Die Sätze, die der Neurowissenschaftler und Bildungsexperte Jared Horvath in der Anhörung im US-Senat wählte, waren explosiv. „Seit wir seit Ende des 19. Jahrhunderts die kognitive Entwicklung standardisieren und messen, hat jede Generation ihre Eltern übertroffen“, so Horvath im Januar vor dem Ausschuss für Handel, Wissenschaft und Verkehr. „Die Generation Z ist die erste Generation in der modernen Geschichte, die bei praktisch allen kognitiven Messgrößen schlechter abschneidet als wir.“ Das gelte sowohl für die grundlegende Aufmerksamkeit als auch für Gedächtnis, die Lese- und Schreibfähigkeit und die Rechenfähigkeit bis hin zum allgemeinen IQ. „Und das, obwohl sie länger zur Schule gehen als wir.“

Auch den Grund will Horvath ausgemacht haben: der flächendeckende Einzug von Bildungstechnologie (Educational Technology, kurz EdTech) an den Schulen. Digitale Geräte nähmen heute einen erheblichen Anteil der Lernzeit der Schüler ein. Aber nur eng begrenzte Anwendungen, zum Beispiel Übungssoftware, zeigten tatsächlich messbare Vorteile.

„Die verfügbaren Belege aus internationalen Vergleichsstudien, groß angelegten wissenschaftlichen Untersuchungen und Meta-Analysen zeigen, dass eine erhöhte Bildschirmnutzung im Unterricht im Allgemeinen mit schlechteren Lernergebnissen verbunden ist – nicht mit besseren“, so Horvath in seiner schriftlichen Stellungnahme für den Ausschuss. Seine Schlussfolgerung: „Unsere Aufgabe besteht nicht darin, die Bildschirmzeit zu maximieren, sondern die kognitiven Fähigkeiten und das langfristige Gedeihen der nächsten Generation zu fördern.“

Tatsächlich ist der Einsatz digitaler Tools und Lernsoftware in den USA fest im Schulalltag verankert – deutlich stärker als hierzulande. Die oft exzessive private Smartphone-Nutzung, die Horvath in seinen Ausführungen nur am Rande adressiert, kommt noch dazu. Aber ist die Digitalisierung tatsächlich schuld daran, dass die Generation Z „dümmer“ ist als die Generationen vor ihr?

Klaus Zierer ist Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, auch er hat zu dem durch Smartphones und andere elektronische Geräte induzierten „Brain Drain“ geforscht. Und stimmt Horvath zu. „Alles in allem ist das zwar eine steile These, aber schon auch begründbar“, sagt Zierer WELT AM SONNTAG. „Die jetzige Schülerschaft ist in nahezu allen Messungen des Bildungsbereiches schlechter als die vorausgehende Schülerschaft – und das ist zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges der Fall.“ Als Beispiel führt Zierer etwa die von der OECD durchgeführte Pisa-Studie an. Seit dem Höchststand im Jahre 2012 gehe die Kurve der abgefragten Leistungen stetig bergab.

Zierer teilt Horvaths Fazit, dass die meisten EdTech-Lösungen weniger effektiv seien als normaler Unterricht ohne Technik. „In der Phase des Erlernens von Grundkompetenzen ist die Technik im Kern völlig unbrauchbar. Sie kostet Zeit und Geld, bringt nur geringen Mehrwert, wenn überhaupt.“

Eine Darstellung, die für Mathias Klement, CEO der Lernplattform „studyflix“, zu kurz greift. „Horvath trifft einen wichtigen Nerv, aber der Schluss, dass alle digitalen Formate gleich schädlich sind, greift zu kurz“, findet Klement. Didaktisch kontrollierte Videos, Audioformate und digitale Lernumgebungen seien nicht als Ersatz für analoges Lernen konzipiert, sondern als Ergänzung, die dessen Stärken berücksichtigt. „Zum anderen können sie Lehrkräften genau das ermöglichen, was Horvath selbst fordert: mehr Zeit für echte menschliche Interaktion im Unterricht“, meint Klement.

„Mit allen negativen Folgen, die auch in der Schule aufschlagen“

Schulpädagoge Zierer geht es aber nicht nur um die Digitalisierung des Lernens, sondern auch der Lebenswelt, die durchdigitalisiert sei „mit allen negativen Folgen, die dann auch in der Schule aufschlagen: Aufmerksamkeitsdefizite, Sprachdefizite, soziale und emotionale Verwahrlosung, sinkende Denkleistungen und vieles mehr“. Wichtigster Treiber dabei: Smartphones.

Gemeinsam mit Kollegen der Universität Augsburg hat Zierer 2023 in einer Meta-Analyse nachgewiesen, dass das Smartphone einen „Brain Drain“-Effekt verursacht: Alleine seine Anwesenheit im Raum reduziert Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung nachweislich. Adrian Ward von der Universität Chicago hatte diesen Effekt erstmals 2017 nachgewiesen. Die Augsburger Forscher konnten ihn nun bestätigen – und stellten eine klare Empfehlung auf: Der Gebrauch digitaler Medien müsse aus pädagogischen Gründen reguliert, kontrolliert und begleitet werden.

Die gegenwärtige Debatte um Smartphone-Verbote in Schulen und Altersgrenzen für Social Media wird auch durch solche Erkenntnisse angeheizt. Die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt will Mitte April ihre Bestandsaufnahme zu juristischen und medizinischen Fragen vorlegen; am 24. Juni sollen ihre Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung übergeben werden, wie Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) kürzlich ankündigte.

Die Warnungen vor schädlichen Auswirkungen von ausuferndem Bildschirmkonsum werden inzwischen immer schriller. So haben Forscher der Wilfrid-Laurier-Universität im kanadischen Waterloo herausgefunden, dass übermäßige Bildschirmzeit während der Gehirnentwicklung auch das Risiko für Alzheimer und verwandte Demenzerkrankungen im Erwachsenenalter erhöht.

„Wir vermuten, dass übermäßiger Bildschirmkonsum während kritischer Entwicklungsphasen der Generation Z zu leichten kognitiven Beeinträchtigungen im frühen bis mittleren Erwachsenenalter und in der Folge zu einem deutlichen Anstieg von Demenzerkrankungen im späteren Erwachsenenalter führen wird“, heißt es in dem Forschungspapier.

„Ein geschätzter vier- bis sechsfacher Anstieg der Erkrankungsraten bei Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen nach 2060 wird weitreichende gesellschaftliche und wirtschaftliche Notlagen sowie den vollständigen Zusammenbruch der ohnehin schon überlasteten Gesundheitssysteme in den Industrieländern zur Folge haben“, so die Forscher weiter. Präventive Maßnahmen müssten unverzüglich ergriffen werden, darunter Investitionen und Interventionen in den Bereichen öffentliche Bildung, Sozialpolitik, Gesetzgebung und Gesundheitswesen.

In Skandinavien, wo die Schulklassen bereits früh mit Laptops ausgestattet wurden, wird der Einsatz digitaler Medien angesichts nachlassender Leistungen inzwischen schon wieder zurückgefahren. Stattdessen investieren Regierungen wieder in Schulbücher. Vorreiter dieser analogen Konterrevolution waren neben den Schweden die Dänen, die den Schulunterricht schon früh stark digitalisiert hatten – 72 Prozent der Schülerinnen und Schüler setzen in (fast) jeder Unterrichtsstunde digitale Hilfsmittel ein. Die Zeit vor dem Bildschirm soll künftig beim Lernen deutlich weniger werden.

Kinder- und Bildungsminister Mattias Tesfaye hatte sich bereits im Dezember 2023 in der Zeitung „Politiken“ kritisch zum bisherigen Kurs geäußert. „Unsere Kinder sollten keine Versuchskaninchen in einem digitalen Experiment sein, dessen Ausmaß und Folgen wir nicht absehen können“, sagte der Sozialdemokrat. Statt auf Bücher zu setzen, habe man Kindern „bei der Einschulung iPads in die Hand gedrückt“. Man schulde dieser Generation „eine große Entschuldigung“.

Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.

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