In Deutschland soll niemand auf der Straße leben. Deshalb übernehmen Jobcenter für Arbeitslose und Geringverdiener die sogenannten Kosten der Unterkunft. Diese Wohnkosten sind ein zentraler Bestandteil des Bürgergelds, das zum 1. Juli von der neuen Grundsicherung abgelöst wird. Ziel der Reform ist es, Bund und Kommunen finanziell zu entlasten.

Mit Blick auf den Bundeshaushalt fließt rund ein Viertel aller Ausgaben der Grundsicherung in Wohnkosten. Nach Auswertung vorläufiger Zahlen der Bundesagentur für Arbeit durch MDR Data lagen diese 2025 in Sachsen bei etwa 63,6 Millionen Euro im Monat, in Sachsen-Anhalt bei rund 40,9 Millionen und in Thüringen bei 27,7 Millionen Euro. Die Daten für 2025 sind noch nicht vollständig, da Angaben aus dem Dezember fehlen.

Grundsicherung: So haben sich die Kosten der Unterkunft entwickelt

Langfristig zeigt sich in Mitteldeutschland ein anderer Trend als im Bundesdurchschnitt: Während die Wohnkosten bundesweit in den vergangenen Jahren fast durchgängig gestiegen sind, gingen die Gesamtausgaben in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen über längere Zeit zurück. Selbst 2025 mussten die Jobcenter dort weniger für Wohnkosten zahlen als noch Mitte der 2010er Jahre.

Ein Grund für die mitteldeutsche Entwicklung: Es gab immer weniger Arbeitslose. Die Wirtschaft erholte sich nach der Finanzkrise, neue Stellen entstanden. Viele jüngere Menschen hatten ihr Glück in westdeutschen Bundesländern gesucht, während durch geburtenschwache Jahrgänge weniger Menschen nach Arbeitsplätzen suchten. 2019 erreichte der Anteil der Arbeitslosen den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung.

Bürgergeld: Teurere Mieten, steigende Heizkosten

Die Kosten pro Haushalt und Quadratmeter stiegen dafür parallel Jahr für Jahr. Bundesweit haben sich die Gesamtkosten in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt auf 11,9 Euro je Quadratmeter. In Mitteldeutschland sind sie im gleichen Zeitraum um mehr als ein Drittel gestiegen. In Sachsen zahlen Jobcenter im Schnitt 9,4 Euro je Quadratmeter; in Thüringen rund 9,2 Euro und in Sachsen-Anhalt 8,9 Euro.

Besonders stark fiel der Anstieg im Jahr 2023 aus. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verteuerten sich vor allem die Heiz- und Nebenkosten, die gerade bei günstigeren Wohnungen einen großen Anteil ausmachen. Gleichzeitig nahm die Nachfrage nach Wohnraum zu, weil mehr Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen wurden.

Auffällig ist, dass die Preise nicht nur in Großstädten gestiegen sind. In Landkreisen wie Harz und Saalfeld-Rudolstadt legten die vom Amt gezahlten Quadratmeterpreise um fast 50 Prozent zu. In den Städten Dresden, Leipzig und Jena stiegen die Kosten ebenfalls deutlich. In Dresden von 7,9 auf 11,6 Euro pro Quadratmeter, in Leipzig von 7 auf 10,3 Euro, in Jena von 7,9 auf 11,4 Euro und in Halle von 7,1 auf 10 Euro.

So viel zahlen Ämter insgesamt für einen Quadratmeter

Dennoch liegen diese Werte weiterhin deutlich unter Regionen wie München, wo Jobcenter mehr als 20 Euro pro Quadratmeter zahlen müssen.

Die niedrigsten Kosten in Deutschland verzeichnete 2025 unter anderem der Vogtlandkreis mit 7,6 Euro pro Quadratmeter. In vielen ländlichen Regionen Mitteldeutschlands sinken die Bevölkerungszahlen, gleichzeitig stehen vergleichsweise viele Wohnungen leer. Zudem sind kommunale und genossenschaftliche Wohnungsunternehmen stärker vertreten, die häufig einen sozialen Auftrag verfolgen.

So erklärte etwa der Landkreis Börde (8,1 Euro/ Quadratmeter), es gebe ausreichend Wohnraum im einfachen Segment. Allerdings sei dieser ungleich verteilt und in Städten wie Haldensleben oder Oschersleben knapper. Für Leistungsbezieher spielt die Lage freier Wohnungen eine entscheidende Rolle.

Kommunen müssen Kosten-Grenzen immer weiter anheben

Wer sich die Wohnkosten vom Amt erstatten lassen will, kann seine Wohnung nicht frei wählen. Kommunen legen sogenannte Angemessenheitsgrenzen fest, die sich nach der Haushaltsgröße richten.

Steigende Mieten und Betriebskosten führen dazu, dass diese Grenzen regelmäßig angehoben werden müssen. Den Großteil der Kosten trägt der Bund, die Kommunen beteiligen sich ebenfalls.

Kommunen: kein flächendeckendes Geschäft mit "Schrottimmobilien"

Immer wieder geraten auch die Wohnbedingungen in den Fokus. Im Wohngebiet Südpark in Halle-Neustadt mussten beispielsweise hunderte Bewohner mehrere Wochen ohne Heizung und Wasser auskommen, obwohl sie Miete zahlten. Viele von ihnen hatten nur ein geringes Einkommen. Das zuständige Immobilienunternehmen hatte Rechnungen nicht beglichen und war insolvent.

Auch aus Dresden-Gorbitz berichtet etwa "Die Zeit" über ein Beispiel, in dem hohe Mieten für Wohnungen in schlechtem Zustand verlangt wurden. Der Mieterverein Dresden berichtet zudem von regelmäßig fehlerhaften Betriebskostenabrechnungen in der Stadt.

Die von MDR befragten Kommunen sehen jedoch kein flächendeckendes Problem mit sogenannten Schrottimmobilien, sondern sprechen von Einzelfällen. Solange eine Miete formal als angemessen gilt, haben Behörden nur begrenzte Eingriffsmöglichkeiten, erklärte etwa der Landkreis Börde.

Reform der Grundsicherung: Wenig Entlastung erwartet

Mit der Reform der Grundsicherung soll nun auch bei den Wohnkosten gespart werden. Bislang übernahmen Jobcenter im ersten Jahr nach Eintritt in den Leistungsbezug die Miete vollständig, selbst wenn sie über der Angemessenheitsgrenze lag. Künftig wird dieser Betrag auf das Anderthalbfache der jeweiligen Obergrenze begrenzt.

Ob dies tatsächlich zu spürbaren Einsparungen führt, ist umstritten. Andreas Mense vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist skeptisch. Er hat mit einer Forschungsgruppe die Auswirkungen der neuen Regeln untersucht. Sie haben dabei auf Bürgergeldempfänger geschaut, die die volle Karenzzeit von einem Jahr ausschöpfen können.

"Mit der Reform prüfen die Jobcenter wieder mehr Fälle, um relativ wenige Haushalte aufzudecken, bei denen die Miete deutlich zu hoch ist", sagt Mense. "Wir haben ausgerechnet: Bei jeder 15. Bedarfsgemeinschaft, die neu in die Grundsicherung kommt, sind die Wohnkosten so hoch, dass sie nach den verschärften Regeln sofort gekürzt würden. Je komplizierter die Regeln sind, desto gerechter wird es am Ende vielleicht. Aber der Aufwand wird auch immer höher und irgendwann wird das Verhältnis ungünstig."

Andreas Mense, Institut für Arbeitsmarkt- und BerufsforschungBildrechte: privat

Hinzu kommt laut Mense: Die Jobcenter sparen nur den Teil der Kosten ein, der über der festgelegten Grenze liegt. Betroffen seien vor allem ältere Menschen oder Haushalte mit Kindern. Auch die befragten Kommunen erwarten keine nennenswerte Entlastung durch die Reform.

Was hilft: Mehr günstigen Wohnraum bauen

Allerdings herrscht Einigkeit darüber, dass mehr preiswerter Wohnraum geschaffen werden muss. Andernfalls dürften die öffentlichen Ausgaben für Wohnkosten weiter steigen.

Der Sozial-Wohnen-Monitor 2026 weist darauf hin, dass in Mitteldeutschland zehntausende Wohnungen fehlen – auch wenn die Lage im Vergleich zu anderen Bundesländern noch weniger angespannt ist.

ARD-Mitmachaktion #besserwohnen

Bezahlbarer Wohnraum ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit. Die ARD widmet sich in einem Themenschwerpunkt der Frage, wie Menschen in Deutschland wohnen und was sich ändern muss. Seit Oktober wurden hierfür Stimmen aus dem ganzen Land gesammelt. Mehrere hundert Mieterinnen und Mieter haben sich bereits beteiligt und ihre persönliche Wohnsituation geschildert.

Die Inhalte finden Sie unter ard.de/besserwohnen.

MDR (Leonhard Eckwert)

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