Es war nicht das erste Mal seit Beginn des Iran-Kriegs, dass Friedrich Merz laute Kritik an Donald Trump übte. „Die Amerikaner haben offensichtlich keine Strategie“, sagte der Bundeskanzler am Montag vor Schülern im nordrhein-westfälischen Marsberg. Die USA würden „gedemütigt durch die iranische Staatsführung, vor allem durch diese sogenannten Revolutionsgarden“.
Merz stellt seine Innenpolitik öffentlich über das Verhältnis zum US-Präsidenten. Doch anders als der britische Premierminister Keir Starmer und dessen spanischer Amtskollege Pedro Sánchez kommt der deutsche Kanzler mit seinen Kommentaren davon. Denn hinter Washingtons harter Kante gegenüber den eigenen Nato-Verbündeten steckt mehr als nur die Verärgerung über die ablehnende Haltung in Sachen Iran-Krieg.
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Das Weiße Haus und insbesondere das Pentagon schauen auf die langfristige Bereitschaft der europäischen Nato-Alliierten zur Steigerung der nationalen Verteidigungsbudgets. Und da bleiben sowohl Briten als auch Spanier hinter den Erwartungen zurück – anders als Deutschland, das die Trump-Administration zu seinem Musterschüler erkoren hat.
„Deutschland ist wahrscheinlich der Verbündete, mit dem wir am engsten zusammenarbeiten. Deutschland hat gewissermaßen den Rubikon überschritten“, sagt ein hoher Vertreter des US-Kriegsministeriums im Gespräch mit WELT. „Wenn man weniger abhängig von den Vereinigten Staaten werden und zugleich die transatlantische Allianz stärken will, muss man das tun, was Deutschland tut.“ Nun sei die Aufgabe, „auf möglichst kooperative und konstruktive Weise“ mögliche Lücken in Bezug auf militärische Fähigkeiten zu schließen.
Vergangene Woche hatte Berlin eigens Staatssekretär Géza von Geyr nach Washington geschickt, um dem US-Außenministerium und dem Pentagon die „Gesamtkonzeption militärische Verteidigung“ vorzustellen. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte die erste Militärstrategie in der Geschichte der Bundesrepublik nur einen Tag zuvor im Bendlerblock präsentiert. Diese Woche reist Generalinspekteur Carsten Breuer für Gespräche nach Washington.
Elbridge Colby, als Under Secretary for Policy höchster ziviler Berater von Kriegsminister Pete Hegseth, lobte das deutsche Strategiepapier. „Deutschland übernimmt eine Führungsrolle. Nach Jahren der Abrüstung fährt Berlin seine Anstrengungen deutlich hoch“, schrieb Colby auf X. Die deutsche Militärstrategie stehe für einen klaren und glaubwürdigen Kurs Richtung „Nato 3.0“. Mit letzterem Konzept meint Colby, der maßgeblich die aktuelle Nationale Verteidigungsstrategie der USA verfasst hat, ein neues Kapitel für die Allianz.
Mitte Februar hatte Colby bei einem Nato-Treffen in Brüssel erklärt, dass „Europa ab jetzt vorrangig die Verantwortung für seine konventionelle Verteidigung übernehmen muss“. Die Vereinigten Staaten hingegen würden „jene Schauplätze und Herausforderungen“ priorisieren, bei denen „nur amerikanische Macht eine entscheidende Rolle“ spielen könne. Dies sei strategischer Pragmatismus und „macht uns alle stärker und sicherer“.
USA erhöhen Druck auf Nato-Partner
Hinter dem ausdrücklichen Lob der Deutschen steckt ein Muster. Das Pentagon fordert seit geraumer Zeit auch von seinen Verbündeten im indopazifischen Raum stärkere Anstrengungen, will heißen: mehr Geld für die eigene Verteidigung – und das mit Hinweis auf die Fünf-Prozent-Verpflichtung der europäischen Nato-Staaten. Dasselbe Muster findet sich nun in Europa wieder, wo die USA aus Sicht vieler Europäer die Verbündeten gegeneinander auszuspielen suchen. Beim EU-Gipfel in Zypern vergangene Woche stellten sich Berlin, Rom und andere Regierungen demonstrativ hinter Spanien.
Spanien ist für die US-Administration ein rotes Tuch, seitdem Madrid beim Nato-Gipfel in Den Haag im Sommer 2025 nicht bei der Erhöhung des Beitrags auf fünf Prozent mitmachen wollte. Weil Premier Sánchez dem US-Militär die Nutzung der Stützpunkte und die Überflugrechte für den Iran-Einsatz verwehrt, erwägt die Trump-Regierung laut einem Reuters-Bericht vom Freitag eine Aussetzung der Mitgliedschaft in dem Verteidigungsbündnis.
Auch Großbritannien soll wegen der aus Trumps Sicht fehlenden Unterstützung bestraft werden: Washington sei dabei, seine Haltung zum britischen Anspruch auf die Falklandinseln zu überdenken, zitierte Reuters aus internen E-Mails, deren Authentizität vom Pentagon nicht dementiert wurde. London reagierte ungewöhnlich heftig und erklärte umgehend, die Souveränität über die Inseln liege beim Vereinigten Königreich.
Wie ernst Trumps Drohungen sind, bleibt abzuwarten. Der US-Präsident kann beispielsweise kein Nato-Mitglied eigenhändig ausschließen, weil der Nato-Vertrag dazu keine juristische Grundlage bietet. Dass der Druck der US-Administration eher wachsen wird, bestätigte der Pentagon-Vertreter WELT: „Präsident Trump war sehr deutlich. Verteidigungsminister Hegseth war ebenfalls deutlich. Wir haben ein ernstes Problem. Deshalb wird es für uns innerhalb der Regierung wichtig sein, dem Präsidenten und dem Minister Optionen vorzulegen, wie wir das vermitteln und klarmachen können.“ Gleichzeitig sehe Washington darin eine Chance, den Übergang zu einer stärkeren und nachhaltigeren Nato zu beschleunigen.
Stefanie Bolzen berichtet für WELT seit 2023 als US-Korrespondentin aus Washington, D.C. Zuvor war sie Korrespondentin in London und Brüssel.
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