Inhalt des Artikels:
- Deutschland im europäischen Vergleich mit Krankenhäusern überversorgt
- Krankenhausreform führt zu Krankenhaus-Schließungen
- Beispiel Dänemark: Mehr Zentralisierung, weniger Todesfälle
- Mehr kostspielige Operationen als in anderen Ländern
- Lebenserwartung geringer, vermeidbare Sterblichkeit im europäischen Vergleich
Deutschland im europäischen Vergleich mit Krankenhäusern überversorgt
Zahlen der aktuellen OECD-Studie "Health at a Glance 2025" zeigen, dass Deutschland mit 7,7 Krankenhaus- und Reha-Betten auf 1.000 Einwohner im europäischen Vergleich überversorgt ist. In Frankreich zum Beispiel liegt die Quote bei 5,4 Betten, in Italien und Spanien bei jeweils drei Betten. Die Niederländer und Dänen kommen sogar nur mit 2,3 Betten pro 1.000 Einwohner aus.
Der Gesundheitsökonom Reinhard Busse ist Mitglied der Regierungskommission für die Krankenhausreform. Für ihn kostet die Überversorgung nicht nur unnötig viel Geld, sondern verschlechtert auch die medizinische Qualität, weil die zu vielen Häuser um das notwendige Personal ringen. "Wenn ich Patienten mit Herzinfarkt behandle, dann brauche ich einen Herzkatheter, einen Radiologen, Pflegepersonal, was damit umgehen kann, Wir haben eigentlich genug Personal. Wir verdünnen das nur über zu viele Krankenhäuser, die diese Behandlung machen", erklärt er gegenüber dem ARD-Magazin Plusminus. Das verschärfe die Versorgungslage für den Patienten sogar. "Entweder er landet in einem Krankenhaus, was keinen Herzkatheter hat. Aber selbst die, die einen Herzkatheter haben, sind oftmals nicht auf dem 24/7 Betrieb ausgerichtet", so Busse weiter.
Krankenhausreform führt zu Krankenhaus-Schließungen
Einigen Krankenhäusern in Deutschland droht derzeit die Schließung. Eines davon ist das KMG Klinikum Nordbrandenburg am Standort Wittstock. Mit seiner Kardiologie mit Herzkatheterlabor hilft es auch Menschen mit Herzinfarkten, bei denen jede Sekunde bei der Behandlung zählt. Jedoch hätte das Klinikum zu wenig Fachabteilungen, um nach der Krankhausreform zukunftsfähig zu sein. Als der private Betreiber die Schließung für Ende des Jahres ankündigte, kam es zu massiven Protesten.
Bürger und Lokalpolitiker fürchten eine Verschlechterung der Versorgung vor Ort. Der Vorstandsvorsitzende der Krankenhauskette, Stefan Eschmann, sieht diese Gefahr nicht, wie er aktuell gegenüber dem ARD-Magazin Plusminus erklärt: "Ich verstehe jeden Menschen vor Ort, der Sorge hat, dass Versorgung, die bis jetzt da war, wegfällt. Auf der anderen Seite muss man gucken: Was ist wirklich medizinisch notwendig und was ist bedarfsgerecht?" Er betont, dass er davon ausgehe, dass auch in Zukunft "sämtliche Hilfsfristen vor Ort" eingehalten würden.
Der private Anbieter hat noch weitere Krankenhäuser in unmittelbarer Nähe, wie in Pritzwalk. In diese Klinik sollen künftig die Abteilungen aus Wittstock umziehen. Ein paar Kilometer weiter in Kyritz gibt es noch ein Krankenhaus. Es hat sogar einen eigenen Landeplatz und soll ebenso vergrößert werden. Hinzu kommen noch ein städtisches Krankenhaus in Perleberg und eine Uniklinik in Neuruppin. Das heißt: Selbst, wenn das Krankenhaus in Wittstock schließt, eine Unterversorgung ist in der Region eher nicht zu erwarten.
Beispiel Dänemark: Mehr Zentralisierung, weniger Todesfälle
Anders als Deutschland hat Dänemark seine Krankenhausversorgung schon vor Jahrzehnten umgekrempelt. Viele kleine Krankenhäuser wurden geschlossen, zugunsten großer Spitzenkliniken. Die Spezialklinik in Gødstrup entstand so durch den Zusammenschluss von fünf Häusern und versorgt jetzt die größte Region stationär wie auch ambulant. "Der allergrößte Vorteil der Zentralisierung ist die gebündelte Fachkompetenz. Denn je öfter eine bestimmte Operation oder Behandlung in einem Haus durchgeführt wird, um so höher ist die Qualität, weil dadurch eine höhere Kompetenz und Sicherheit beim medizinischen Personal erreicht wird", sagt Krankenhausdirektor Lasse Hansen gegenüber dem ARD-Magazin Plusminus.
Durch die Zentralisierung könne zudem die Notfall-Versorgung rund um die Uhr, auch am Wochenende, gewährleistet werden. Patienten mit längeren Entfernungen werden mit dem Helikopter in die Klinik gebracht. "Bei uns waren die Patienten anfangs auch skeptisch und haben sich Sorgen gemacht, ob eine Versorgung ohne das Krankenhaus um die Ecke gut funktioniert, aber mittlerweile ist das überwunden. Unsere Patienten schätzen die gestiegene Qualität", so Lasse Hansen.
Länder wie Dänemark könnten also Vorbild für Deutschland sein. Trotz viel weniger Krankenhäuser gibt es eine höhere Qualität bei der Versorgung. So sterben in Deutschland nach dem OECD-Bericht für Deutschland von 2025 etwa acht von 100 Patienten nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus, in Dänemark sind es dagegen nur vier. Die Sterblichkeit nach Herzinfarkt ist hierzulande also fast doppelt so hoch wie in Dänemark. Reinhardt Busse hat eine Professur für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin inne und sieht im System begründet eine mangelnde Ausstattung für dann nötige Behandlung. "Wir lassen halt zu, dass Patienten in jedem Gebäude, wo Krankenhaus draufsteht, behandelt werden", erklärt er. Die Krankenhäuser seien dann mitunter aber nicht so aufgestellt, dass sie Patienten mit "Herzinfarkt, Schlaganfällen oder Krebserkrankungen adäquat behandeln können", schätzt er gegenüber dem ARD-Magazin Plusminus ein. "Und damit ist die Qualität für den einzelnen Patienten häufig niedriger, als sie eigentlich sein könnte", bilanziert er weiter.
Eine stärkere Spezialisierung und höhere Standards strebt nun auch das Bundesgesundheitsministerium an. Auf Plusminus-Anfrage schreibt es, das Ziel sei, "dass nicht jedes Krankenhaus zukünftig jede Behandlung wird anbieten können, wie es bisher der Fall war. Dies soll eine patientengefährdende Gelegenheitsversorgung ausschließen."
Mehr kostspielige Operationen als in anderen Ländern
Eine weitere negative Folge der hohen Bettendichte in Deutschland ist, dass hier viel häufiger operiert wird als in anderen Ländern. Ein Beispiel sind Hüft-OPs: In Deutschland erfolgt diese 351 Mal pro 100.000 Einwohner, im internationalen Vergleich nur etwa 172 Mal. In Deutschland werden also im Verhältnis zur Bevölkerung doppelt so viele Hüftgelenke eingesetzt wie im Durchschnitt der OECD-Länder.
Über zu viele und auch unnötige Operationen hat Philipp Roth, Orthopäde und Fachanwalt für Medizinrecht, bereits ein Buch geschrieben. Die Ursachen sieht er in falschen finanziellen Anreizen, wie er erklärt: "Das Abrechnungssystem ist so ausgelegt, dass primär Operationen bezahlt werden und konservative Leistung in der Regel nicht. Ein Krankenhaus, das wirtschaftlich funktionieren muss, muss deswegen viel operieren. Das ist eine falsche Voraussetzung für ein Krankenhaus. Das soll medizinische Versorgung leisten und nicht primär einfach medizinisch operieren, nur um überleben zu können."
Arzt kritisiert unnötige Empfehlungen von Kollegen
Als Opfer dieses Systems sieht sich auch Susanne Rücker-Klapper. Seit einer Operation an der Halswirbelsäule ist sie zu 60 Prozent schwerbehindert. Sie hat ständig Schmerzen, Gleichgewichtsstörungen, die linke Hand verkrampft sich regelmäßig. Nach der OP hatte sich ein Ödem gebildet, das auf das Rückenmark drückte und Lähmungen verursachte. Ein Jahr lang war sie arbeitsunfähig.
Dass die OP schiefgelaufen war, ahnte sie schon, dass diese überhaupt nicht nötig war, erfuhr sie erst im Gerichtsverfahren. Laut Gutachten bestand "keine dringliche Indikation für die Operation, da weder Lähmungserscheinungen vorlagen noch eine konservative Therapie erfolgte“. Ihr Arzt habe ihr damals nach einem Bandscheibenvorfall dringend zu einer Operation geraten. Er habe dies begründet mit den Worten: "Eine falsche Bewegung im Bett und Sie können querschnittsgelähmt sein", berichtet sie dem ARD-Magazin Plusminus.
Plusminus hat einen Arzt getroffen, der es immer wieder erlebe, dass Patienten zu Operationen gedrängt werden, ohne dass diese notwendig sind. Er will anonym bleiben. Der Name ist der Redaktion bekannt. "Es gab keinen Grund, diese Patientin zu operieren. Da kann man nur mutmaßen, aber der naheliegende Grund sind natürlich finanzielle Gründe", betont der Mediziner. Das Anreizsystem in Deutschland sei prekär, da "technische Leistungen", und damit auch Operationen, deutlich besser vergütet würden als die konservative Medizin mit Therapien und Medikamenten.
Gesundheitsexperten fordern Abschaffen falscher finanzieller Anreize
Gesundheitsexperten der Bertelsmann Stiftung wie Marion Grote-Westrick fordern schon lange, falsche Anreize im Gesundheitssystem abzubauen. "Um die Überversorgung abzubauen, kann man zum Beispiel schauen, dass man Zweitmeinungsverfahren verpflichtend macht", sagt sie dazu gegenüber dem ARD-Magazin Plusminus. Mehr Digitalisierung bei den Verwaltungsprozessen könne helfen, "die Versorgung besser, qualitätsorientiert zu steuern". Auch die Vergütung müsse angepasst werden, so die Gesundheitsexpertin, "weg von zu viel Menge hin zu mehr Qualität".
Und hier soll sich auch etwas tun in Deutschland: Um unnötige Operationen zu vermeiden, plant das Gesundheitsministerium für bestimmte Eingriffe "die Einführung eines Abrechnungsverbotes, wenn der Versicherte nicht vor dem Eingriff eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung [...] eingeholt hat". Das hat eine Anfrage von Plusminus ergeben.
Lebenserwartung geringer, vermeidbare Sterblichkeit im europäischen Vergleich
Viel Geld im Gesundheitswesen führt nicht automatisch zu einer höheren Lebenserwartung. Das zeigen folgende Zahlen: Obwohl Deutschland teilweise doppelt so viel pro Kopf ausgibt, ist die Lebenserwartung mit etwa 81 Jahren geringer als in Frankreich, Italien und Spanien. Die Spanier werden sogar drei Jahre älter, obwohl sie im Vergleich zu Deutschland ungefähr die Hälfte für Gesundheit ausgeben, im Vergleich zu Deutschland.
Aber auch bei der sogenannten vermeidbaren Sterblichkeit schneidet Deutschland am schlechtesten ab. So sterben pro 100.000 Einwohner hierzulande 248 Menschen, obwohl diese durch Behandlung oder Prävention hätten vermieden werden können. Spanien mit 185, Italien mit 170 und Frankreich mit 162 stehen auch hier besser da. Das heißt: In Deutschland sterben im Verhältnis mehr Menschen an vermeidbaren Ursachen und das obwohl hier die Ausgaben am höchsten sind. Angesichts dieser Zahlen könnte sich für deutsche Gesundheitspolitiker ein Blick über die Grenzen durchaus lohnen.
MDR (cbr)
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