Als der oberste Energieberater des Weißen Hauses Ende vergangenen Monats in Venezuela landete, wurde er in ein Terminal geführt und gebeten, sich in ein Gästebuch einzutragen. An der Wand hing ein Porträt des gestürzten Diktators Nicolás Maduro, der die meisten US-Ölkonzerne aus Venezuela gedrängt hatte – bis er im Januar in einer von US-Präsident Donald Trump veranlassten Militäroperation gestürzt wurde.
Unter Maduros Porträt schrieb Jarrod Agen, Leiter des National Energy Dominance Council, Trumps Slogan „Drill, Baby, Drill“ in das Buch. Diese Szene, von der Agen wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Caracas im Energy-Podcast von „Politico“ erzählte, fasst zusammen, wie sehr sich das südamerikanische Land in den vergangenen vier Monaten verändert hat – und wie groß die Unsicherheit weiterhin ist.
Die Trump-Administration setzt ihre Interessen in Venezuela unbeirrt durch, und heizt dabei auch Spekulationen über eine Annexion weiter an. Für Aufsehen sorgte diese Woche ein Beitrag Trumps auf Truth Social, der eine Karte des südamerikanischen Landes im Design der US-Flagge zeigt. Über der Karte der Schriftzug: „51. Bundesstaat“. Bereits am Montag hatte Trump in einem Telefongespräch mit einem Journalisten des US-Senders Fox News nach dessen Angaben gesagt, dass er ernsthaft darüber nachdenke, Venezuela zum 51. Bundesstaat der USA zu machen. Ähnliche Andeutungen hatte Trump schon Anfang des Jahres gemacht.
Venezuelas geschäftsführende Präsidentin, Delcy Rodríguez, wies Trumps Anspielungen zurück. „Das ist nicht vorgesehen“, sagte sie. Venezuela sei „keine Kolonie, sondern ein freies Land“ und die Regierung in Caracas werde auch weiterhin die Integrität, Souveränität und Unabhängigkeit des Landes schützen. „Präsident Trump weiß, dass wir an einer diplomatischen Agenda der Zusammenarbeit gearbeitet haben. Das ist der Kurs, und das ist der Weg“, sagte sie.
Wie diese „Zusammenarbeit“ konkret aussieht, zeigten zuletzt die Reisen von Energieberater Agen und anderen Vertretern der Trump-Regierung, die in Caracas Deals mit amerikanischen Energieunternehmen anleiern.
Jarrod Agen (mit Sonnenbrille) bei einem Besuch in VenezuelaDabei haben sie enge Beziehungen zu Interimspräsidentin Rodríguez und ihrer Regierung geknüpft – einer Administration, die größtenteils aus Personal aus Maduro-Zeiten besteht. In den vergangenen Wochen hat dieses Engagement spürbar zugenommen, vor allem weil Trump venezolanisches Rohöl als Alternative zu Lieferungen aus der Golfregion forciert.
Die auffällige Nähe zu Rodríguez löst bei einigen potenziellen Investoren und Venezolanern im Ausland Sorge aus. Sie fürchten, die Trump-Regierung habe ihr erklärtes Ziel vertagt, das Land in Richtung demokratischer Wahlen zu führen. Während Agens Besuch in Venezuela sagte Rodríguez gegenüber Reportern lediglich, Wahlen würden zu einem nicht näher genannten Zeitpunkt stattfinden.
Agen seinerseits betonte, die Trump-Regierung wolle in Venezuela weiterhin Demokratie sehen. Zunächst aber brauche das Land eine stabile wirtschaftliche Grundlage. Rodríguez habe zugesagt, bei Ölgeschäften und Investitionen im „Trump-Tempo“ vorzugehen, so Agen. Die Perspektive eines demokratischen Übergangs habe er allerdings nicht angesprochen.
Die Prioritäten der Trump-Regierung sind klar erkennbar. Nach Aussage von Agen ist das Interesse der Privatwirtschaft an Investitionen deutlich gestiegen. Das US-Finanzministerium erlaubt Unternehmen nach jahrelanger Sanktionspolitik, Verhandlungen in Venezuela aufzunehmen. Bei seiner jüngsten Reise half Agen drei US-Ölproduzenten, Vereinbarungen zu unterzeichnen, die ihnen in den kommenden Jahren erstmals Investitionen in Venezuela ermöglichen könnten.
Nun müssen diese Unternehmen Details mit dem staatlichen Ölkonzern Petróleos de Venezuela (PDVSA) aushandeln. Agen sagte, er habe Rodríguez gedrängt, diesen Prozess zu beschleunigen. Das Unternehmen Crossover Energy teilte mit, es habe bereits eine erste Vereinbarung unterzeichnet.
Dabei gehe es darum, „Umweltschäden zu mindern und zugleich die Einnahmen zu erzeugen, die für den nationalen Wiederaufbau nötig sind“, sagte Geschäftsführer Eric McCrady. „Wir beobachten die politische Lage sehr genau. Aber wir glauben, dass der wirksamste Beitrag zum Übergang des Landes darin besteht, das zu tun, was wir am besten können: ein tragfähiges, nachhaltiges Geschäftsmodell aufzubauen, das lokale Arbeitsplätze schafft und zentrale Infrastruktur wieder instand setzt.“
Zusätzlich zu den von der Trump-Regierung organisierten Reisen haben private Investoren eigene Besuche in Venezuela organisiert, um Chancen auszuloten. Für manche Unternehmen bleibt jedoch ein grundsätzliches Unbehagen: „Sie zögern immer noch ein wenig“, sagte Jim Reardon von der Kanzlei Nelson Mullins in Houston. „Das hat es in anderen Ländern schon gegeben: Die Öl- und Gasindustrie schließt Vereinbarungen mit einer Regierung ab, die ein paar Jahre später als illegitim gilt – und dann sind diese Konzessionen plötzlich nicht mehr gültig.“ Seit Maduros Sturz hat Präsidentin Rodríguez einige Reformen des venezolanischen Öl- und Bergbaurechts durchgesetzt. Unternehmen geht das jedoch nicht weit genug.
„Die Geschichte privater Investitionen im venezolanischen Ölsektor ist natürlich voll von Fällen, in denen Regierungen Verträge gebrochen haben – selbst in deutlich besseren Zeiten, aber besonders dramatisch unter dem Chávez- und Maduro-Regime“, sagt Francisco Monaldi von der Rice University in Houston. „Ich glaube, es ist nahezu unmöglich, die 100 Milliarden Dollar zu mobilisieren, die Venezuela in den nächsten zehn Jahren [für seinen Ölsektor] braucht – ohne politischen Übergang, eine legitime Regierung und eine funktionierende Demokratie.“
Venezuelas Oppositionsführerin María Corina Machado hielt im März auf einer großen Konferenz in Houston eine leidenschaftliche Rede, in der sie ihren Plan für eine grundlegende Reform des Ölsektors vorstellte. Venezuela könne seine Produktion verfünffachen – aber erst nach einem Übergang zur Demokratie. Die versammelten Ölmanager spendeten stehenden Applaus.
Unerfahrene Führungskräfte in staatlichen Firmen
Evanan Romero, ein ehemaliger Ölmanager, der Machado informell berät, sagte: Je länger es dauere, eine demokratische Regierung zu wählen, desto länger werde es dauern, die Förderung wieder hochzufahren. Rodríguez habe beim staatlichen Ölförderer PDVSA Führungskräfte eingesetzt, denen die Erfahrung fehle, komplexe Ölgeschäfte zu verhandeln.
Romero, der im Februar bei einer Geschäftsreise nach Venezuela vier Tage lang festgehalten wurde, sagte, Rodríguez sei „eine Expertin darin, Menschen zu täuschen“. Venezuelas UN-Vertretung sowie ein von Rodríguez beauftragter Anwalt, der sie in bestimmten Angelegenheiten in den USA vertritt, reagierten nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.
Shon Hiatt von der USC Marshall School of Business sagte, er sehe für die Trump-Regierung wenig Anreiz, Venezuela in den kommenden Jahren zu Wahlen zu drängen. Sie habe ja jetzt in Caracas ein gefügiges Regime. „Ich glaube, es wird von den Venezolanern selbst abhängen, Druck für Wahlen aufzubauen, denn es scheint nicht im Interesse der Trump-Regierung zu liegen“.
Alejandro Sucre, Investor und Mitglied der venezolanischen Denkfabrik CEDICE Libertad, sagte, er unterstütze Wahlen vor dem Ende der Amtszeit der Trump-Regierung. Würden sie jetzt schon abgehalten, könnte das nur zu Streit und Unruhen führen. „Dann wären wir wieder bei null – zurück zu einem Venezuela ohne Investitionen“, sagte er. „Als Venezolaner wollen wir nicht, dass politische Dysfunktionen diese Chance zerstören.“
Dieser Text erschien zuerst bei der WELT-Partnerpublikation „Politico“. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Tim Röhn und Eckhard Balfanz.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.