Ein lichtdurchfluteter Pavillon mit schwebendem Holzdach und Glaswänden, offen, transparent, gut zugänglich: Der Senedd, das walisische Parlament an der Cardiff Bay, ist so gebaut, dass Besucher den Abgeordneten praktisch bei der Arbeit zusehen können.
Der Kontrast zu den dicken Mauern und verwinkelten Fluren des neugotischen Palastes von Westminster, in dem in London das Parlament des Vereinigten Königreichs sitzt, könnte kaum größer sein.
In ihrer Zusammensetzung sind sich die Parlamente derzeit sehr viel ähnlicher als von außen. Labour stellt in Westminster mehr als 400 von 650 Abgeordneten, in Cardiff die Hälfte mit 29 von 60 Sitzen. Wales, westlich von England an der Irischen See gelegen, ist sozialdemokratisches Kernland.
Seit mehr als 100 Jahren schickt der Landesteil fast ausschließlich Labour-Abgeordnete nach Westminster. Der Sitz des walisischen Parlaments wird seit seiner Gründung 1999 ausnahmslos von der sozialdemokratischen Partei geführt.
Doch Ende der Woche, wenn in Wales ein neues Parlament gewählt ist, dürfte es damit vorbei sein. „Wenn die Prognosen korrekt sind, wird das Ergebnis traumatisch für Labour“, sagt Richard Wyn Jones, Direktor des Zentrums für walisische Politik an der Universität Cardiff.
Starmers Labour-Partei ist abgeschlagen
Labours Zustimmung hat sich in dem Landesteil in den vergangenen zwei Jahren deutlich mehr als halbiert. Laut jüngsten Umfragen kommt die Partei noch auf knapp 15 Prozent der Stimmen, bei den Wahlen dürfte sie mit dem dritten Platz abgestraft werden. An der Spitze liegt derzeit mit 28 Prozent Plaid Cymru, die linksliberale walisische Nationalpartei. Direkt dahinter folgt die rechtspopulistische Reform UK.
Auch Schottland wählt am 7. Mai sein regionales Parlament. Hinzu kommen Kommunalwahlen in großen Teilen Englands, einschließlich der Hauptstadt London. Labour, die Partei von Premierminister Keir Starmer, kann zwei Jahre nach ihrem Erfolg in Westminster nirgends mehr mit guten Ergebnissen rechnen. Die oppositionellen Konservativen indes ebenso wenig. Statt des etablierten Zwei-Parteien-Systems zeichnet sich eine Fragmentierung ab.
Der Absturz von Labour verlief seit 2024 schnell und kontinuierlich. Die erwartete Neuausrichtung in Wales dürfte wohl zu den deutlichsten gehören. „Wales hat sich verändert, Labour hat es nicht geschafft, sich anzupassen“, sagt Wyn Jones. Ähnlich wie in vielen Ländern Westeuropas ist die Arbeiterklasse mit dem Verfall der traditionellen Industrieregionen im Süden und Norden weitgehend verschwunden, Dienstleistungen sind wichtiger geworden.
Im 19. Jahrhundert gehörte Wales noch zu den wichtigsten Standorten der industriellen Revolution – eine Art Maschinenhalle der Welt. Die Täler im Süden lieferten hochwertige Steinkohle. Vor dem Ersten Weltkrieg war Cardiff der wichtigste Hafen für Kohleexporte. Die Kohlebörse der Stadt war das Herz des weltweiten Handels mit dem Brennstoff.
Nördlich davon machte sich Merthyr Tydfil einen Namen als Eisenmetropole. Swansea, ebenfalls an der Südküste gelegen, etablierte sich als Zentrum der Kupferverhüttung, ein wichtiger Rohstoff für Schiffbau und Elektrotechnik. Der Norden wiederum ist bekannt für seinen qualitativ hochwertigen Schiefer – die dunkelgrauen Platten aus den Steinbrüchen wurden in ganz Europa verbaut.
Industrie in Wales hat ihre Relevanz verloren
Knapp ein Fünftel trägt die produzierende Industrie heute noch zur walisischen Wirtschaft bei. Den Löwenanteil machen längst Verwaltung, Bildung, Gesundheit und Tourismus aus. Trotz des Verlusts von Jobs in der Produktion und eines immer geringeren Einflusses der Gewerkschaften blieb die Bindung an Labour lange bestehen.
Jetzt kann die Partei zwar bei der Mittelklasse in den urbanen Zentren noch ein paar Punkte sammeln, das enge Band zum traditionellen Milieu aber ist zerrissen. „Labour sieht sich weiter als Partei der Arbeiterklasse“, sagt Sara Hobolt, Professorin für Politikwissenschaft an der London School of Economics (LSE). „Aber das ist sie nicht mehr.“
Zur Entwicklung in Westeuropa, auch in Deutschland, sieht die Expertin zahlreiche Parallelen. Hobolt verweist auf eine klare Kluft beim Bildungsniveau. Ältere Menschen mit geringerem Bildungsstand rücken deutlich nach rechts, jüngere Akademiker weiter nach links. Der Unterschied zwischen Stadt und Land verstärkt den Trend.
Mitte-Links-Parteien haben ihren Einfluss auf die Wählerschaft aus der Arbeiterschicht verloren. Identitätsfragen kommen hinzu. „Die Waliser werden walisischer“, sagt Wyn Jones. Vor allem jüngere Menschen interessierten sich zunehmend für walisische Kultur und Sprache.
Heute sprechen knapp 20 Prozent der Bevölkerung die keltische Sprache fließend, ein Drittel gibt an, gesprochenes Walisisch gut zu verstehen. Wyn Jones sagt: „Inzwischen gibt es in den postindustriellen Tälern im Süden viele Schulen, die auf Walisisch unterrichten.“
Walisische Identität macht sich nicht nur an der Sprache fest. Laut Wyn Jones hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Gegenkultur zum Englisch-Sein etabliert. Deutlich gestiegen ist das Interesse an Geschichte, Kultur und Musik. Diesen langfristigen Trend habe auch der Brexit weiter befördert. Wer proeuropäisch eingestellt sei, stelle nun oft die walisische Identität heraus, erläutert der Politik-Experte.
„For Wales“ (Für Wales) lautet der Slogan, mit dem Plaid-Cymru-Chef Rhun ap Iorwerth das Parteiprogramm überschrieben hat. „Wir werden für Wales einstehen, um gegenüber Westminster eine faire Behandlung durchzusetzen“, versprach er beim Wahlkampfauftakt Ende März. „Der 7. Mai ist eine historische Chance, Wales zum Besseren zu verändern. Die Zeit von Labour ist abgelaufen – sie spielen keine Rolle mehr.“
Seine Schwerpunkte: Gesundheit, Lebenshaltungskosten, Kinderbetreuung, Armutsbekämpfung, die Wirtschaft, bessere Jobs und mehr Bildung. Es sind sozialdemokratische Themen, Plaid will sie noch ein wenig weiter nach links rücken.
Eine neue National Development Agency soll Unternehmen vor Ort unterstützen und Pläne ausarbeiten, wie walisisches Vermögen stärker der Region zugutekommt. Als politischen Gegner sieht ap Iorwerth, der als mit Abstand populärster Politiker in Wales gilt, nicht mehr in erster Linie Labour. „Bei diesem Wahlkampf geht es um eine klare Entscheidung zwischen Plaid Cymru und Reform, zwischen Hoffnung und Spaltung, zwischen Glaubwürdigkeit und Chaos.“
Reform UK gewinnt an Zustimmung
Wer sich nicht walisisch, sondern britisch fühlt, neige inzwischen zur Reform-Partei, sagt Experte Wyn Jones. „Die Partei wird die Konservativen vermutlich weitgehend ablösen.“
Drei von fünf Reform-Wählern halten wenig von der Entscheidung, Nordirland, Schottland und Wales eigene Regionalparlamente mit beschränkten Gesetzgebungskompetenzen in den Bereichen Gesundheit und Bildung zu geben, die Ende der 1990er Jahre getroffen wurde. Auch, weil sie bei der Finanzierung größtenteils von London abhängig sind.
Die Fronten zwischen beiden Seiten haben sich während des Wahlkampfs verhärtet. Dazu beigetragen hat, dass Reform UK in ihrem Wahlprogramm zwei der drei Schlagworte „Familie, Gemeinschaft, Staat“ nicht korrekt in die walisische Sprache übersetzt hat. Im vergangenen Herbst wurde der frühere Reform-Parteichef für Wales zu zehn Jahren Haft verurteilt, nachdem er sich für prorussische Aussagen hatte bestechen lassen.
Einen Vorgeschmack auf die Regionalwahlen gab es im Oktober in Caerphilly, nördlich von Cardiff. Ein Jahrhundert war der Wahlkreis fest in der Hand von Labour gewesen. Nun erreichte die Partei nur noch elf Prozent. Reform lag mit 36 Prozent nur knapp hinter dem Sieger Plaid Cymru.
Claudia Wanner schreibt für WELT vor allem über die britische Wirtschaft.
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