Antisemitismus tritt im Deutschrap selten offen auf, sondern wird meist über Codes, Chiffren, Andeutungen, Verschwörungsmythen und Metaphern vermittelt. Da ist etwa von der „Ostküste“ die Rede, von den „Rothschilds“, „Freimaurern“ oder „Illuminaten“.

Wie selbstverständlich solche Formeln Teil der Selbstinszenierung von Musikern geworden und ins popkulturelle Repertoire eingesickert sind, haben die Sozialwissenschaftler Maria Kanitz und Lukas Geck in ihrem 2025 im Verbrecher Verlag erschienenen Buch „Lauter Hass“ nachgewiesen. Solche Codes seien zwar von der Kunstfreiheit gedeckt, transportierten jedoch ein Weltbild, „in dem ‚Juden‘ als übermächtige, gierige Finanzelite fantasiert werden“, weisen die Autoren schlüssig nach.

Im neuen Song „Killuminati“ des Rap-Superstars Kollegah, der mittlerweile unter seinem bürgerlichen Namen Felix Blume auftritt, muss man nicht nach Codes und Chiffren suchen, um Antisemitismus zu finden. „Komm ma’ ran, Donald Trump, du kannst mir hier viel erzähl’n, aber mach mir nicht auf Boss, du Handpuppe Israels“, heißt es darin. „Schickst Soldaten in den Tod, machst dir die Hände dreckig, für eine verblendete, messianische Endzeitsekte.“

Der zum Islam konvertierte Deutsche hält den einzigen jüdischen Staat offenbar für derart mächtig, dass dieser den US-Präsidenten unter Kontrolle habe – und bedient damit ein klassisches antisemitisches Stereotyp der übermächtigen Juden. Noch eindeutiger ist die Zeile, in der jüdische Organisationen zur „Endzeitsekte“ erklärt werden. Hier wird nicht mehr angedeutet, sondern offen diffamiert.

„In ‚Killuminati‘ holt Kollegah den Vorschlaghammer raus und packt die ganz heißen Eisen an“, jubelt das Rechtsaußen-Magazin „Compact“. „Er rappt gegen die Tech-Barone, Netanjahu, Trump, Bankendynastien und die Epstein-Elite. Amerika und Israel bekommen ihr Fett weg.“ In dem Song spricht Kollegah von einem „Völkermord in Gaza“ und markiert Juden als Feinde: Mark Zuckerberg, Jeffrey Epstein, Harvey Weinstein. Einzelne Namen werden zu Chiffren für ein kollektives Feindbild verdichtet.

Und das Publikum? „Endlich werden mal die richtigen gedisst, bitte mehr davon!!!“, heißt es in einem YouTube-Kommentar mit Hunderten Likes. Oder: „Die Welt ist noch nicht gerettet, aber der Widerstand erstarkt.“ Und: „Letzter Rapper der die Wahrheit spricht in diesem Einheitsbrei.“ Kritische Stimmen sind unter dem Song nicht vorhanden, Medienberichte kaum zu finden. „Der germanische Boss“, feiern die Zuschauer ihr Idol.

Das spielt darauf an, dass Kollegah sich in dem Video als germanischer Krieger im Kampf gegen römische Soldaten inszeniert und damit auf die Varusschlacht anspielt, in der ein germanisches Heer unter Führung des Cherusker-Fürsten Arminius drei römische Legionen schlug. „Ich führ’ kein Heer, doch das Wort ist mein Schwert“, rappt Blume. In einer vorherigen kürzlichen Veröffentlichung hatte er angekündigt, er werde als „Kanzler für Deutschland kämpfen bis aufs Blut“ – Politiker seien „am Lügen“ und „das Volk am Schlafen“.

Bereits im 18. und 19. Jahrhundert war im Zuge der Nationalstaatsbildung die Vorstellung verbreitet worden, die Germanen seien die „Vorfahren der Deutschen“. Arminius wurde zu einer Projektionsfigur des aufkommenden deutschen Nationalismus und als „Hermann der Cherusker“ zum deutschen Nationalhelden verklärt.

Die Nationalsozialisten radikalisierten diese „Verdeutschung“ später. Es entstand ein rassisch aufgeladener Germanenkult. Der Hermann-Mythos wurde zum ideologischen Werkzeug, vor dem Hermannsdenkmal marschierten Hitlerjugend und SA auf. Auch die Neue Rechte nutzt Arminius längst als Mythos eines „ethnokulturellen Verteidigers“.

Kollegah, der seine Hörer immer wieder mit ausgefallener sprachlicher Kreativität, komplexen Reimschemata und einem ungewöhnlichen Rap-Stil überzeugt, war Ende der 2010er-Jahre einer der erfolgreichsten deutschen Musiker. Sein Antisemitismus, der schon seit vielen Jahren offen zutage tritt, stört seine Fans offenbar nicht – oder wird von ihnen bewusst in Kauf genommen.

In der im vergangenen Jahr im Campus Verlag erschienenen Dissertation „Antisemitismus im deutschen Gangsta-Rap“ des Sozialwissenschaftlers Jakob J. Baier hat es Kollegah zu ganzen 670 Erwähnungen geschafft. Demnach verbreitete der Künstler bereits Karikaturen, in denen Juden mit Hakennase und schwulstigen Lippen dargestellt und ihnen die Kontrolle über Schlüsselinstitutionen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft zugeschrieben wird.

Kollegahs Bezugnahmen auf die Geschichte, Ideologie und Vernichtungspraxis des Natio­nalsozialismus seien „besonders zahlreich, unverhohlen und stilprägend“, stellt Baier fest. Der Autor bescheinigt dem Rapper etwa einen „ausgeprägten Zynismus gegenüber Shoah-Opfern“.

Dass ein solches Weltbild von einem Millionenpublikum gefeiert wird, während Widerspruch derart leise bleibt, offenbart eine erschreckende Bereitschaft, antisemitische Ideologie zu normalisieren – und sagt damit mehr über die Gesellschaft aus als über Kollegah.

Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“. Dies ist die 39. Ausgabe seiner zweiwöchentlich erscheinenden Kolumne „Gegenrede“.

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