Der Ex-Hells-Angel Kassra Zargaran hat kürzlich ein bemerkenswertes Interview gegeben. Im „Tagesspiegel“ packte der ehemalige Zuhälter über eine Struktur aus, die er heute als „menschenverachtend“ beschreibt. „Frauen waren für uns ‚Nutztiere‘“, sagt er. „Ich weiß durch meine Tätergeschichte, was das mit Frauen macht. Und ich kenne keine, die gesund und wirtschaftlich stabil aus diesem Geschäft ausgeschieden ist.“
Zargaran setzt sich heute für das Nordische Modell ein, also für ein Sexkaufverbot und die Bestrafung von Freiern. Er kennt die Realitäten in der Prostitution: Geschichten von Druck und Zwang, von Grenzverletzungen und dem Wunsch, den Ausstieg zu schaffen. Bordelle, in denen sich Frauen erst nach mehreren Freiern die hohen Tagesmieten leisten können und häufig keine eigene Wohnung außerhalb des Bordells haben.
Die Realität ist auch, dass viele Frauen durch Täuschungen in den Sexhandel gebracht, Schulden abarbeiten müssen und dabei körperlich wie seelisch zerstört werden. Dass es in der Armuts- und Drogenprostitution keine Preisgrenze nach unten gibt, dass Frauen in vielen Bordellen nach rassistischen Kriterien bezahlt werden.
Der Alltag von Frauen in der Prostitution ist in der Regel von Gewalt, Armut, der Abhängigkeit von Alkohol oder anderen Drogen, Dissoziation, Traumata, der Sorge vor ungewollten Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten geprägt, von der Verflechtung mit inländischen und internationalen kriminellen Banden.
Geht es nach dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV), der größten Journalistenorganisation Europas, sollen diese Realitäten nicht mehr benannt werden. Gemeinsam mit dem Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen, einem Lobbyverband der Sexindustrie, hat der DJV bereits im September des vergangenen Jahres eine Handreichung herausgegeben, mit „Tipps für Medienschaffende, die über Sexarbeit berichten“.
Bereits die ersten Absätze dieser Kolumne würden den Kollegen wohl als Beispiel für vermeintlich diskriminierende Berichterstattung gelten. Zuhälter sollte man lieber als „Betreiber oder Betreiberin“ bezeichnen, Ausstieg „wertfreier“ als „Umstieg“, heißt es in der Broschüre. Lobby sei ein „Kampfbegriff“ und diene der „moralischen Abwertung legitimer Interessenvertretungen und anderer Menschen in der Branche“. An einer anderen Stelle zitiert die Handreichung gar ohne Einordnung aus einem Podcast die Sätze „Sexarbeit ist nicht das Problem. Sondern die Lösung“.
Der Journalistenverband fordert seine Mitglieder auf, die brutale Realität der Prostitution schönzureden. Das passiert schon mit dem Begriff „Sexarbeit“, der die skandalösen Zustände zudeckt, statt sie zu beleuchten. Es ist ein Begriff, den viele Überlebende der Sexindustrie als beleidigend empfinden und den nur ein kleiner Teil der Frauen in der Prostitution selbst verwendet.
Dann wäre Catcalling Jobangebot, nicht Belästigung
Die Verklärung als „Sexarbeit“ ist ein Segen für Menschenhändler. Denn letztlich profitieren von der Idee, Prostitution sei Arbeit und nicht sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt, organisierte Kriminelle, die durch die Ausbeutung von marginalisierten und schutzbedürftigen Frauen hohe Profite erzielen. Diese frauenfeindliche Ausbeutung wird so als legitimes Geschäft verschleiert.
Hierzulande ist der Versuch, Prostitution als normale Arbeit zu etablieren, katastrophal fehlgeschlagen. Deutschland wurde durch die liberale Gesetzgebung zum Bordell Europas. Natürlich gibt es auch Frauen, die für sich beanspruchen, einer selbstbestimmten Tätigkeit nachzugehen. Für die meisten gilt allerdings das Gegenteil. Sie werden in sklavenähnlichen Verhältnissen gehalten. Das Leiden der Vielen sollte in der Debatte höher gewertet werden als die freie Berufswahl der Wenigen.
„Sexarbeitende verkaufen ihre Körper nicht, ebenso wenig wie Physiotherapeut:innen oder Masseur:innen“, heißt es in der Handreichung weiter. „Sexarbeitende bieten eine sexuelle Dienstleistung an, die sie im vereinbarten Rahmen umsetzen.“
Für die Autorin, Aktivistin und ehemalige Prostituierte Huschke Mau ist der Begriff der sexuellen Dienstleistung ein Euphemismus. „Prostitution heißt, den intimsten Bereich zu verkaufen, den man als Mensch hat. Das macht etwas mit einem Menschen“, schreibt sie in ihrem Buch „Entmenschlicht“.
Bei Altenpflegerinnen und Fußpflegerinnen gehe es nicht darum, wie ihr Körper dabei aussehe – im Gegensatz zur Prostitution. Mau zitiert aus Freierforen, in denen Männer explizit ausführen, einen bestimmten Körper zu wollen: jung oder alt, dick oder dünn, rasiert oder nicht, mit großen Brüsten oder kleinen.
„Wenn Prostitution eine Dienstleistung wäre, müsste ihnen das egal sein“, schreibt sie. „Denn wenn sie einen Blowjob kaufen, dann müsste es ja nur darum gehen, dass der- oder diejenige, der oder die ihn ausführt, das gut kann, oder? Dann müsste es ihnen egal sein, ob ein männlicher Rentner das tut oder jemand anderes, aber dem ist eben nicht so. Prostitution ist also keine Dienstleistung, sondern das Mieten eines Frauenkörpers auf Zeit.“
Wäre Prostitution ein Beruf wie jeder andere, wäre Catcalling keine sexuelle Belästigung, sondern ein Jobangebot.
Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“. Dies ist die 37. Ausgabe seiner zweiwöchentlich erscheinenden Kolumne „Gegenrede“.
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