Er stellt sich mit „Reagan“ vor, seinem Kampfnamen. Seine wahre Identität hält er aus Sicherheitsgründen geheim. WELT trifft ihn in einem Hotel in Berlin zum Gespräch, er trägt eine Sonnenbrille. Der 30-Jährige gehört der „Legion Freiheit Russlands“ an, einem paramilitärischen Verband russischer Freiwilliger. Die kremlkritischen Kämpfer sind in die ukrainischen Streitkräfte eingebunden, an der Front im Einsatz und beteiligen sich an Vorstößen, immer wieder auch in russische Grenzregionen. „Reagan“ wählte seinen Kampfnamen, weil er früher darüber scherzte, einmal Präsident werden zu wollen. In der Legion ist er für Aufklärung und elektronische Kriegsführung zuständig.

WELT: Sie sind Russe, kämpfen aber an der Seite der Ukraine, gegen ihr eigenes Land. Warum?

Reagan: Ich bin durchaus von Propaganda beeinflusst worden, besonders als Jugendlicher. 2015 ging ich ins Ausland und lebte in mehreren europäischen Ländern. Dort begann ich, die Dinge anders zu sehen. Solange ich denken kann, hat das russische Regime immer propagandistische Feindbilder gehabt. Mal sind es Amerikaner, mal Schwarze, mal Juden. Dieser Hass ist allgegenwärtig. Doch ich begriff, dass das Regime ihn säht, um vom eigenen Versagen abzulenken. Es braucht einen gemeinsamen Feind, um die Menschen hinter sich zu vereinen. Wenn die Straßen zerfallen oder das Gesundheitssystem versagt, sind stets andere schuld. Diese Logik hat uns dorthin geführt, wo wir heute stehen.

WELT: Haben Sie noch Kontakt nach Russland?

Reagan: Ich habe viele Kontakte verloren. Meine Angehörigen leben teilweise im Ausland, teilweise in Russland, aber ich spreche nicht mit ihnen. Mit einigen Freunden hielt ich noch Kontakt, als 2022 die Mobilisierung begann. Manche sagten, sie nähmen nur an einem dreitägigen Lehrgang teil. Als die Gerüchte über eine große Invasion aufkamen, blieb ich skeptisch, ob es so weit kommen würde.

WELT: Aktuell geht es an der Front kaum voran. Was hält Ihren Kampfeswillen aufrecht?

Reagan: Im Krieg ist vieles eine Frage des Zufalls. Jeden Tag kann der Tod kommen, womöglich, weil Kameraden selbst gefallen sind und einem nicht mehr zur Hilfe eilen können. Vielleicht bleibt internationale Unterstützung auch plötzlich aus, weil sich jemand anders entscheidet. Ich kann die Zukunft nicht planen und denke nicht an Kinder oder einen Hausbau in Moskau. So funktioniert Krieg nicht. Sie müssen an Ihre Ziele und Ihre Mission glauben. Wenn du etwas anfängst, bring es zu Ende, so haben es mir meine Eltern beigebracht. Diese Haltung ist in Russland und anderen postsowjetischen Ländern weit verbreitet. Ich möchte nicht aufgeben, ohne etwas erreicht zu haben. Ich glaube, wir können zumindest der Ukraine helfen, sich zu verteidigen. Und vielleicht können wir eines Tages auch in Russland etwas verändern, mit Unterstützung der ukrainischen Gemeinschaft und anderen.

WELT: Maximilian Andronnikov, einem der führenden Köpfe Ihrer Legion, werden Verbindungen zur „Russischen Imperialen Bewegung“ nachgesagt, einer ultranationalistischen Organisation. Welche Rolle spielt dieses Gedankengut in Ihren Reihen?

Reagan: Der Vorwurf bezieht sich auf die Vergangenheit unseres stellvertretenden Kommandeurs. Er war vor etwa 20 Jahren in der Bewegung aktiv. Seit 15 Jahren ist er dort nicht mehr. Heute steht er politisch deutlich gemäßigter da. Wir sind demokratisch und liberal, politisch eher links. Natürlich gibt es auch Menschen bei uns, die in der Mitte oder rechts stehen. Aber insgesamt vertreten wir eher linke Ansichten.

WELT: Haben Sie Verständnis dafür, von europäischen Partnern nicht jede Unterstützung zu bekommen, die Sie gern hätten?

Reagan: Mir gefällt die Zurückhaltung nicht, aber ich verstehe sie in gewisser Weise. Die europäischen Regierungen tragen Verantwortung für ihre eigenen Länder. Wenn in Frankreich Geld für Straßen oder Infrastruktur fehlt, fragen die Menschen nach dem Grund. Dauernd zu sagen, wir helfen der Ukraine, funktioniert politisch nicht langfristig. Aber meine Brüder und ich – übrigens auch Freiwillige aus den USA und Frankreich – wünschen uns mehr Unterstützung. Trotzdem sind wir sehr dankbar für das, was wir bekommen.

WELT: Sie waren in Gefechte mit den russischen Streitkräften verwickelt. Wie schätzen Sie deren Schlagkraft ein?

Reagan: Die meisten Soldaten sind schlecht ausgebildet. Schon zu Beginn der Invasion hielt ich die Vorstellung, Russland könne die Ukraine in drei Tagen einnehmen, für falsch. Kurz davor hatte ich noch mit russischen Soldaten Kontakt gehabt. Sie erzählten, dass sie auf der Basis herumliefen, Straßen fegten und zuweilen tranken. Im Gefecht können reguläre Einheiten zahlenmäßig überlegen sein und mehr Feuerkraft haben. Doch oft fehlt es an Ausbildung und Moral. Das liegt auch an der Art, wie sie rekrutiert werden.

WELT: Wie läuft die Rekrutierung ab?

Reagan: Ihnen wird Geld versprochen, sie müssen etwas unterschreiben, dann landen sie an der Front. In der russischen Gesellschaft gibt es wenig Mitgefühl für sie. Es sei schließlich ihre Entscheidung, heißt es dann. Manchen nimmt der Kommandeur das Geld sofort wieder ab. Wir haben auch schon besonders tragische Fälle gefangen genommen.

WELT: Können Sie das genauer erläutern?

Reagan: Wenn wir Gefangene machen, fragen wir sie, wie sie rekrutiert wurden. Dann erzählen manche, sie hätten Schulden gehabt, wegen Alkohol oder anderer privater Probleme. Es wirkt oft völlig irrational. Sie verschulden sich und glauben, der Krieg sei der einzige Ausweg. Einer war erst 18 Jahre alt. Er hatte zwei Tage durchgetrunken, seine Freundin ebenfalls. Ihr Bruder kämpfte schon. Dann fiel der Satz: „Bist du zu feige, auch zu gehen?“ Betrunken ging er zum Rekrutierungsbüro, unterschrieb und war am nächsten Tag Soldat. Zwei Wochen später saß er im Schützengraben. Dort nahmen wir ihn gefangen. Geld hat er nie gesehen. Zum Glück gibt es ukrainische Programme für Überläufer. Soldaten, die nicht gegen die Ukraine kämpfen wollen, melden sich dort. Man führt sie über die Frontlinie auf die ukrainische Seite.

WELT: Es gibt Hinweise auf zunehmende Kriegsmüdigkeit in der Ukraine. Wie nehmen Sie die Stimmung wahr?

Reagan: Das ist nach vier Jahren verlustreichem Krieg normal. Doch die Ukraine führt keinen Krieg auf fremdem Boden, bei dem sich die Frage stellt, warum dort Ukrainer sterben müssen. Wer auf eigenem Boden kämpft und gesehen hat, was in Städten wie Mariupol geschehen ist, gibt nicht auf. Auch nicht vor Erschöpfung. Denn jeder weiß, was sonst passiert. Menschen werden getötet, Kinder nach Russland verschleppt und umerzogen. Es gibt keine Wahl.

WELT: Hatten Sie vor Ausbruch des Krieges geplant, sich dem Militär anzuschließen?

Reagan: Nein. Ich mochte die Armee nie und möchte nach dem Krieg kein Berufssoldat sein. Aber aktuell sehe ich keine Alternative. Die meisten meiner Kameraden waren zuvor Zivilisten, mit Familien und Berufen. Heute besteht die ukrainische Armee überwiegend aus solchen Menschen. Viele Berufssoldaten sind gefallen oder körperlich und psychisch nicht mehr einsatzfähig.

WELT: Was hat Sie letztlich zum Beitritt bewegt?

Reagan: Eine Reihe von Ereignissen, wie die Belagerung von Mariupol oder das Massaker von Butscha. Ich konnte das nicht akzeptieren, besonders, weil mein eigenes Land verantwortlich war. Es war beängstigend, in einem anderen Land um die Aufnahme in die Armee zu bitten. Aber ich traf Menschen, die eine Idee vereinte. Nämlich, dass Menschlichkeit siegen muss.

WELT: In Deutschland wird über eine Wehrpflicht debattiert. Wie stehen Sie zur Dienstpflicht?

Reagan: Europäische Armeen sind kein schlechter Arbeitgeber. Es ist sinnvoll, dort in Friedenszeiten Erfahrungen zu sammeln, Geld zu verdienen und körperlich fit zu werden. Wer die Gefahr künftiger Kriege ernst nimmt, muss jedoch nicht sofort zur Armee gehen. Jeder kann anfangen zu laufen, mit dem Rauchen aufzuhören oder auf den Schießstand zu gehen. Und man sollte lernen, wie man eine massive Blutung stoppt. Wenn jemand ein Bein verliert, zählt jede Minute.

WELT: Verfolgen Sie die Friedensverhandlungen auch an der Front?

Reagan: Ich lese manchmal in den Nachrichten von Verhandlungen, die irgendwo telefonisch geführt werden. Aber ich glaube nicht, dass sich dadurch über Nacht etwas ändert. Wir werden nicht morgens aufwachen und plötzlich nichts mehr zu tun haben. Wir sind Teil der ukrainischen Armee. Wenn die ukrainische Regierung und das Volk einen Deal akzeptieren, respektieren wir das. Aber als Russen können wir unseren Kampf auch unabhängig fortsetzen. Etwa durch Sabotageakte gegen Militär- und Eisenbahninfrastruktur. Müssten wir unsere militärische Arbeit hier beenden, würden wir im Untergrund weitermachen.

WELT: In Berlin beginnt der Frühling, die Straßen sind belebt. Wie erleben Sie diesen Kontrast zur Ukraine?

Reagan: Wissen Sie, die Ukraine ist ein Land, in dem 30 Kilometer hinter der Front schon wieder Normalität herrscht. In Charkiw zum Beispiel, fühlt man sich wie in einer ganz normalen europäischen Stadt, obwohl die Front nur etwa 30 Kilometer entfernt ist. Natürlich gibt es Raketen- und Drohnenangriffe. Ein Café in Saporischschja, das ich mochte, wurde kürzlich getroffen. Es war völlig zerstört. Aber ich bin sicher, in ein paar Tagen steht es wieder. Als ich nach Berlin kam, fühlte es sich für mich deshalb gar nicht grundlegend anders an. Es gab nur keinen Luftalarm.

Jan H. Rosenkranz ist seit November 2025 Volontär bei WELT im Ressort Außenpolitik.

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