Wenn Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) diesen Montagmorgen die neue Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) vorstellt, kann er zunächst Positives verkünden: Die Kriminalität in Deutschland ist 2025 deutlich gesunken. Doch der Teufel steckt, wie so oft, im Detail. WELT kennt den Bericht bereits und hat ihn analysiert.
Der Rückgang hat vor allem einen statistischen Grund: die Teillegalisierung von Cannabis im April 2024. Sie sorgt dafür, dass deutlich weniger Drogendelikte erfasst werden und drückt so die Gesamtzahlen nach unten. Insgesamt registrierte die Polizei rund 5,5 Millionen Straftaten, ein Minus von 5,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Konkret heißt das: Die Gesamtzahl ist mit denen der Vorjahre nur eingeschränkt vergleichbar. Die Aufklärungsquote liegt für Straftaten insgesamt bei 57,9 Prozent (2024: 58,0 Prozent).
Auch bei der Gewaltkriminalität zeigt sich auf den ersten Blick ein Rückgang. Die Zahl der Delikte sank leicht um 2,3 Prozent. Allerdings: Bei besonders schweren Taten geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung.
So stieg die Zahl der Fälle von Mord und Totschlag um 6,5 Prozent. Noch deutlicher fiel der Anstieg bei Vergewaltigungen und besonders schweren sexuellen Übergriffen aus. Hier verzeichneten die Behörden ein Plus von 8,5 Prozent. Auch der sexuelle Missbrauch von Kindern nahm weiter zu.
Hinzu kommt ein weiterer Trend, der Experten zunehmend Sorgen bereitet: Die Tatverdächtigen werden jünger. Zwar ist die Jugendkriminalität insgesamt rückläufig, doch bei Kindern zeigt sich ein gegenläufiger Trend. In dieser Altersgruppe stieg die Gewaltkriminalität um 3,3 Prozent, wenn auch weniger stark als im Vorjahr.
Für den Anstieg der Gewaltkriminalität bei Kindern und Jugendlichen nennt der Bericht mehrere mögliche Ursachen. So habe die psychische Belastung in dieser Altersgruppe in den vergangenen Jahren zugenommen, etwa durch wachsende Zukunftsängste angesichts mehrerer Krisen. Gleichzeitig spielen digitale Einflüsse eine immer größere Rolle. Jugendliche verbringen viel Zeit im Internet und in sozialen Netzwerken.
Auffällig ist zudem, wo die Gewalt stattfindet. Sie ereignet sich besonders häufig im öffentlichen Raum. Knapp ein Drittel der Fälle wird auf Straßen, Wegen oder Plätzen registriert. Ein weiterhin erheblicher Teil spielt sich im privaten Umfeld ab, etwa jede fünfte Straftat findet in Wohnungen statt.
Der Blick auf die längerfristige Entwicklung relativiert den aktuellen Rückgang zusätzlich. Im Vergleich zu 2019, dem letzten Vor-Corona-Jahr, ist die Gewaltkriminalität deutlich gestiegen: um 17,3 Prozent auf mehr als 212.000 Fälle. Besonders stark fällt der Anstieg bei Sexualdelikten aus: Vergewaltigungen und besonders schwere sexuelle Übergriffe nahmen seitdem um mehr als 50 Prozent zu. Gefährliche und schwere Körperverletzungen legten deutlich zu, ebenso Raubdelikte. Die Zahl tatverdächtiger Jugendlicher liegt weiterhin mehr als 20 Prozent über dem Niveau von 2019.
29.000 Messerstraftaten erfasst
In einem kleineren Teil der Fälle steht Gewalt im Zusammenhang mit konkreten Ereignissen. Bei gut sechs Prozent der Delikte wurde ein solcher Bezug erfasst. Dabei dominieren kulturelle Veranstaltungen wie Volksfeste oder Konzerte, gefolgt von Vorfällen im schulischen Umfeld.
Ein besonderer Fokus liegt weiterhin auf Messerangriffen. Darunter versteht die Statistik Fälle, in denen ein Messer unmittelbar gegen eine Person eingesetzt oder damit gedroht wird, nicht das bloße Mitführen. Insgesamt wurden 2025 etwa 29.000 solcher Taten registriert, ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Etwa die Hälfte entfällt auf klassische Gewaltkriminalität, fast ebenso viele auf Bedrohungen.
Besonders hoch ist der Anteil von Messern bei schweren Gewalttaten. Bei Mord und Totschlag kommt in rund vier von zehn Fällen ein Messer zum Einsatz, das ist deutlich häufiger als bei anderen Delikten.
Ein Blick auf die Tatverdächtigen zeigt deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen. Gemessen an der sogenannten Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) – also Tatverdächtigen pro 100.000 Einwohner – liegt die Belastung nichtdeutscher Tatverdächtiger in allen Altersgruppen mindestens doppelt so hoch wie bei deutschen.
Demnach lag die TVBZ nichtdeutscher Tatverdächtiger 2025 insgesamt bei 4.788, die der deutschen bei 1.813. Damit ist die Belastung nichtdeutscher Personen insgesamt um den Faktor 2,6 höher. Der Abstand zieht sich durch alle Altersgruppen und Geschlechter. Am deutlichsten wird ds bei jungen Männern. Bei den männlichen Jugendlichen liegt die TVBZ der Nichtdeutschen bei 13.811, bei den deutschen Vergleichspersonen bei 6.118. Auch bei männlichen Heranwachsenden bleibt der Abstand groß: 12.297 zu 5.762.
Für diese Unterschiede nennt der Bericht mehrere Erklärungsansätze. Eine Rolle spielten demnach demografische Faktoren, etwa der höhere Anteil junger Männer. Hinzu kämen soziale Belastungen, schwierige Lebensbedingungen und Gewalterfahrungen, insbesondere bei Migranten. Auch sogenannte gewaltlegitimierende Einstellungen – also die Akzeptanz von Gewalt unter bestimmten Umständen – könnten laut Studien eine Rolle spielen.
Im Bereich der Gewaltkriminalität zeigt sich eine noch größere Differenz: Hier liegt die TVBZ der nichtdeutschen Tatverdächtigen bei 628, die der deutschen bei 158. Die Belastung ist also um den Faktor 4,0 höher. Auch hier sticht eine Gruppe besonders hervor: Die TVBZ der nichtdeutschen männlichen Jugendlichen beträgt 3.710. Demgegenüber steht die Zahl der deutschen männlichen Jugendlichen: 1.070. Bei männlichen Heranwachsenden liegen die Werte bei 2.698 zu 942, bei männlichen Erwachsenen bei 808 zu 194.
Bei den Herkunftsstaaten dominieren unter den nichtdeutschen Tatverdächtigen zahlenmäßig Staatsangehörige aus der Türkei mit 79.205 Personen, gefolgt von denen aus Syrien mit 76.755 und aus Rumänien mit 65.556. Danach folgen die Ukraine mit 56.909, Polen mit 45.513 und Afghanistan mit 40.461; anschließend Bulgarien, Serbien und Irak. Diese Rangliste zeigt allerdings nur die absoluten Fallzahlen, nicht die Belastung im Verhältnis zur jeweiligen Bevölkerungsgröße in Deutschland. Sie sagt also, aus welchen Nationalitäten besonders viele Tatverdächtige stammen, aber nicht automatisch, welche Staatsangehörigkeiten im statistischen Verhältnis am stärksten belastet sind.
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