Daniel Gerlach, Jahrgang 1977, gilt als einer der führenden deutschen Nahost-Experten. Er ist Mitherausgeber und Chefredakteur des Magazins „zenith“, das vor allem die arabisch-islamische Welt in seinen Beiträgen thematisiert, sowie Mitgründer des Thinktanks Candid Foundation. Gerlach hält regelmäßig weltweit Vorträge über den Nahen Osten, unter anderem an renommierten Universitäten wie Yale, Princeton oder Oxford.

WELT: Herr Gerlach, in Ihrem Buch „Die Kunst des Friedens“ beschreiben Sie, wie einerseits die Großmächte immer wieder die Verhältnisse im Nahen Osten bestimmten, aber andererseits auch, wie die lokalen Akteure in der Region die Großmächte immer wieder für ihre Zwecke einspannten. Womit haben wir es aktuell in der Iran-Krise zu tun?

Daniel Gerlach: Beides greift ineinander. Historisch betrachtet ist der Nahe Osten eine Verkehrskreuzung der Geopolitik. Seit der Antike trafen dort Imperien aufeinander, die diese Region meist als Peripherie behandelten, aber im Auge behalten mussten, weil sie dort Interesse verfolgten und sich mit anderen Imperien ins Gehege kamen. Deshalb suchten sie sich Stellvertreter. So haben dort lokale Akteure früh gelernt, diese Konstellation für sich zu nutzen. Sie haben Bündnisse geschlossen, rivalisierende Mächte gegeneinander ausgespielt und damit selbst Weltpolitik betrieben. Dieses Muster prägt die Region bis heute. Der Blick in die Geschichte ist schon deshalb wichtig, weil die miteinander konkurrierenden Akteure in der Region selbst auf ihre historische Bedeutung hinweisen und sich an historischen Vorbildern orientieren. Sei es hinsichtlich bestimmter Gebietsansprüche oder aber, um sich zu legitimieren und deutlich zu machen: Wir waren schon immer da und haben mit den Weltmächten verhandelt.

WELT: Wieviel Einfluss haben umgekehrt die Weltmächte? Können etwa China und die USA gemeinsam die Golf-Krise lösen, wie es sich viele von Donald Trumps Besuch bei Xi Jinping erhoffen?

Gerlach: China kann eine Lösung auf jeden Fall erschweren. Ob es den USA helfen wird, die selbst verursachte Iran-Krise beizulegen, ist eine andere Frage. Die Chinesen wollen gern die Rolle einer Mediationsmacht in der Region spielen, bisher fehlten aber die Ideen dafür, wie diese Rolle ausgefüllt werden könnte. Jetzt bietet sich eine Chance. China würde den USA und Israel abverlangen, dass sie den Iran nicht mehr angreifen. Und dass chinesische Firmen, die mit dem Iran Handel treiben, nicht mit Sanktionen belegt werden. Es könnte seinerseits darauf verzichten, den Iran aufzurüsten. Aber: Peking kauft billiges Öl vom Iran und Russland und kann grundsätzlich gut damit leben, dass diese Staaten ein schlechtes Verhältnis zu den USA haben.

WELT: Warum ist bisher jeder Versuch gescheitert, diese Krise mit diplomatischen Mitteln beizulegen?

Gerlach: Diplomatie ist ein Instrument, kein Selbstzweck. Sie kann Frieden ermöglichen – oder als Mittel im Machtkampf eingesetzt werden. Ein zentrales Problem im Fall Iran-Israel ist die fehlende gegenseitige Anerkennung. Das iranische Regime betrachtet den jüdischen Staat nicht als legitimen Teil der nahöstlichen Region. Die israelische Führung wiederum betrachtet zwar den Staat Iran als legitim, nicht aber das politische System der Islamischen Republik. Israels Regierung will „Regime Change“, sagt, dass das iranische Regime verschwinden müsse, weil mit diesem ohnehin kein Frieden zu machen sei. Diese Lage erschwert Verhandlungen. Und es entsteht ein Zielkonflikt: Wie kann man das Verhalten eines Akteurs beeinflussen, wenn man diesen nicht zumindest de facto anerkennt?

WELT: Das klingt schwierig. Immerhin haben Vertreter der iranischen Führung Israel immer wieder mit Vernichtung gedroht.

Gerlach: Natürlich. Aber zu Beginn war die von der Islamischen Republik erklärte Feindschaft gegenüber Israel vor allem propagandistisch wirksam. Ein Mittel, um mit revolutionärer, letztlich antiimperialistischer Rhetorik im islamischen Gewand die Muslime, den Nahen Osten und Teile der sogenannten Dritten Welt auf seine Seite zu ziehen. Das schien beiden Seiten klar zu sein. Noch in den 1980er-Jahren hat Israel die Islamische Republik heimlich im Krieg gegen den Irak Saddam Husseins unterstützt und sich sogar in Washington dafür eingesetzt, dass die Amerikaner Teheran und nicht Bagdad stärken. Das belegen auch neuere Aktenfunde.

WELT: Wie hat sich dieses Verhältnis zu echter Feindschaft gewandelt?

Gerlach: Zunächst verschärften sich regionale Konflikte zwischen Iran und Israel, etwa im Libanon. In den 2000ern marschierten die USA in Afghanistan und dem Irak ein, und der Iran begann ein militärisches Atomprogramm. Drohungen aus Teheran bekamen nun ein anderes Gewicht für Israel. Umgekehrt verschärfte sich auch die israelische Rhetorik gegenüber dem Iran. Mit der Zeit, insbesondere aber seit dem 7. Oktober 2023, rückte das erklärte Ziel, dass der Iran sich „wie ein normales Land benehmen“ solle – so einst Netanjahus Worte – nach hinten und die Forderung nach „Regime Change“ in den Vordergrund. Das Regime, das natürlich nicht zwischen sich und dem Iran als souveränem Staat unterscheidet, sah sich in seiner Existenz bedroht. Anders als die Israelis baute man zwar keine Atomsprengköpfe, wollte sich aber befähigen, dies schnell tun zu können, wenn die Lage sich weiter zuspitzt.

WELT: War diese Eskalation nicht unausweichlich? Oder gab es in der Geschichte dieses Konflikts Ansätze, die sich konstruktiv hätten nutzen lassen können?

Gerlach: Eigentlich gibt es ja keinen territorialen Konflikt zwischen beiden Staaten, wenn wir die Palästinafrage, mit der Iran nur indirekt zu tun hat, ausklammern. Am Ende des ersten Golfkriegs 1988 erklärte sich der Iran vertraglich dazu bereit, den Weg für ein regionales Sicherheitssystem in der Golfregion und dem Nahen Osten zu öffnen. Daraus hätte so etwas wie die KSZE in Europa werden können. Natürlich hätte Israel da mit am Tisch sitzen müssen – sonst bringt es wenig – und der Iran hat das stets abgelehnt. Damit hat man sich einiges verbaut.

WELT: Also ist jetzt jeder Ausweg blockiert?

Gerlach: Letztlich war es im Nahen Osten oft so, dass Anführer von Konfliktparteien, die sich gegenseitig nicht unterwerfen konnten, die andere Seite als Akteur akzeptiert haben, um eine pragmatische Lösung zu finden – auch wenn Ideologie und Rhetorik etwas anderes vermuten ließen. Es ist nicht auszuschließen, dass eine solche Lösung die längerfristige Folge des aktuellen Krieges sein wird. Was die USA und den Iran betrifft, so zeichnet sich eine derartige Entwicklung bereits ab. Mit einer Normalisierung der Beziehungen zum Iran käme allerdings der nächste Zielkonflikt, der die Menschenrechte im Land betrifft.

WELT: Eben. Würde man das Regime im Iran nicht stabilisieren und implizit dessen Gräuel legitimieren, wenn man einen solchen Deal einginge?

Gerlach: Zunächst höchstwahrscheinlich schon. Aber wenn man ein Dilemma zwischen zwei Erfordernissen nicht auflösen kann, muss man sich ja trotzdem für eines davon entscheiden. Mit einer Einigung und einer De-facto-Anerkennung der Machtverhältnisse im Iran könnte man auf ein Ende des Krieges hinwirken und die Bedrohung durch ein militärisches Atomprogramm einhegen. Andererseits erreicht man mit militärischen Angriffen wie zuletzt nichts für die Menschen, sondern, wie man sieht, eher das Gegenteil. Krieg ist die spekulativste Form von Politik. Die Annahme, militärische Gewalt führe verlässlich zu besseren Ergebnissen als Diplomatie, lässt sich historisch kaum belegen.

WELT: Sind Menschenrechte nicht ein besserer Kriegsgrund als Öl oder Territorium?

Gerlach: Es ist unglaubwürdig und falsch, einen Krieg, den man aus anderen Gründen führt, mit den Menschenrechten zu begründen. Schon in den Kriegen zwischen den Byzantinern und den Sassaniden in der Spätantike wurden moralische Argumente ins Feld geführt: Das christliche Byzanz warf den Sassaniden mitunter vor, das Christentum zu unterdrücken. Die Sassaniden unterstellten, dass Byzanz ihre Feuerheiligtümer schände und seinerseits die orientalischen Christen unterdrücke, die nicht seiner „orthodoxen“ byzantinischen Staatskirche folgten. Beides stimmte, war aber als Kriegsgrund vorgeschoben.

WELT: Aber gibt es denn ohne militärischen Druck irgendeine Hoffnung auf eine Demokratisierung im Iran?

Gerlach: Es geht zunächst nicht um Demokratisierung, sondern um ein Ende der Unterdrückung großer Teile der Bevölkerung durch ein System, das sich nur selbst erhält, das seine Justiz nicht gebraucht, um Gerechtigkeit herzustellen, sondern um abzuschrecken. Eine Demokratisierung im westlichen Sinne ist nicht ausgeschlossen, kann aber gewiss nicht von außen erzwungen werden. Die Streitfrage ist, ob innerhalb des aktuellen Rahmens ein Wandel möglich ist, der etwas Neues entstehen lässt. Gleichwohl findet Transformation statt – vor allem in der Gesellschaft, was die Voraussetzung für politische Veränderung ist.

WELT: Nennen Sie ein Beispiel.

Gerlach: Der Kopftuchzwang – die für das System eigentlich elementare Kontrolle der Frau im öffentlichen Raum – scheint in großen Städten wie Teheran heute bedeutungslos. Er lässt sich nicht mehr durchsetzen, also verändert sich etwas im System. Welche Folgen der Krieg für die innere Machtdynamik hat, ist noch zu früh zu beurteilen. Das iranische System basiert auf einem Bündnis verschiedener Machtzentren: Klerus, Justiz, Revolutionsgarde, Teile der Wirtschaftselite. Wenn eines dieser Elemente ins Wanken gerät oder ausschert, entsteht eine neue Dynamik.

WELT: Lässt sich Wandel im Iran von außen befördern?

Gerlach: Sanktionen, Isolation und militärische Angriffe haben das Regime – unabhängig von der Frage, ob sie gerechtfertigt waren – verhärtet und gestärkt. Was das Gegenteil bewirkt, lässt sich nicht sicher sagen. Immer dann, wenn es kurzzeitig eine Entwicklung in diese Richtung gab, kamen wieder Kriege und größere Spannungen im Nahen Osten auf. Als nach dem Atomdeal von 2015 eine Phase der wirtschaftlichen Öffnung folgen sollte, beendete Trump das Abkommen. Vermutlich zeitigt Öffnung gegenüber der iranischen Gesellschaft, kombiniert mit gezieltem Druck auf verantwortliche Akteure, am ehesten Veränderung. Aber das ist kompliziert und auch hier wird man auf viele Widersprüche stoßen. Man kann in ein Land einmarschieren und die Regierung stürzen. Aber die Vorstellung, man könne durch äußeren Druck einen stabilen Systemwechsel herbeiführen, ist illusionär. Wandel entsteht eher durch interne Dynamiken, die von außen unterstützt, aber nicht erzwungen werden können.

Daniel-Dylan Böhmer, Senior Editor im Ressort Außenpolitik, bereist die Länder des Nahen Ostens seit Jahrzehnten. Er befasst sich vor allem mit regionalen und globalen Sicherheitsthemen und wird regelmäßig als Experte in nahöstlichen TV- und Radiosendern befragt.

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