Ein 45-jähriger britischer Staatsbürger hat am Mittwoch im Londoner Stadtteil Golders Green, einem Viertel mit großer jüdischer Gemeinde, gezielt zwei jüdische Männer mit einem Messer attackiert. Der Mann sei die Straße entlanggerannt und habe dabei Juden angegriffen, teilte die Metropolitan Police mit. Die Opfer im Alter von 76 und 34 Jahren schweben nicht in Lebensgefahr. Der Angreifer wurde nach Attacken auf Polizeibeamte mit einem Elektroschocker überwältigt. Die Behörden stufen die Tat als Terrorakt ein.

Nach Angaben von Polizeichef Mark Rowley war der ‌Verdächtige bereits wegen schwerer Gewalttaten und psychischer Erkrankungen bekannt. Die Ermittler prüfen zudem eine Verbindung zu einem weiteren Vorfall in Südost-London am selben Tag.

Die pro-iranische Organisation Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiyya (Hayi) reklamierte die Tat für sich. Diese Gruppe hatte sich bereits zu mehreren Brandanschlägen in London und Europa bekannt. Zuletzt warnte auch der deutsche Verfassungsschutz vor weiteren Attacken, womöglich auch mit Sprengstoff, der Gruppe.

Rowley erklärte, die Polizei untersuche, ob Personen von ausländischen ‌Organisationen für Gewalttaten bezahlt würden.

Am Tatort forderte eine Menschenmenge Rowleys Rücktritt mit Rufen wie „Sie haben versagt“. Der israelische Staatspräsident Isaac Herzog warnte, es sei gefährlich geworden, sich in London als Jude zu erkennen zu geben.

Premierminister Keir Starmer versprach zusätzliche Mittel für die Sicherheit jüdischer Einrichtungen. London hatte erst am Dienstag ‌den iranischen Botschafter wegen „inakzeptabler“ Äußerungen einbestellt. ‌Im vergangenen Monat nahm die Polizei mehr als 24 Personen im Zusammenhang mit Angriffen auf jüdische Ziele fest, darunter Brandstiftungen ‌an Krankenwagen in jüdischen Vierteln.

Experte warnt vor Eskalation

Terrorismusexperte Peter Neumann hält nach dem Anschlag in London auch eine Eskalation in Deutschland für möglich. Die Anschläge folgten einer Vorgehensweise, „die wir von den iranischen Revolutionsgarden seit vielen Jahren kennen“, sagte Neumann der Nachrichtenagentur AFP. Der Iran sende damit ein „klares Signal“: Teheran wolle zeigen, dass es „bei einer Verschärfung der Lage im Iran-Krieg noch weiter eskalieren könnte“.

Angesichts der großen Verunsicherung in jüdischen Gemeinden in Europa reiche es aus iranischer Perspektive derzeit „wahrscheinlich aus, den Leuten Angst und Schrecken einzujagen“, sagte Neumann. Zugleich gebe Teheran zu verstehen, dass diese Anschläge „nicht nur nachts oder frühmorgens, sondern auch tagsüber verübt werden könnten – und dann würden eben Menschen sterben“. Die deutschen Sicherheitsbehörden sieht der Experte in der Pflicht, nun zügig zu handeln.

Die kürzlich aufgetauchte Gruppe Hayi war Neumann zufolge „bis jetzt überhaupt nicht bekannt“. Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar hatte es eine Reihe von Brandstiftungen und weiteren Anschlägen in London, Paris, Belgien, den Niederlanden und auch in München gegeben, die der Gruppe zugeschrieben werden.

„Die Ziele sind klar: jüdische Communities, Synagogen, israelische Botschaften, iranische Dissidenten und Amerika“, sagte der Islamismus- und Terrorismusexperte. So habe es neben Angriffen auf jüdische, israelische und US-Ziele auch „einen versuchten Anschlag auf die Muttergesellschaft des iranischen Oppositionssenders Iran International“ in London gegeben, führte Neumann an.

Dabei verübten die iranischen Revolutionsgarden diese Anschläge „nicht direkt“. Stattdessen heuerten sie im Internet Menschen gegen Bezahlung an – meist aus dem kriminellen Milieu. Unter den bislang Festgenommenen waren laut Neumann „Jugendliche, Zwanzigjährige, aber auch Personen in den 50ern“. Keiner von ihnen sei „als Islamist oder Iran-Unterstützer“ bekannt gewesen.

Die Nervosität innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Großbritannien sei derzeit „extrem hoch, weil wir sehen, dass im Prinzip fast jede Woche etwas passiert“, sagte Neumann. Dies sei „auch die Absicht“ des Iran. Teheran wolle zeigen: „Wir sind in der Lage, wir sind überall – sogar an der Synagoge im belgischen Lüttich, die keiner auf dem Schirm hat.“

Aus Sicht des Experten deuten zwar alle Indizien auf Steuerung aus dem Iran hin, darunter Logo, Bekennervideos, Zeitpunkt, Ziele und Vorgehensweise der Hayi. Dass es aber im Iran selbst „keinen rauchenden Colt“ gebe, der Teheran eindeutig als Drahtzieher dieser Angriffe ausweist, sei „natürlich beabsichtigt“. Durch diese Art des Vorgehens könne sich der Iran immer auf „plausible Verneinung“ berufen.

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