Gaza steht im Schatten des Iran-Krieges. „Die Welt hat uns vergessen“, sagt Moumen Al-Natour, ein palästinensischer Anwalt, der den Gaza-Streifen vor Kurzem verließ und jetzt in Europa lebt. Er steht weiterhin im engen Kontakt mit Menschen vor Ort, mit Freunden und Verwandten spreche er jeden Tag. „Ich finde keine Nachrichten mehr über Gaza“, sagt er WELT. Während sich die internationale Aufmerksamkeit auf den Krieg zwischen den USA und Israel gegen den Iran richtet, gerät die Enklave zunehmend aus dem Blick.
„Wenn in den Nachrichten von einem neuen Krieg in der Region die Rede ist, haben wir das Gefühl, dass Gaza für die Welt noch unsichtbarer wird – obwohl das Leid hier jeden Tag weitergeht“, sagte Ahmed Al-Masri, ein Bewohner der Stadt Gaza, der Nachrichtenagentur dpa. Die Menschen wünschten sich „Stabilität und eine Chance, ihr Leben wieder aufzubauen“.
Seit dem 10. Oktober gilt im Gaza-Streifen eine brüchige Waffenruhe. Zwar sind die großflächigen Bombardements weitgehend ausgeblieben, doch militärische Operationen dauern an. Luftangriffe, Artilleriebeschuss und begrenzte Bodeneinsätze werden weiterhin gemeldet.
In den vergangenen Tagen hat es mehrere Einsätze im Kampf gegen die Hamas gegeben, wobei die israelischen Streitkräfte (IDF) der islamistischen Terrororganisation größtenteils vorwerfen, den Waffenstillstand verletzt zu haben.
Die Intensität schwankt – auch, weil sich Israels militärische Prioritäten durch den Krieg mit dem Iran verschoben haben. Ein Video der Nachrichtenagentur Associated Press zeigt einen tödlichen, mutmaßlich israelischen Angriff in der Nähe eines Zeltlagers für Vertriebene in Deir al-Balah. Auch CNN und der „Guardian“ berichteten. Zeugen zufolge soll es vor dem Einschlag Warnanrufe gegeben haben. Was genau das Ziel war, blieb zunächst unklar.
Katastrophale humanitäre Lage
Gleichzeitig verschlechtert sich die humanitäre Lage. Der für die Versorgung der rund zwei Millionen Menschen entscheidende Grenzübergang Kerem Schalom zwischen Israel und dem Gaza-Streifen war zu Beginn des Iran-Krieges mehrere Tage geschlossen.
Sam Rose, Gaza-Direktor des UN-Hilfswerks UNRWA, schildert WELT die Folgen: „Wenn es Beschränkungen an der Grenze gibt, steigen die Preise für kommerzielle Waren und Grundnahrungsmittel schnell, und es kommen weniger Hilfsgüter herein. Das alles verstärkt sich wie eine Lawine und erhöht den Druck auf Familien, die keine Einkommensquelle haben – und das ist derzeit die große Mehrheit der Menschen in Gaza.“
Gleichzeitig trete keine längerfristige Verbesserung ein. Hilfsorganisationen kämen nicht über eine unmittelbar lebensrettende Phase hinaus, und es bestehe ein wachsendes Risiko, dass die Lage wieder in einen aktiveren Konflikt abgleite.
Auch im Alltag zeigt sich dieser Stillstand. Zwar konnten zuletzt wieder deutlich mehr Kinder unterrichtet werden, berichtet UNRWA, doch die Lebensbedingungen bleiben prekär. „Kinder sterben nicht mehr an Hunger und Unterernährung. Aber das sollte nicht als Erfolg dargestellt werden. Im Winter sind Kinder an Unterkühlung gestorben. Die Menschen leben in einem Meer aus Schlamm, Dreck und Unrat“, sagt Rose.
Nach starken Regenfällen: überschwemmtes Gebiet in einem provisorischen Zeltlager in GazaHilfsorganisationen seien nicht in der Lage, Zelte und Planen in der Menge zu liefern, die die Menschen benötigen, geschweige denn zur zweiten Phase des Waffenstillstands überzugehen. „Und seien wir ehrlich: Nach mehr als zwei Jahren Vertreibung brauchen die Menschen mehr als Zelte und Plastikplanen“, so Rose.
Viele Bewohner Gazas fürchten, dass dieser Zustand anhält. „Was mir am meisten Sorge bereitet, ist, dass der Krieg zurückkehrt“, sagt Al-Natour, der Anwalt im Exil. Seine Familie wolle ihr Zuhause wieder aufbauen. „Ich warte sehnsüchtig darauf, dass sowohl die Hamas als auch die israelische Armee den Gaza-Streifen verlassen.“
Doch politisch steht es still. Die Konzentration auf den Iran habe direkte Folgen, sagt Max Rodenbeck von der International Crisis Group. Die USA hätten die Friedensbemühungen seit dem von Donald Trump initiierten 20-Punkte-Plan monopolisiert. Doch deren Aufmerksamkeit liege nun anderswo.
„Ein Teil des Problems bei diesem gesamten Friedensansatz besteht also darin, dass er stark von der Energie und Kapazität der Trump-Regierung abhängt, und die Trump-Regierung lässt sich sehr leicht von anderen Dingen ablenken“, analysiert Rodenbeck im Gespräch mit WELT.
Das bestätigt Omar Rahman vom Middle East Council on Global Affairs. „Zweifellos hat der Krieg mit dem Iran die internationale Aufmerksamkeit von Gaza und dem Westjordanland abgelenkt. Vor allem aber die Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten, die für jegliche Fortschritte in Gaza von entscheidender Bedeutung ist.“
Während sich die internationale Gemeinschaft auf den Konflikt mit Iran konzentriere, stecke Gaza in einer Art Schwebezustand. „Beim Wiederaufbau kommt nichts voran, und es wird nichts unternommen, um die sich verschlechternde humanitäre Lage zu stabilisieren“, sagt Rahman WELT. Und die einzige Perspektive für die Zukunft scheine vom Friedensrat abzuhängen.
Donald Trump lud zur ersten Sitzung seines „Board of Peace“ nach Washington. Europäer waren bis auf Viktor Orban und die Slowakei nicht dabei.Nach der Frage, was es brauche, um Gaza wieder mehr in den internationalen Fokus zu rücken, denkt Rahman einen Moment nach und antwortet dann: „Politischer Wille.“ Kriege würden die Aufmerksamkeit verschieben, während Gaza langfristiges Engagement und kontinuierlichen politischen Druck brauche, um überhaupt Fortschritte zu ermöglichen.
Erste vorsichtige Signale gibt es dennoch. Nikolaj Mladenow, Gaza-Gesandter des von US-Präsident Donald Trump ins Leben gerufenen Friedensrats (Board of Peace), erklärte vor dem UN-Sicherheitsrat, es gebe neue Bemühungen, den Wiederaufbau voranzubringen. Voraussetzung sei jedoch die vollständige Entwaffnung der Hamas.
Auf X erklärte er, ein Vorschlag liege auf dem Tisch. „Er erfordert eine klare Entscheidung: die vollständige Entwaffnung der Hamas und aller bewaffneten Gruppen, ohne Ausnahmen und ohne Sonderregelungen.“
„Das ist das erste Anzeichen von Bewegung seit fast zwei Monaten“, sagt Rodenbeck. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin heißt es, es sei wichtig, dass die Lage in Gaza nicht aus dem Blick gerate. Gleichzeitig müsse die Umsetzung des internationalen Friedensplans vorangetrieben werden. Man erwarte von allen Parteien, auch der Hamas, dass die vereinbarten Schritte umgesetzt werden. Dazu gehöre auch ein von unabhängiger Seite überwachter Entmilitarisierungsprozess.
Doch genau daran droht der Prozess zu scheitern. Aus dem Umfeld der Hamas hieß es, sie werde die Abgabe ihrer Gewehre wohl verweigern. Sie fürchte Angriffe rivalisierender Milizen im Gaza-Streifen, von denen einige von Israel unterstützt würden.
Seit dem Waffenstillstand im Oktober haben sich Hamas und rivalisierende Gruppen gegenseitig angegriffen. Gleichzeitig zeigt Israel bislang keine Anzeichen für einen Abzug seiner Truppen.
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