Als Kulturstaatsminister Wolfram Weimer auf dem Appellplatz der Gedenkstätte Buchenwald zu sprechen beginnt, ist es schnell vorbei mit der Andacht. Laute Stimmen aus dem Publikum rufen: „Alerta, Alerta Antifaschista!“ Wenig später setzt Gesang ein. Das sogenannte „Buchenwaldlied“ übertönt die Rede des Ministers. Das Lied wurde 1938 von zwei Häftlingen im KZ Buchenwald geschrieben und musste auf Anweisung der SS von den Gefangenen gesungen werden.

Weimer hebt die Stimme: „Ich bitte Sie, die Würde des Tages zu beherzigen.“ Doch die Störungen gehen weiter. Gesänge, Zwischenrufe, Weimer selbst wird als „Faschist“ beleidigt. Zwischen einzelnen Besuchern kommt es zu Wortgefechten. Der Gedenktag, der an die Befreiung des Konzentrationslagers vor 81 Jahren erinnern soll, wird zum Schauplatz eines aktuellen politischen Konflikts.

Die Störer kommen nicht von außen. Es sind Mitglieder des „Thüringer Verbands der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten“ und der „Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora“. Viele von ihnen sind Angehörige ehemaliger Häftlinge. Sie hatten bereits im Vorfeld ihren Unmut darüber geäußert, dass der parteilose Weimer zum Gedenktag eine Rede hält. Hintergrund sind kulturpolitische Entscheidungen des Ministers. So wurden auf seine Anweisung hin etwa drei linke Buchläden von der Liste für den Deutschen Buchhandlungspreis gestrichen.

Demonstranten protestieren vor der Gedenkstätte

Die Kritik daran wird auch auf der Bühne formuliert. Lena Sarah Carlebach, Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, sagte mit Blick auf Minister Weimer: „Wenn Buchhandlungen ohne weitere Erklärung diskreditiert werden, dann gerät etwas ins Wanken.“ Es seien „subtile Verschiebungen“, wenn Kultur unter Verdacht gerate. Katastrophen, so Carlebach, begännen nicht mit offenen Angriffen, sondern genau mit solchen Verschiebungen.

Neben dem Tor mit der Inschrift „Jedem das Seine“ liegen zum 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald unzählige Trauerkränze. Zwei hochbetagte Überlebende sind an diesem Tag angereist: der 98-jährige Alojzy Maciak aus Polen und der 99-jährige Andrei Moiseenko aus Weißrussland. Weitere Überlebende aus Israel konnten wegen der andauernden Bombenangriffe aus dem Iran nicht teilnehmen.

Als Hape Kerkeling ans Rednerpult tritt, wird es still. Der Entertainer und Autor spricht als Enkel eines ehemaligen Häftlings. Sein Großvater Hermann war als politischer Gegner der Nationalsozialisten inhaftiert, zuletzt in Buchenwald. „Wir tragen keine Schuld an den Taten von damals“, sagt Kerkeling. „Aber wir tragen die Verantwortung für die Konsequenzen dieser Taten im Hier und Jetzt.“ Diese Erinnerung müsse auch bewahrt bleiben, wenn es irgendwann keine Zeitzeugen mehr gebe: „Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie.“

Hape Kerkeling als Enkel eines ehemaligen Häftlings hält eine Ansprache beim Festakt

Kerkeling warnt dabei vor aktuellen politischen Entwicklungen. „Wenn heute wieder Kräfte erstarken, die unsere Erinnerungskultur diffamieren, dann ist das ein Schlag ins Gesicht aller Opfer und ihrer Nachfahren“, sagt er in Hinblick auf die in Teilen offen rechtsextrem agierende AfD. Buchenwald sei eine „steingewordene Warnung“ gegen solche politischen Strömungen. Wer heute wegsehe oder jene unterstütze, die die Geschichte umschreiben wollten, mache sich mitschuldig.

Für den Jahrestag hatte die linksradikale Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ eigentlich eine Demonstration vor der Gedenkstätte angekündigt. Das Verwaltungsgericht Weimar untersagte aber die Kundgebung auf dem Gelände, die Stadt verwies die Veranstalter in die Innenstadt. Die propalästinensischen Aktivisten wollen gegen das Vorgehen Israels im Gaza-Streifen protestieren und werfen der Gedenkstätte vor, israelische Propaganda zu verbreiten.

Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner vermeidet es in seiner Rede, explizit auf diese linksradikale Gruppe einzugehen. Zwar habe es im Vorfeld Versuche gegeben, den Gedenktag für aktuelle politische Zwecke zu nutzen. Doch den Ursprung dieses Vorgangs konkret benennen will Wagner nicht. „Lassen wir nicht zu, dass diese Gruppen den heutigen Gedenktag überschatten.“

Zugleich schlägt Wagner einen grundsätzlichen Ton an. „Was vor Jahren demokratischer Konsens war, steht zunehmend unter Druck“, sagt er. Die Erinnerung an die NS-Verbrechen werde angegriffen und instrumentalisiert. „Wir erleben einen Kulturkampf gegen den Geist der Aufklärung und ein erinnerungskulturelles Rollback, ganz im Sinne neurechter Metapolitik.“ Generell sei Buchenwald ein „grundsätzlich politisch-historischer Ort, aber keine politische Bühne“.

Hintergrund der Aktion „Kufiyas in Buchenwald“ ist ein bereits seit dem Vorjahr schwelender Konflikt: Zum 80. Jahrestag der Befreiung war einer Frau der Zutritt zur Gedenkveranstaltung verweigert worden, weil sie eine Kufiya, also ein palästinensisches Halstuch, trug. Das Thüringer Oberverwaltungsgericht bestätigte später die Rechtmäßigkeit dieser Entscheidung.

Linksradikale Aktivisten auf dem Gelände der Gedenkstätte

Am Samstag waren dennoch mehrere linksradikale Aktivisten auf dem Gelände der Gedenkstätte unterwegs, was auch als Kurzvideo über die sozialen Netzwerke verbreitet wurde. Auf dem Video der propalästinensischen Gruppierung sind mehrere Menschen zu sehen, die unter anderem T-Shirts mit der Aufschrift „Von Buchenwald nach Gaza – Vom Widerstand zur Befreiung“ tragen.

Ein Sprecher der Buchenwald-Stiftung sagte im Anschluss, sie hätten „genau das getan, weswegen ihnen untersagt wurde, aufs Gelände zu kommen – nämlich Buchenwald mit Gaza verglichen“. Am Sonntag bleibt der ihnen eigentlich als Ersatzstandort zugewiesene Theaterplatz in der Weimarer Innenstadt hingegen leer. Über die sozialen Medien erklärt die Gruppe kurzfristig, dass keine Demonstration stattfindet.

Stattdessen versammeln sich auf dem wenige Meter entfernten Goetheplatz rund 200 Menschen zu einer Gegenkundgebung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Israelische Fahnen werden geschwenkt, Redner verurteilen die geplante Aktion scharf. Ihr Vorsitzender Volker Beck sagt: „Wer dem jüdischen Staat unterstellt, er wolle ein Genozid an den Palästinensern verüben, der versucht, die Geschichte umzudrehen und aus dem Staat, von der von Überlebenden der Shoah aufgebaut wurde, den Täter zu machen. Das ist absurd, das ist perfide, und das ist zutiefst antisemitisch.“

Maximilian Heimerzheim ist Volontär im Innenpolitik-Ressort.

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