Die gefährlichen Auswirkungen ungefilterten Social-Media-Konsums auf Kinder und Jugendliche haben die Verbotsdebatte in Deutschland heftig angeheizt. Im Juni will die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission ihre Handlungsempfehlungen vorlegen, wie Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt gewährleistet werden kann. Noch in diesem Jahr könnte der Bundestag gesetzliche Maßnahmen auf den Weg bringen. Auch ein Mindestalter von 14 oder gar 16 Jahren für Instagram, YouTube, TikTok und Co. ist dabei im Gespräch.

Doch sind Altersgrenzen tatsächlich das Mittel der Wahl, um die junge Zielgruppe vor Beeinflussung, Mobbing, Gewalt und Pornografie zu schützen? Das Kinderhilfswerk Unicef hat jetzt über das Sinus-Institut bei 14- bis 16-jährigen Jugendlichen nachfragen lassen. Die im April durchgeführte Umfrage mit 1072 Teilnehmern ergab ein erstaunlich differenziertes Bild. Denn der Ruf nach mehr Schutzmaßnahmen ist bei den Jugendlichen deutlich hörbar. Verbote aber sind für die Mehrheit nicht unbedingt das Mittel der Wahl.

Schon der Nutzen von Social-Media-Angeboten selbst ist umstritten. Für 38 Prozent der Befragten überwiegen die Vorteile, für 16 Prozent die Nachteile, 46 Prozent finden, dass Vor- und Nachteile sich die Waage halten. 82 Prozent nutzen demnach soziale Medien, um mit ihren Freunden in Kontakt zu bleiben. 74 Prozent bekommen dort neue Ideen oder Inspiration.

Jugendliche beklagen Mobbing, Hass und Beleidigungen

Gleichzeitig benennen die Jugendlichen klar, welche negativen Seiten sie bei sozialen Medien sehen: 74 Prozent verlieren auf den Plattformen häufig das Gefühl für die Zeit. Als größte Risiken nennen sie Mobbing, Hass und Beleidigungen (50 Prozent), Dauerscrollen, ohne aufhören zu können (44 Prozent), sowie Falschinformationen und Fake News (42 Prozent). Bei den Mädchen mit 40 Prozent ebenfalls weit vorn: der Druck, wegen des Aussehens mithalten zu müssen.

Doch sind das Gründe für eine strikte Altersgrenze für Social-Media-Plattformen? Hier sind die Jugendlichen uneins. Eine knappe Mehrheit von 55 Prozent der 14- bis 16-Jährigen würde eine Mindestaltersgrenze von 14 Jahren befürworten – von der sie also selbst gar nicht eingeschränkt würden. Für ein Mindestalter von 16 Jahren sind hingegen nur 26 Prozent der befragten Jugendlichen. 88 Prozent finden es „sehr“ oder „eher“ wahrscheinlich, dass Jugendliche Wege finden würden, gesetzliche Altersgrenzen zu umgehen – etwa über geteilte Geräte oder den Wechsel zu weniger regulierten Plattformen.

Das heißt aber nicht, dass die Jugendlichen gegen verstärkte Schutzmaßnahmen wären. „Sinnvoll fände ich, wenn nicht die Jugendlichen Verbote bekommen, sondern die Plattformen höhere Sicherheitsmaßnahmen haben würden“, sagt etwa ein 16-Jähriger. „Auch das Checken und die Funktion von Blockierungen und Meldungen einzelner Nutzer bei Fehlverhalten sollten eher ausgearbeitet werden, als den Jugendlichen diesen Teil ihres Lebens so plötzlich zu entreißen.“

In der Pflicht zur Etablierung von Schutzmaßnahmen sehen die Jugendlichen vor allem die Plattformbetreiber (42 Prozent). 15 Prozent sehen die Politik in der Verantwortung, elf Prozent die Eltern. 25 Prozent finden, dass der Jugendschutz eine „gemeinsame Aufgabe“ sei.

Konkret halten 86 Prozent bessere Jugendschutz- und Inhaltsfilter, etwa gegen Gewalt oder sexualisierte Inhalte, für „sehr“ oder „eher“ sinnvoll, 84 Prozent finden, Plattformen müssten ungeeignete Inhalte für Jugendliche sofort entfernen. Standardmäßig aktivierte Schutzeinstellungen – wie private Profile und eingeschränkter Kontakt durch Fremde – befürworten 80 Prozent.

Mehr Unterstützung erhoffen sich die Jugendlichen auch von den Erwachsenen. Und zwar nicht durch Strenge, sondern durch Verständnis. Jeweils über 80 Prozent der Jugendlichen fänden es „sehr“ oder „eher“ sinnvoll, wenn Erwachsene „zuhören, ohne gleich zu schimpfen, wenn online etwas Schwieriges passiert“ und wenn sie Mobbing und andere Probleme im Netz „ernst nehmen“. Der Aussage „Erwachsene kontrollieren nicht alles, sondern helfen, wenn es Probleme gibt“ stimmen 77 Prozent zu. Nur 53 Prozent finden es sehr oder eher hilfreich, wenn Erwachsene stärker darauf achten, wie viel Zeit Jugendliche auf Social Media verbringen.

„Die Umfrage macht deutlich: Jugendliche kennen die Risiken im digitalen Raum. Sie haben klare Vorstellungen davon, was helfen würde, diesen sicherer zu gestalten“, sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland. Schutz und Teilhabe müssten gleichermaßen gewährleistet werden, so Schneider. „Die Jugendlichen sagen uns: Verbote allein bringen gar nichts. Was sie brauchen und sich wünschen, ist ein digitaler Raum, der sicher und altersgerecht ist.“

Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.

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