: „Die Güter sind da. Es müssen jetzt schnell mehr Grenzübergänge geöffnet und deutlich mehr Lkw an der Grenze durchgelassen werden – so wie es der 20-Punkte-Plan – der sogenannte Friedensplan – vorsieht“, sagte Alabali Radovan „Politico“ mit Bezug auf den entsprechenden Plan von US-Präsident Donald Trump.
Die Ministerin besucht ein Lager der Vereinten Nationen mit Versorgungsgütern für den Gaza-Streifen und das WestjordanlandDie Frage, wie das auch mit deutschem Druck auf Israel passieren solle, nimmt sie mit zurück nach Berlin. Immerhin: Den Kanzler hat sie mittlerweile auf ihrer Seite, er verurteilt die Siedlergewalt ebenso wie sie und hat auch einem deutschen Finanzhilfspaket für Nahost im Umfang von 177 Millionen Euro zugestimmt.
Mit dem Paket für Jordanien, den Libanon und die palästinensischen Gebiete versucht sie, die Krisenregion finanziell zu unterstützen. Das Geld wird vor allem für die Versorgung der Flüchtlinge in den drei Ländern gebraucht, in Jordanien sind über ein Viertel der Bevölkerung Geflüchtete — in Deutschland wären das 20 bis 30 Millionen Menschen. Mit Grenzen zu Israel beziehungsweise dem Westjordanland, dem Irak und Syrien ist das Land außerdem eine geopolitische und für die EU strategisch sehr wichtige Pufferzone im Nahen Osten. Deutschland und Jordanien arbeiten dabei eng zusammen, auch 2025 bei Luftabwürfen von Versorgungsgütern für Gaza.
Und Alabali Radovan weiß: Für Deutschland bedeutet eine stabile Situation in Jordanien und dem Nahen Osten eine sicherere Lage auch für Deutschland. Etwa wenn es um finanzielle Nothilfen in akuten Krisensituationen aus dem ohnehin schon knappen Haushalt geht, aber auch darum, neue Migration in die Bundesrepublik zu verhindern.
Eine Region, in der deutsche Interesse zusammenlaufen
Zwischendurch ist auch Zeit für etwas klassische Entwicklungshilfe: In einem mit Geldern des Entwicklungsministeriums finanzierten Unicef-Zentrum für benachteiligte jordanische und syrische Flüchtlingskinder löst Alabali Radovan Matheaufgaben mit Sechstklässlern. Sicheres Terrain für die junge Mutter, die selbst einmal Flüchtlingskind war und Arabisch spricht. Während der offiziellen Termine spricht sie Englisch, aber die Begrüßung in der Landessprache dürfte sowohl bei den Kindern als auch den offiziellen Gesprächspartnern gut ankommen.
Kurz vor dem Rückflug nach Deutschland am Dienstagabend schiebt die Entwicklungsministerin noch einen schnellen Termin am Flughafen ein. Sie trifft dort eine kleine Gruppe Bundeswehr-Soldaten, die in Jordanien stationiert sind. Vor drei Wochen griff der Iran hier den amerikanischen Stützpunkt Al-Azraq an — und damit auch direkt die deutschen Soldaten, die dort ein Basislager haben.
Die Reise nach Jordanien zeigt, wie Alabali Radovan als Entwicklungsministerin jetzt auch Sicherheitspolitik, Krisenprävention und Migration mitdenken muss. Der Nahe Osten ist dabei für sie zur zentralen Region geworden, in der diese Interessen zusammenlaufen.
Carlotta Diederich ist Volontärin bei „Politico“ Europe.
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