Nichts ging mehr. Im März hatte WELT enthüllt, dass die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die im Auftrag der Bundesregierung Entwicklungsprojekte in 90 Ländern durchführt, nicht mehr in der Lage war, externe Dienstleister zu bezahlen.

Der Grund: Eine Umstellung der GIZ-IT auf die SAP-Software S/4HANA zum Jahreswechsel hatte die Freigabe von Rechnungen gestört. Das Problem zog sich über Monate, Ende April berichtete die „Tagesschau“, die GIZ leide noch immer unter massiven Technikproblemen. Sogar die DHL stellte demnach die Zustellung von Paketen aus die Eschborner GIZ-Zentrale zwischenzeitlich ein, da das Bundesunternehmen die Kosten nicht begleichen konnte.

Nun, erklärte die Pressestelle der GIZ gegenüber WELT, seien die Schwierigkeiten im System „weitgehend behoben“. „Uns ist bewusst, dass es dabei zu Verzögerungen gekommen ist. Diese bedauern wir sehr. Alle Prozesse laufen inzwischen im neuen System.“ Ausstehende Rechnungen arbeite man schnellstmöglich ab.

Intern wird diese äußerst optimistische Einschätzung dagegen nicht geteilt. Von „weitgehend behoben“ könne keine Rede sein, sagte ein Insider WELT.

Dazu brisant: Die GIZ kann bis heute nicht beziffern, wie viele Rechnungen aufgelaufen sind – und wie groß die ausstehenden Zahlungen sind. „Eine Bezifferung der Anzahl und der Höhe der betroffenen Rechnungsvorgänge ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich“, erklärte das Unternehmen – und blieb auch auf Nachfrage bei der Darstellung. Schon in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Bundestag im März hatte sich die Bundesregierung ahnungslos gezeigt: „Eine Bezifferung der Höhe der betroffenen Rechnungsvorgänge ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich.“

Der peinliche IT-Aussetzer wirft weiterhin Fragen auf. Denn vor der Umstellung hatte die GIZ laut Angaben der Bundesregierung immerhin rund 60 Millionen Euro für externe Berater und Dienstleister aufgewendet. Normalerweise wird vor einer Umstellung auf das S/4HANA-System ein sogenannter „Readiness Check“ durchgeführt – unter anderem um festzustellen, ob ein Upgrade weitgehend störungsfrei möglich ist.

Ob dies geschah, ist unbekannt. Die GIZ dementierte zumindest auf Anfrage von WELT, dass das Update gegen Empfehlung eines Beratungsdienstleisters durchgeführt wurde.

„Peinliches Niveau“

In der Folge der Panne warten auch im Mai weiterhin Partner der GIZ auf ihr Geld. Das erfuhr WELT von Betroffenen. Im Gespräch zeigte sich ein Dienstleister desillusioniert. Die Verzögerung könne für Auftragnehmer in sensiblen Kontexten existenzbedrohend sein.

Auch intern zeigen sich GIZ-Mitarbeiter frustriert. WELT hatte bereits im März von der schriftlich geäußerten Sorge der Belegschaft berichtet, dass das Vertrauen in das Bundesunternehmen zunichte gemacht werde. Ein internationaler Mitarbeiter klagte demnach über ein „peinliches Niveau“ im Umgang mit externen Anbietern und Beratern.

Die Bundesregierung gab im Bundestag dennoch eine selbstbewusste Einschätzung ab: „Nach Einschätzung der Bundesregierung wird das hohe internationale Ansehen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit durch die aktuellen Herausforderungen der IT-Umstellung nicht beeinträchtigt.“

Internationale GIZ-Mitarbeiter hatten aufgrund der durch die IT-Umstellung zu erwartenden zusätzlichen Belastungen eine Extrazahlung von 400 Euro erhalten. Dem Vernehmen nach war die Migration in das neue System Teil der Jahresziele des Vorstands der GIZ gewesen. Viele im Haus erklären sich so die letztlich als überstürzt wahrgenommene Durchführung.

Laut „Tagesschau“ will der Vorstand um GIZ-Sprecher Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) auf den an die Software-Einführung geknüpften Erfolgsboni verzichten. Ob jegliche Bonuszahlung ausbleiben soll, ließ die GIZ auf WELT-Anfrage unbeantwortet: „Inhalte von Jahreszielen oder Bonuszahlungen oder deren Zusammensetzung betrachten wir generell als vertraulich. Für 2025 wurden bisher keine variablen Vergütungen ausgezahlt.“

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