Polizisten durchsuchen am Mittwochmorgen deutschlandweit Wohnungen von jungen Neonazis. Hintergrund der Razzia in knapp 40 Objekten sind nach WELT-Informationen Ermittlungen des Generalbundesanwalts (GBA) und des Bundeskriminalamts. Die Durchsuchungen richten sich gegen 36 Beschuldigte in zwölf Bundesländern. Den jungen Neonazis wird unter anderem vorgeworfen, Jagd auf Linke gemacht zu haben. Der jüngste Tatverdächtige ist 16 Jahre alt.

Der GBA teilte am Mittwoch mit, es bestehe der Verdacht, dass die Beschuldigten herausgehobene Mitglieder der rechtsextremistischen Vereinigungen „Jung & Stark“ (JS) oder „Deutsche Jugend Voran“ (DJV) seien. Diese Gruppierungen existieren laut Angaben der Bundesanwaltschaft mindestens seit Mitte 2024. Gegen die beiden Gruppen ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Schwerpunkte der Ermittlungen bilden die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Berlin und Sachsen.

Bei „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ handelt es sich nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) um Vertreter einer gewaltaffinen und radikalisierten Onlinesubkultur. BfV-Präsident Sinan Selen sagte bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts im vergangenen Jahr: „Sie haben in diesem Kontext eine besondere Rolle eingenommen – beispielsweise mit Störaktionen im Zusammenhang mit Christopher-Street-Day-Veranstaltungen.“

Laut dem GBA tritt die DJV auch unter dem Namen „Neue Deutsche Welle“ (NDW) auf. „Die JS und die DJV sind bundesweit organisiert und unterhalten in den Ländern Regionalgruppen. Ihre Mitglieder vernetzen sich sowohl über soziale Medien als auch durch regelmäßige Treffen. Dabei wird zu Gewalttaten gegen politische Gegner sowie gegen vermeintlich Pädophile aufgerufen.“ Einige Beschuldigte sollen bereits Angehörige der linken Szene oder Personen angegriffen haben, die sie für pädophil hielten. Die Opfer seien von mehreren Angreifern geschlagen worden – und trugen nicht unerhebliche Verletzungen davon.

Der Verfassungsschutz erklärte zuletzt gegenüber WELT: „Innerhalb kurzer Zeit sind sehr dynamische und mobilisierungsfähige rechtsextremistische Gruppierungen entstanden, die gleichzeitig auch den Schulterschluss mit größeren Akteuren der rechtsextremistischen Szene suchen.“ Es handele sich vielfach um ideologisch nicht gefestigte Jugendliche, die sich über Subkultur, Internet oder Kampfsport der Ideologie annähern würden. Auch junge Frauen seien unter den Anhängern.

Ein Anführer der Gruppe „Deutsche Jugend Voran“ wurde im vergangenen Jahr in Berlin zu drei Jahren und drei Monaten im offenen Vollzug verurteilt. Julian M. hatte mehrfach politische Gegner überfallen. Eines der Opfer berichtete vor Gericht von bleibenden Angstzuständen nach der Tat.

Auch das Bundeskriminalamt schlug zuletzt gegenüber WELT Alarm: Von den jungen Szenemitgliedern gehe „eine Gefährdung aus, wie wir sie in dieser Form seit vielen Jahren nicht beobachtet haben“. „Angesichts ihrer neonazistischen Propaganda in den sozialen Medien besteht die Gefahr, dass diese Gruppen weitere Anhänger rekrutieren und sich das Phänomen ausweitet.“

Mitglieder von „Jung und Stark“ inszenieren sich im Internet kämpferisch

Experten des Violence Prevention Network (VPN), einer Nichtregierungsorganisation, die versucht, Jugendliche zu deradikalisieren, sehen prekäre Verhältnisse als einen Nährboden der radikalen Gruppen. Soziale Isolation, Einsamkeit, fehlende Räume und das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, könnten Radikalisierungsprozesse beschleunigen. Elisabeth Hell von der bei VPN angesiedelten Beratungsstelle „Crossroads“ sieht bei den Jugendlichen in ihrer Beratung „multiple Problemlagen“ – dazu zählten etwa Rauschmittelkonsum, „Schuldistanz“ sowie familiäre Probleme.

Im März begann vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Hamburg ein Prozess gegen acht junge Mitglieder einer weiteren Neonazi-Gruppe. Der GBA wirft den Verdächtigen die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Die sogenannte „Letzte Verteidigungswelle“ (LVW) soll demnach Brand- und Sprengstoffanschläge auf Asylbewerberheime und Einrichtungen des politisch linken Spektrums geplant haben – auch unter Inkaufnahme möglicher Todesfälle.

Teils wurden die Pläne vor Tatausführung durch die Polizei durchkreuzt. Teils kam es zu Sachschäden. Im Oktober 2024 sollen zwei Angeklagte mittels eines Brandbeschleunigers ein Feuer in einem Kulturhaus in Altdöbern gelegt haben. WELT hatte zuerst über die Spur ins rechte Milieu berichtet. Der jüngste LVW-Verdächtige war zu Beginn der Ermittlungen gegen die Gruppe gerade einmal 14 Jahre alt.

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