Wenn sich am 1. Mai gegen 18 Uhr der Demonstrationszug vom Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg in Bewegung setzt, beginnt für die Berliner Polizei der kritischste Moment des Tages. Die Mobilisierung für die linksradikale 18-Uhr-Demonstration sei in diesem Jahr „breiter und schärfer“ ausgefallen, sagt der für den Einsatz zuständige Polizist Stephan Katte. Vor allem die klassische Antifa trete wieder stärker in den Vordergrund. Nach Jahren, in denen andere Spektren den Zug prägten, sprechen Beobachter von einer Rückkehr zu vertrauten Mustern.
Für die Linksextremisten heiße das: „Back to the Roots“, zurück zu den Ursprüngen. Der Aufzug führt vom Oranienplatz durch Kreuzberg und Neukölln bis zum Südstern. Offiziell sind rund 1000 Teilnehmer angemeldet. Intern rechnet die Polizei jedoch mit deutlich mehr: Im Verlauf des Abends könnte die Teilnehmerzahl bis auf 10.000 steigen.
Neben klassischen linken Themen wie „Antirepression“ und „Kapitalismuskritik“ prägen in diesem Jahr vor allem antimilitaristische Positionen das Bild. So wird auch gegen die Wehrpflicht mobilisiert. Gleichzeitig gewinnen seit Jahren internationale Themen – etwa Gaza und Iran – sowie Klimaproteste zunehmend an Gewicht.
Innerhalb des Aufzugs rechnen die Behörden mit einer klar aufgeteilten Blockstruktur. Zentral ist ein sogenannter „antiautoritärer Block“, getragen unter anderem von Gruppen wie der „Interventionistischen Linken“ oder der linksextremen Anti-Kohle-Bewegung „Ende Gelände“. Daneben wird ein klassischer Antifa-Block erwartet. Die Polizei rechnet mit Vermummung und dem Einsatz von Pyrotechnik.
Auch ein anarchistischer „Schwarzer Block“ wird in diesem Jahr erwartet. Polizeipräsidentin Barbara Slowik warnte zugleich auch vor der Signalwirkung einzelner Aktionen: „Linksextremismus setzt auch Zeichen, das haben wir beim Stromausfall in Berlin gesehen.“
Hinweise auf gezielte, geplante Gewaltaktionen liegen laut Polizei derzeit jedoch nicht vor. Gleichwohl stuft die Polizei den Aufzug als störanfällig ein. Insbesondere aus einzelnen Blöcken heraus könne es lageabhängig zu Angriffen auf Einsatzkräfte kommen. Einsatzleiter Katte sagte, dass die Polizei ihr Konzept zur Begleitung des Aufzuges lageabhängig anpassen werde.
Ein Reizthema wird auch die nächtliche Schließung des Görlitzer Parks sein, der allerdings am 1. Mai offen bleiben soll. Seit März gelten dort nächtliche Schließzeiten, die im Vorfeld bereits zu Sachbeschädigungen an Toranlagen geführt haben. Zudem kursieren nach Polizeiangaben nachgemachte Schlüssel, mit denen sich Zugänge öffnen lassen könnten. Entlang der Demonstrationsstrecke sollen deshalb Sichtschutzzäune installiert und besonders geschützt werden. Der Park selbst wird in der Mobilisierung ausdrücklich als „symbolischer Konfliktraum“ adressiert.
Parallel dazu sind mehrere Versammlungen rund um den Görlitzer Park angemeldet. Sie tragen Titel wie „Free Görli“ oder „Görli bleibt auf“. Zusammen mit weiteren Veranstaltungen in unmittelbarer Nähe könnte es zu einer erheblichen Verdichtung im Bereich Oranienplatz kommen, heißt es in internen Polizeiunterlagen, die WELT einsehen konnte.
Insgesamt liegen für den 1. Mai 79 Versammlungsanzeigen vor, ein Großteil davon in Kreuzberg und angrenzenden Grünanlagen. Während andere Veranstaltungen – etwa die DGB-Demonstration mit erwarteten 16.000 Teilnehmern – als weitgehend störungsarm gelten, richtet sich der operative Fokus der Polizei klar auf den Abend am 1. Mai und die Walpurgisnacht diesen Donnerstag.
Die Polizei verweist zugleich auf eine insgesamt rückläufige Gewaltbilanz der vergangenen Jahre. Der 1. Mai 2025 gilt als der friedlichste in der Geschichte der Stadt: Es wurden lediglich 62 Straftaten registriert, 13 Polizisten verletzt – zehn von ihnen konnten im Dienst bleiben. In den Hochzeiten der 80er-, 90er- und 2000er-Jahre hatte es dagegen regelmäßig Hunderte Verletzte und Festnahmen gegeben. Auch die Zahl sogenannter „Gefährderansprachen“ ist deutlich gesunken – von 32 im Vorjahr auf sechs in diesem Jahr. Das sind Gespräche, die die Polizei mit Personen führt, denen sie Straftaten zutraut.
Rund 5300 Polizisten werden im Einsatz sein, unterstützt von Kräften aus zehn Bundesländern. Auffällig ist dabei die veränderte Strategie: Statt wie früher bis zu 15 oder 20 Hundertschaften direkt am Aufzug einzusetzen, sind es nun deutlich weniger. Die Rede ist von acht Hundertschaften. Gleichzeitig werden neue Schwerpunkte gesetzt, etwa beim Zufahrtsschutz, um etwa Anschläge mit Autos zu verhindern, und der Drohnenabwehr über großen Menschenansammlungen.
Ohne zusätzliche Lagen, heißt es intern, käme man mit rund 3500 Kräften aus und damit mit 2000 weniger als in den Vorjahren. Auch Hubschrauber, Wasserwerfer und spezielle Kommunikationseinheiten stehen entlang der Wegstrecke bereit. „Ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass Autos unbeschädigt bleiben, wenn wir gar nicht präsent werden“, sagt Einsatzleiter Katte.
Als zusätzliche Herausforderung gilt die zeitliche Klammer um den 1. Mai. Bereits am Vorabend zieht die Demonstration „Take Back the Night“ durch Kreuzberg und Neukölln. In den vergangenen Jahren lag die Teilnehmerzahl deutlich über den Anmeldungen, begleitet von vereinzelten Angriffen auf Einsatzkräfte und dem Einsatz von Pyrotechnik.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht die Berliner Polizei für den 1. Mai gut vorbereitet, warnt aber vor einer „Wundertüte“ angesichts der heterogenen Szene. „Die Entwicklung geht in die richtige Richtung, doch die 18-Uhr-Demo bleibt unberechenbar“, sagte Landeschef Stephan Weh. Zwar ziehe die linksextremistische Szene weniger gewaltbereite Teilnehmer an, gleichzeitig bündelten sich dort globale Konfliktthemen und sehr unterschiedliche Gruppen. Das erschwere die Lageeinschätzung.
Die temporäre Öffnung des Görlitzer Parks könne laut GdP zur Entspannung beitragen, da der Zaun zuletzt als Konfliktsymbol gegolten habe. Zugleich verweist die Gewerkschaft auf die hohe Dauerbelastung der Beamten: Viele Kräfte wechselten „von einer Lage in die nächste“, Ziel bleibe dennoch ein möglichst störungsfreier Verlauf und ein 1. Mai ohne verletzte Polizisten.
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