Die Hamas hat die fragile, seit Oktober geltende Waffenruhe genutzt, um ihre Kräfte neu zu formieren und ihre Autorität über den Gaza-Streifen wiederherzustellen – zum Leidwesen vieler Palästinenser, die sich nun wieder ihrer unerbittlichen Herrschaft unterworfen sehen. All das geschieht in einem Gebiet, das nach israelischen Bombardements bis zu 70 Prozent zerstört ist – als Reaktion auf den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023.
„Nachdem sie zu Beginn der Waffenruhe aus den Tunneln gekommen waren, haben viele Hamas-Kämpfer wieder Kontakt zu anderen Mitgliedern des bewaffneten Arms aufgenommen, zu denen sie während des Krieges den Kontakt verloren hatten“, berichtet ein ehemaliger Bewohner aus Gaza, der das Gebiet verlassen hat, aber täglich mit der palästinensischen Enklave in Verbindung steht.
Israel, das mit seiner Armee etwa 40 Prozent des Gebietes kontrolliert, lehnt jede Rolle der Hamas im Gaza-Streifen ab. Seit Beginn des Krieges im Jahr 2023 wurden rund 70.000 Palästinenser getötet, wie auch Israel bestätigt hat – Zivilisten und Hamas-Kämpfer.
US-Präsident Trump hatte die Waffenruhe im vergangenen Herbst verfügt. Das von ihm eingesetzte internationale Komitee zur Verwaltung des Gaza-Streifens hat seinen Sitz in Kairo. Während seine 15 Mitglieder keinen Fuß in die Enklave setzen können, verstärkt die Hamas ihre Bemühungen, ihre Position für den „Tag danach“ neu zu definieren.
Dabei halten die Islamisten unbeirrt an ihrer obersten Priorität fest: der Weigerung, sich entwaffnen zu lassen, wie es die internationale Gemeinschaft seit Langem fordert. Um zu demonstrieren, dass sie auch in Zukunft die Kontrolle behalten wollen, hat die Hamas in den vergangenen Monaten mindestens fünf Regionalgouverneure aus den Reihen ihres militärischen Arms ernannt und Führungspersonal in den Ministerien für Wirtschaft und Inneres ausgetauscht.
Ihre zivile Verwaltung, die weiter von der Bevölkerung als überhöht empfundene Steuern erhebt, hat sogar eine Kampagne zur Rekrutierung neuer Mitglieder gestartet.
„Mit diesem Manöver versucht die Hamas, ihre Reihen aufzustocken, bevor sie einen Teil ihrer Mitarbeiter in das Gremium überführt, das Gaza verwalten wird“, sagt ein informierter Bewohner Gazas am Telefon, der zu seinem Schutz anonym bleiben möchte. „Gleichzeitig“, fügt er hinzu, „hat die Hamas den ägyptischen und katarischen Vermittlern eine detaillierte Finanzaufstellung übergeben, die Zahlungsrückstände gegenüber ihren zivilen und militärischen Angestellten sowie Schulden gegenüber Unternehmen und privaten Händlern umfasst – insgesamt 1,5 Milliarden Dollar.“
So zeichnet sich die Strategie einer Bewegung ab, die darauf abzielt, als wesentlicher Bestandteil der administrativen Struktur in Gaza anerkannt zu werden – mit ihren Verpflichtungen, Gehältern und Schulden, selbst wenn diese Last auf die künftige Verwaltung der Enklave übertragen wird.
Ihre Weigerung, die Waffen niederzulegen – trotz entsprechender Forderungen auch der USA, der Europäischen Union und arabischer Staaten – bildet den Kern dieser Strategie. Die Hamas ist lediglich bereit, schwere Waffen abzugeben – ein begrenztes Zugeständnis, da ihre Bestände an Raketen und Geschossen nach zwei Jahren Krieg gegen Israel nahezu erschöpft sind. „Wenn die Islamisten ihre leichten Waffen – Kalaschnikows und Pistolen – nicht abgeben wollen, dann deshalb, weil sie Vergeltungsaktionen durch die Bevölkerung fürchten, die ihnen großes Leid anlastet und ihnen ihren Autoritarismus vorwirft“, erklärt der Gaza-Bewohner.
Es ist kein Zufall, dass die islamistische Bewegung kürzlich eine Militärparade organisiert hat, bei der sie Fahrzeuge und Waffen zur Schau stellte. Diese Machtdemonstration richtete sich ebenso an die Bevölkerung in Gaza wie an die Außenwelt. Ein Zeichen dafür, dass die Hamas die Kontrolle wieder übernommen hat: Nicht mehr die zivile Verwaltung führt das Kommando, wie während des Krieges, sondern die Militärs. Diese haben sich auch erneut gegenüber dem politischen Flügel durchgesetzt, der in Katar ansässig ist.
Hamas fordert Waffenbesitz
Das spiegelt sich auch in den Verhandlungen wider, die Hamas-Vertreter derzeit in Kairo mit ägyptischen und katarischen Vermittlern sowie Nikolai Mladenow, dem Gaza-Beauftragten im Friedensrat von Donald Trump, führen. Sie fordern, dass Hamas-Kämpfer, die Vergeltungsakte durch die Bevölkerung und andere bewaffnete Gruppen fürchten, ihre „Kleinwaffen“ behalten dürfen – sofern sie eine Genehmigung des Komitees erhalten, das Gaza verwalten soll. Sie fordert zudem eine Amnestie für ihre Mitglieder sowie die Aufnahme einiger von ihnen in die künftigen Sicherheitskräfte des palästinensischen Gebietes.
In Gaza, so analysiert ein westlicher Diplomat, „versucht die Hamas, das Modell der Hisbollah im Libanon zu kopieren: ihre Waffen zu behalten und gleichzeitig die Regierungsverantwortung mit dem technokratischen Komitee zu teilen, indem einige ihrer Verwaltungsmitarbeiter dort übernommen werden. Letztlich will die Hamas durch Integration bleiben – nicht durch Kapitulation gehen.“
Sollten ihre maximalistischen Forderungen weiterhin von der internationalen Gemeinschaft zurückgewiesen werden, könnte ihre fortgesetzte Existenz als bewaffneter Akteur ein Grund für Israel sein, eine umfassende Lösung der Gaza-Krise weiter hinauszuzögern.
Wie ihr libanesischer Verbündeter Hisbollah ist die Hamas militärisch geschwächt und politisch von Israel entmachtet worden, aber sie ist weit davon entfernt, zerschlagen zu sein. Im Gegenzug für Zugeständnisse – etwa die Auflösung ihrer Regierung und die Einrichtung des technokratischen Komitees – ist es ihr gelungen, ihren zivilen und operativen Einfluss zu bewahren, während es der internationalen Gemeinschaft schwerfällt, eine neue Realität vor Ort durchzusetzen.
Angesichts der Forderungen der Islamisten kommt das mit Unterstützung von Trump eingesetzte Gremium kaum voran. „Die 15 Mitglieder des technokratischen Komitees sind nicht glücklich darüber, in Kairo festzustecken. Jeder von ihnen darf zehn Mitarbeiter beschäftigen, doch diese müssen strikt von Israel genehmigt werden, und sie haben keine Ahnung, wann sie nach Gaza einreisen können“, sagt eine mit den Vorgängen vertraute Person in Kairo. Es klingt verbittert.
Dieser Artikel erschien zuerst in der französischen Zeitung „Le Figaro“, mit der WELT im Rahmen der LENA-Kooperation („Leading European Newspaper Alliance“) zusammenarbeitet. Aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Philip Volkmann-Schluck.
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