Der Gründer der Berliner Sozialeinrichtung „Die Arche“, Bernd Siggelkow, kritisiert angesichts der alarmierenden Zahlen zu Gewalt von Schülern die Zustände an deutschen Schulen. Er fragt sich, ob Lehrer „künftig mit Baseballschlägern zur Schule“ müssten.
Siggelkow spricht in einem Video-Beitrag der „Arche“ über die neuesten Zahlen. Diese offenbaren, was Armut, Bildungsferne, schlechte Integration und Perspektivlosigkeit auslösten, insbesondere in den Ballungsgebieten: „Wir haben unsere Schulen nicht mehr im Griff“, resümiert Siggelkow.
Im Jahr 2003 habe er bereits vorhergesagt, dass passieren würde, was inzwischen geschehen sei: mehr und mehr Security-Kräfte an den Schulen. „Wenn wir nicht anfangen, unsere Schulen zu verändern, neue Teams in die Schulen zu schicken, dann wird die Gewaltbereitschaft immer mehr zunehmen.“ Brennpunktschulen müssten abgeschafft werden, Schulen „anders“ werden, fordert Siggelkow.
Kinder müssten geschützt werden, aber auch Lehrer: „Gerade das Thema Migration spielt eine Rolle.“ Man müsse aufpassen, dass es nicht immer mehr „knallt“, warnt er, und „dass Lehrer sich falsch verstanden fühlen, weil Kulturen vielleicht eine ganz andere Sicht auf Menschen, auf Autoritäten“ hätten. „Wir brauchen ein besseres Sicherheitssystem, aber auch ein besseres Bildungssystem, das den Kindern Perspektiven gibt.“
Eine aktuelle Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) über zehn Jahre hatte jüngst eine Zunahme von Gewalt gegen Lehrer gezeigt. Demnach stieg die Zahl der Fälle, in denen Lehrkräfte als Opfer vorsätzlicher einfacher Körperverletzung aktenkundig wurden, 2024 auf 1283 Fälle und erreichte damit einen Höchststand. In den Jahren 2015 bis 2023 meldeten die Polizeibehörden der Länder zwischen 717 und 1017 Fälle an das Bundeskriminalamt.
Ein Anstieg ist auch bei den gegen Lehrer gerichteten Straftaten zu beobachten, die in der PKS in der Kategorie Gewaltkriminalität aufgeführt werden. Dazu zählen Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff im besonders schweren Fall, Raubdelikte, Körperverletzung mit Todesfolge, erpresserischer Menschenraub und Geiselnahme sowie schwere und gefährliche Körperverletzung.
Seit 2015 hat die Zahl solcher Taten gegen Lehrkräfte kontinuierlich zugenommen – mit Ausnahme der Corona-Jahre 2020 und 2021, in denen ein leichter Rückgang zu verzeichnen war. 2015 zählte die Polizei bundesweit 268 Fälle, in denen eine Lehrkraft Opfer von Gewaltkriminalität im Sinne der Statistik wurde. 2023 wurden 477 Fälle registriert, ein Jahr später wurden 557 Fälle aktenkundig.
Lehrerverband sieht Bestätigung
Der Deutsche Lehrerverband bezeichnet den Anstieg von Gewalt gegen Lehrkräfte als „alarmierend“. Die Zahlen bestätigten, was viele Lehrkräfte seit Jahren erlebten, betont Verbandspräsident Stefan Düll. Das seien „Gewalt, Bedrohungen und Respektlosigkeit“. Düll stellt klar: „Wer Lehrkräfte angreift, greift die Schule als zentralen Ort des gesellschaftlichen Zusammenhalts an. Das dürfen wir nicht hinnehmen: Lehrkräfte haben ein Recht auf einen Arbeitsplatz ohne Gewalt.“
Die Zahlen zeigten, dass Prävention und Schutz bislang unzureichend seien: „Es reicht nicht, Gewalt zu beklagen – wir müssen handeln.“
Düll fordert mehr Prävention, Intervention und Nachsorge. „Das heißt zum Beispiel: klare rechtliche Rückendeckung für Lehrkräfte, konsequentes Eingreifen der Schulaufsicht sowie eine deutlich stärkere Präsenz von Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und externen Präventions- und Nachsorgeangeboten.“
Gespräche der Polizei mit den Kindern und Jugendlichen – sei es präventiv im Klassenverband oder nach einem Gewaltvorfall mit den Tätern – seien notwendig, auch vor der Strafmündigkeit. Düll weist auch auf einen größeren Zusammenhang hin: „Gewaltvorfälle an Schulen sind dabei auch Teil einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz mit mehr Aggressivität.“
„Als Gesellschaft müssen wir auch darüber reden, wie wir unsere Kinder erziehen und welche Vorbilder wir mit unserem eigenen Verhalten abgeben“, so der Verbandspräsident. „Gerade Eltern, Influencer, Politikerinnen und Politiker sowie andere öffentliche Persönlichkeiten tragen eine besondere Verantwortung.“
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.